Urteil im Fall Morsal: "Ehre, was ist das? Ich kenne keine Ehre"

Lebenslänglich für Ahmad Obeidi: Der Deutsch-Afghane hatte im Mai 2008 seine Schwester Morsal getötet, weil er ihren freien Lebensstil ablehnte. BRIGITTE-Redakteurin Katrin Schmiedekampf hat die turbulente Urteilsverkündung beobachtet.

Die schwarzhaarige Frau im türkisfarbenen Pulli weint. Sie kreischt. Sie trommelt mit ihren Fäusten gegen die dicke Plexiglasscheibe, die den vorderen Teil des Gerichtssaals vom hinteren abtrennt. Dort drüben auf der Anklagebank, für sie unerreichbar, sitzt ihr Sohn Ahmad Obeidi. Eben hat die Schwurgerichtskammer des Hamburger Landgerichts ihr Urteil gegen den Deutsch-Afghanen gesprochen. Der Mann, der seine 16-jährige Schwester Morsal im Mai des vergangenen Jahres in einen Hinterhalt lockte und mit 23 Messerstichen tötete, soll wegen Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßen. Er habe das Mädchen vorsätzlich umgebracht, um die Ehre der Familie wieder herzustellen und dabei heimtückisch und aus niederen Beweggründen gehandelt, befindet das Gericht. Ahmad Obeidi habe seine Schwester an einen dunklen Ort gelockt, sie sei arg- und wehrlos gewesen, habe nicht mit einem Angriff gerechnet. Die Tat sei "verachtenswürdig" und "moralisch und sittlich auf unterster Stufe" gewesen.

Es gelten die Vorstellungen der Rechtsgemeinschaft in Deutschland und nicht die einer afghanischen Volksgruppe: Die Tötung eines Menschen aus Gründen der sogenannten Ehre sei dann ein niedriger Beweggrund, wenn der Täter mit den deutschen Rechts- und Wertvorstellungen vertraut sei. Da er schon lange in Deutschland lebe und hier auch zur Schule gegangen sei, habe Ahmad Obeidi diese Rechtsvorstellungen gekannt.

Die Familienangehörigen und der Angeklagte selbst reagieren auf das Urteil mit Protestrufen. Sie sind empört, können nicht glauben, was da eben verkündet worden ist. "Ihr habt mir meine Familie genommen", schreit Ahmads kleiner Bruder, der ganz vorne auf einer Bank im Zuschauerraum sitzt. "Jeder Kinderficker wird in Deutschland zu einer Bewährungsstrafe verurteilt - aber in diesem Fall gebt ihr lebenslänglich", ruft ein anderer Mann und rennt aus dem Gerichtssaal. Ahmad Obeidi wirft einen Aktenordner in Richtung des Staatsanwalts und beschimpft ihm mit den Worten: "Du Hurensohn, ich ficke deine Mutter."

Die Menschen im Zuschauerraum sind froh, dass es vor dem Einlass strenge Taschen- und Körperkontrollen gab, dass mehrere Sicherheitsleute für Ruhe im Saal sorgen. Die Stimmung ist so explosiv, dass einige sich vor Übergriffen fürchten.

Der Vorsitzende Richter Wolfgang Backen lässt sich von all dem nicht beirren. Auf die vielen Zwischenrufe geht er nicht ein. Ruhig und sachlich schildert er in seiner Urteilsbegründung noch einmal, was sich am Tag der Tat, dem 15. Mai 2008, genau zutrug. Wie Ahmad Obeidi gegen 17 Uhr seiner jüngeren Schwester Morsal begegnete und sich mal wieder über ihre Kleidung ärgerte, über ihren kurzen Rock, das knappe Oberteil. Wie er später, in einem Dönerladen, vier Mädchen traf, die sagten, Morsal habe schon Geschlechtsverkehr, sie rauche Gras und prostituiere sich. "Das alles bestätigte Ahmad Obeidi darin, dass die Versuche der Familie, das Mädchen zu einer afghanischen Frau zu erziehen, gescheitert waren", sagt der Richter, "Ahmad beschloss daher, Morsal zu töten, um die Ehre der Familie wieder herzustellen."

