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Von wegen "Zeit heilt alle Wunden"! 6 Sprichwörter, die TOTAL daneben liegen

Frau ist genervt von Sprichwörtern
© stockfour / Shutterstock
Nichts gegen Traditionen und schon gar nichts gegen Sprache – aber einige unserer sprachlichen Traditionen sind nicht besonders hilfreich. Auf diese Sprichwörter können wir – zumindest in der Praxis – gut und gerne verzichten!

1. Zeit heilt alle Wunden.

Erstens ist das der schlechteste Trost überhaupt. Jemandem, dem es schlecht geht, zu sagen, dass es garantiert besser wird, wenn er oder sie nur lange genug wartet, hilft einfach null.

Zweitens stimmt es auch (leider) nicht. Für alle Menschen, die wegen Traumata oder anderer psychischer Probleme in jahrelanger Therapie hart daran arbeiten, ihre Wunden zu heilen, ist dieses Sprichwort blanker Hohn.

Wer einen geliebten Menschen verloren hat, wird drittens vielleicht auch eine gegenteilige Erfahrung machen: Denn oft wird mit jedem Tag, mit jedem Erlebnis, das man mit dieser einen Person teilen möchte, die Sehnsucht größer und die Endgültigkeit des Getrenntseins unerträglicher ...

2. Jeder ist seines Glückes Schmied.

Grundsätzlich stimmt es, dass wir vieles aus eigener Kraft erreichen können. Und wir können nur durch unsere Einstellung fast alles irgendwie positiv drehen.

ABER: Ist etwa jeder, der mal in Schwierigkeiten steckt, selbst daran Schuld?! Weil er sich zu blöd anstellt, den Hammer in die Hand zu nehmen und aus Dreck Gold zu machen?

Nee, nee, nee. Manchmal spielt das Leben eben schlechte Karten aus, und fast jeder Mensch muss mal eine ziehen. Wenn wir mit unserer Lebenssituation unzufrieden oder unglücklich sind, heißt das nicht, dass wir schwach und selber Schuld sind.

Vieles können wir lenken, beeinflussen oder so nehmen, dass wir glücklich davon kommen. Doch wenn uns das mal nicht gelingt, hat das absolut nichts mit Unvermögen zu tun.

3. Andere Mütter haben auch schöne Söhne.

Als würde das bei Liebeskummer irgendetwas helfen ...

4. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

In welcher Situation ist Klappe halten denn bitte der Königsweg? Missverständnisse räumt man nur aus, indem man miteinander redet. Stellung kann man nur beziehen, indem man seine Meinung äußert.

Klar sind Leute, die nichts sagen, bequem. Aber ist es immer das Beste, es anderen bequem zu machen? Sollten wir nicht etwas sagen, wenn wir zum Beispiel hören, wie jemand gegen Minderheiten hetzt?

Ein Ausnahmefall, in dem dieses Sprichwort gilt, ist, wenn es darum geht, Geheimnisse zu bewahren, die uns anvertraut wurden.

5. Ein Indianer kennt keinen Schmerz.

Bekommen gerade Jungs und Männer oft gesagt, damit sie ihre Gefühle nicht zeigen, denn Gefühle zeigen ist ja ach so unmännlich und schwach.

Nur blöd, dass unterdrückter Schmerz uns (Menschen) meistens wieder einholt und irgendwann umso heftiger zurückschlägt.

Auch blöd, dass, wenn andere uns Schmerz zufügen und wir uns nichts anmerken lassen, sie es immer wieder tun, weil sie ja nicht wissen, welchen Schaden sie anrichten ...

6. Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

Natürlich. Weil die Welt von sich aus gerecht ist und jeden sofort bestraft, wenn er oder sie anderen etwas Böses tut. Deshalb haben wir auch so ein umfangreiches Rechtssystem und so viele Polizisten.

In Wahrheit fahren Menschen oft genug gut damit, wenn sie andere in die Pfanne hauen oder intrigieren.

Und wenn das Sprichwort als Abschreckung dienen soll, ist das ein Armutszeugnis. Schließlich sollten wir andere nicht deshalb gut behandeln, weil wir fürchten, andernfalls selbst auf die Nase fallen, sondern weil es selbstverständlich ist, dass man niemandem Schaden zufügt!  

sus

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