Wahlverlierer: Böse Miene zum guten Spiel

Die Welt feiert mit Obama- BRIGITTE.de-Redakteur Henning Hönicke erfreute sich in der Wahlnacht aber mehr an den schlecht gelaunten Wahlverlierern.

Show! Polemik! Emotionen! Seien Sie ehrlich - irgendwie sind es nicht nur die reinen Sachthemen, die uns am US-Wahlkampf so faszinieren. Spätestens seit der weniger gelungenen Amtszeit von George W. Bush sind wir in Deutschland voll auf den Gut-gegen-Böse-Zug aufgesprungen, der bei jeder Präsidentenwahl auch bei uns vorbeirattert. Die Feinheiten von Gesundheitswesen und Steuerreformen der USA kennen wir eigentlich nicht so genau - Hauptsache der blöde Romney gewinnt nicht.

Ich verfolge seit Jahren live jede US-Wahl - einerseits, weil ich in eine amerikanische Familie eingeheiratet habe und der Gewinner auch Einfluss auf meine Frau und Kinder haben wird. Andererseits, weil es einfach wahnsinnig spannend ist, wenn auf den letzten Metern die Stimmen ausgezählt werden. Und, ja, natürlich will auch ich nicht, dass Romney der nächste Präsident wird.

Wird er ja auch nicht. Alles gut gegangen, heute Morgen jubeln kurz nach fünf die Obama-Anhänger. Aber wissen Sie, wer noch lauter ist? Schlechte Verlierer. Und die sind in ihrer unreflektierten Trauer eigentlich viel interessanter als die glücklichen Gewinner - und dank Twitter und Facebook präsenter als je zuvor.

Den Anfang macht US-Milliardär und professioneller Mies-drauf-Gucker Donald Trump, der zunächst noch auf Twitter dazu aufrief, den neuen Präsidenten zu akzeptieren und jetzt mal gemeinsam anzupacken. Jetzt, wo sein Kandidat Romney verloren hat, gibt es kein Halten mehr, und Trump beschwert sich über eine “undemokratische” Wahl, die eine "Schande" sei.

Auch auf Facebook geht es natürlich heiß zur Sache: Meine Schwägerin, öffentlich hocherfreut über das Wahlergebnis, bekommt gleich zehn Sekunden später den Kommentar: “Fuck Obama! Freue mich schon auf seine Amtsenthebung!” Als sich der Bruder des Kommentar-Pöblers mit einem Romney-kritischen Satz meldet, tritt der enttäuschte Romney-Fan noch einmal nach: "Jeder Idiot, der unseren so genannten "Präsidenten" unterstützt, hat in meinem Leben nichts verloren, Familie oder nicht." Ich bin begeistert, es ist wie die Facebook-Fassung von "Fackeln im Sturm".

Der erzkonservative Sender Fox News (der sich, ohne Übertreibung, mal einen Tag darüber aufgeregt hat, welchen Senf Obama auf seinem Cheeseburger mag) kommt noch weniger mit dem Wahlergebnis klar und klinkt sich aus der bitteren Realität einfach mal aus: Während alle anderen Sender den Obama-Sieg melden, gibt man sich bei Fox rund eine Stunde lang die größte Mühe so zu tun, als wäre Romney kurz davor, im Endspurt abzusahnen. Mit düsterer Miene, als wären sie die letzten Passagiere auf der Titanic, versichern sich die Moderatoren gegenseitig, dass die aktuellen Zahlen zwar eine Mehrheit sein könnten, aber das eigentlich nichts zu sagen hätte (“Wahlsieger” und “Obama” sind dort vermutlich auch Stunden später nicht im gleichen Satz über den Sender gelaufen).

Die Welt lacht über uns!

Wieder bei Twitter hat sich Donald Trump richtig in Rage gelaufen: “Revolution!” möchte er jetzt bitteschön sofort haben. Und: “Wir müssen diese ekelhafte Ungerechtigkeit bekämpfen! Die Welt lacht über uns!” Naja, zumindest zur Hälfte hat er Recht.

Drüben bei Fox News motzt mittlerweile der republikanische PR-Profi Karl Rove die Moderatoren an, warum sie so frech waren, den Staat Ohio schon Obama zuzusprechen. Mit so einer Meinungsmache verbaut man sich nur die Chancen, doch noch zu gewinnen. Anschließend kritzelt er hektisch imaginäre Wahlergebnisse auf einen Zettel und betont immer wieder: Nein, alles ist gut. Die Moderatoren verbergen ihr Fremdschämen so schlecht, dass sie mir schon richtig leidtun.

Und was bedeutet der ganze Ärger jetzt für uns? Auf den ersten Blick nichts außer ein paar Tagen realitätsferne Posts auf Twitter und Facebook. Aber vielleicht könnten die missmutigen Wahlverlierer das überholte Wahlsystem der USA in den Grundfesten erschüttern: Im Gegensatz zu der großen Mehrheit an "Wahlmännern", die Obama hat (und die von einzelnen Staaten gestellt werden, die komplett an den jeweiligen Kandidaten gehen), ist die Wahl bei der Anzahl der Gesamtstimmen deutlich knapper. Schon oft forderten liberale Politiker, sich endlich von dem überholten System zu lösen, und einfach die Mehrheit der Gesamtstimmen den Präsidenten bestimmen zu lassen. Bisher haben sich die Republikaner immer dagegen gewehrt, das System hatte ihnen stets ganz gut geholfen. Nun selbst Opfer dieser Regelung, werden auch aus dem konservativen Lager die Stimmen laut, dass es bei der Wahl um die Mehrheit der Bürger gehen soll, nicht um einen dubiosen Mix aus Bundesstaaten und Wahlbezirken (und ja, Trump twittert natürlich auch schon, dass man da dringend mal ran muss, neben der Revolution, versteht sich).

Überfällige Reformen dank kindischem "Ist gemein!"-Trotz? Es wäre wünschenswert, und würde die nächste Wahl fairer und transparenter machen. Und auch in vier Jahren wird es wieder spannend. Bereits jetzt trendet auf Twitter: #Hillary2016.

Aber auch ohne Wahlmänner wird der nächste Wahlkampf wieder viel Polemik und überspitzte Emotionen mitbringen. Nein, natürlich wünsche ich mir auch lieber Politik, die Probleme löst, statt den Gegner zu beschimpfen. Aber heute, nur heute, ruhe ich mich mal auf meinen niederen Instinkten aus und verfolge weiter, wie sich die Wahlverlierer in der Öffentlichkeit immer lächerlicher machen. Schadenfreude? Yes we can!

Community-Umfrage: Mehr Emotionen im Wahlkampf?

Und jetzt ist Ihre Meinung gefragt: Stört es Sie, dass es auch in Deutschland immer mehr um Image und Emotionen statt Inhalte in der Politik geht? Oder sind sie eher froh, wenn Politiker neben nüchternen Debatten auch menschlich sein dürfen? Könnten Sie sich eine schwächere Form des US-Wahlkampfes auch bei uns vorstellen? Hier können Sie in den Foren abstimmen.

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