Wütend unterbricht Ahmad Obeidi den Vortrag. "Ehre, was ist das? Ich kenne keine Ehre", ruft er empört. "Seien Sie ruhig", sagt der Richter und fährt fort. Er berichtet, wie Ahmad Obeidi seinen Cousin anrief und ihn überredete, Morsal zu einer Hamburger U-Bahn-Station zu locken. Sie sei von Zuhause weggelaufen, er wolle mit ihr reden, sie habe ein falsches Verständnis von Freiheit, behauptete er. Später am Abend, gegen 23 Uhr, brachte der Cousin Morsal tatsächlich zum vereinbarten Treffpunkt. Das Mädchen ahnte nicht, dass sie hier ihrem Bruder begegnen würde. Sie saß auf einer Mauer, rauchte, hörte Musik aus ihrem MP3-Player. Dann tauchte Ahmad auf. "Arbeitest Du als Prostituierte?", fragte er. Hinter seinem Rücken verbarg er ein aufgeklapptes Messer. "Das geht Dich einen Scheißdreck an", antwortete Morsal.

"Der Angeklagte stach dann mit Tötungsabsicht auf das Mädchen ein", sagt der Vorsitzende Richter. Ahmad Obeidi habe seinen Tötungsplan nicht spontan gefasst, sondern sich schon vorher einen Plan zurecht gelegt. Morsals Antwort sei nicht derart beleidigend gewesen, dass sie die Stiche mit Tötungsabsicht erklären konnten. "Herr Obeidi hat seine Tat nicht kurze Zeit später bereut, sondern sie sogar gerechtfertigt", sagt der Richter und erwähnt ein Telefonat mit den Eltern und ein Gespräch mit einem Taxifahrer, in denen Ahmad Obeidi seine Tat jeweils mit Morsals Lebenswandel begründete. "Er fühlte sich verpflichtet, die letzte Möglichkeit zu ergreifen, um das Ansehen der Familie wieder herzustellen."

Laut Gericht war Ahmad Obeidi bei Begehung der Tat voll schuldfähig. Die Strafkammer folgte damit der Diagnose der Sachverständigen Marianne Röhl nicht, die bei dem Angeklagten zum Tatzeitpunkt eine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit feststellte.

Nach der Urteilsverkündung, als der Saal geräumt wird, droht Ahmads Mutter, aus einem Fenster des Gerichtssaals zu springen. Später, draußen auf der Straße, will sie vor ein Auto laufen und wird gerade noch zurückgehalten. Mit offenem Mantel rennt sie durch den Schnee, muss von ihrem Mann und einem Onkel gestützt werden. Ist es die Wut auf den Sohn, die sie zu dieser heftigen Reaktion treibt? Oder die Wut auf die Richter? Hatte sie gehofft, dass es nur zu einer Verurteilung wegen Totschlags komme, wie es seine beiden Anwälte forderten? Wünschte sie sich gar, dass er in die Freiheit entlassen werde? Wie stehen Frau Obeidi und die anderen Familienangehörigen wirklich zu der Tat von Ahmad Obeidi? Glauben sie, dass die Ermordung Morsals der einzige Weg zur Wiederherstellung der Familienehre sein konnte?

Mutter, Vater und die übrigen Kinder haben während des gesamten Prozesses von ihrem Recht Gebrauch gemacht, die Aussage zu verweigern. So bleibt bis zuletzt unklar, was sie tatsächlich von der Tat des 24-Jährigen halten. Die vielen Aufschreie und wütenden Proteste während der Urteilsverkündung deuten jedoch darauf hin, dass sie mit dem Verlauf des Verfahrens nicht einverstanden sind.

Möglicherweise fühlen sie sich ebenfalls schuldig - schließlich wurde bei der Urteilsbegründung nur zu klar: Jeder von ihnen hat seinen Teil dazu beigetragen, dass Morsal Obeidi sterben musste. Die Familie saß zwar nur in der ersten Reihe des Zuschauerraums - aber schnell entstand der Eindruck, auch sie säße neben Ahmad Obeidi auf der Anklagebank. Der Vorsitzende Richter machte immer wieder deutlich, dass die Familie keine Anstalten machte, sich in Deutschland zu integrieren. Morsal sollte zu einer afghanischen Frau erzogen werden. Seit dem Jahr 2005 wurde sie von der gesamten Familie kontrolliert. Das selbstbewusste, sensible, durchsetzungsfähige Mädchen wurde von Geschwistern und Eltern geschlagen, weil es sich schminkte und kurze Röcke trug. Ihr Vater bedrohte Morsal sogar einmal mit einem Messer. "Auf Ahmad Obeidi lastete eine große Erwartungshaltung der Familie", sagte der Vorsitzende Richter. "Auch wenn die Eltern hier nicht angeklagt worden sind - sie trifft eine hohe moralische Mitschuld."

Die Verteidiger von Ahmad Obeidi wollen gegen das Urteil vorgehen - sie planen, Revision einzulegen.

Text: Katrin SchmiedekampfFoto: Getty Images
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