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Krise in Venezuela: Das Leid der Frauen und Mädchen

So viele Ölreserven wie Venezuela hat kein anderer Staat auf der Welt. Es könnte ein blühendes Land sein - doch die Menschen hungern. Vor allem alleinerziehende Mütter versuchen, ihre Familien im Nachbarland Kolumbien durchzubringen. 

Vor der Krise hatten sie ein gutes Leben

Veronica Martinez hat weitergemacht, bis es nicht mehr ging mit dem Hungern. Zuletzt konnten sie und ihre vier Kinder nur noch an zwei Tagen im Monat essen, für mehr reichte ihr Lohn nicht. Die wenigen Lebensmittel, die es noch gab, wurden immer teurer, um eine Million Prozent in einem Jahr.

Veronica, 41, ist Bäckerin, sie arbeitete in einem Laden in Maracay, einer Großstadt im Norden Venezuelas. Es war lange ein gutes Leben, ihr Mann war Polizist, Cinthya, 21, die älteste Tochter, studierte Medizin, Yorleana, 19, machte eine Ausbildung zur Feuerwehrfrau, die beiden Jüngsten, Engelbert, 12, und Yorleidy, 16, gingen zur Schule. Dann wurden die Schlangen vor den Läden immer länger. Die Fabriken schlossen, schließlich die Geschäfte, auch ihr Bäckerladen. Die Geldautomaten gaben kein Geld mehr aus. Es gab tagelang keinen Strom. Immer mehr Leute aus ihrem Viertel in Maracay gingen fort. Auch ihr Mann. Ohne sie.

Ein Drama, von dem die Welt kaum Notiz nimmt

Ein Drama hat Veronica und ihre Familie nach Kolumbien getrieben, von dem die Welt kaum Notiz nimmt. Es ist der Verfall des einstmals wohlhabenden Staates Venezuela, das Land mit den achtgrößten Erdgas- und den größten Ölreserven der Welt. Doch Misswirtschaft und Willkür haben es in den Abgrund getrieben. Heute hungern nach Schätzungen 90 Prozent der Bevölkerung, 50 Prozent davon massiv.

Venezuela, am Nordrand Südamerikas, Millionen Einwohner, könnte eines der reichsten Länder der Welt sein. Jetzt ist es eines der jammervollsten. Die Menschen fliehen. Vier Millionen sind schon fort, das UNHCR schätzt, dass es bis Jahresende 5,3 Millionen sein werden, 16 Prozent der Bevölkerung.

Es ist die größte Migration in der Geschichte Lateinamerikas.

"Drei Monate habe ich überlegt", sagt Veronica, eine schmale Frau in Jeans und weißem Polo-Shirt und mit sehr warmen Augen. "Ich hatte Angst, alles aufzugeben, das Haus, das ganze Umfeld. Aber es hieß: Geh nach Kolumbien, da gibt es Essen. Wenn du hart arbeitest, schaffst du es da." Vor eineinhalb Jahren fuhren sie mit dem Bus nach San Antonio im Westen Venezuelas und gingen über die 315 Meter lange Brücke "Simón Bolívar", die beide Länder verbindet, in die kolumbianische Grenzstadt Cúcuta; eine ID-Karte genügt, um legal auf die andere Seite zu gelangen.

Veronica buk wieder Brot und Kekse, verkaufte sie auf dem Markt, einen besseren Job fand sie nicht – die Kolumbianer nehmen die Venezolaner freundlich auf, aber auch viele Kolumbianer haben keine ausreichend gut bezahlte Arbeit, die Schere zwischen Arm und Reich ist riesig. Staatliche Unterstützung für die Migrant*innen gibt es nicht, Veronicas Familie wohnte bei Bekannten oder in Herbergen, in denen eine Nacht auf der Pritsche eines Stockbettes einen Dollar kostet. Acht Nächte schliefen sie auf der Straße. Wenn Veronica erzählt, wirkt es, als sehe sie den Dingen, wie sie gekommen sind, noch immer fassungslos zu.

Manchen bleibt nichts anderes übrig, als ihren Körper zu verkaufen

Seit ein paar Monaten haben sie eine Wohnung. Ein Halbbruder schickt 50 000 Pesos im Monat, 14 Euro. "Es ist die beste Unterkunft bisher", sagt Veronica. Das Haus liegt in einem Slum am Ortsrand Cúcutas, unverputzte Steinbauten mit Wellblechdach, die jahrelang leer standen. Jetzt leben im ganzen Viertel Menschen aus Venezuela. An der Straße aus holprigem Lehm spielen die Kinder mit einem Faden silbernen Geschenkbandes, der irgendwo im Müll lag.

Der Slum am Ortsrand von Cúcata, in dem Veronica lebt. Bevor die Migranten kamen, standen die Häuser leer.

Es gibt kaum Möbel, nur eine Kommode, ein Bett für die Großmutter, ein Sessel, aus dem das Futter quillt. Auf ihm sitzt Veronica mit ihrem Sohn, zwei Töchter hocken auf der Lehne. Die Großmutter steht dahinter, steif, aufrecht. Sie sagt kein Wort, als könne sie ihre Würde nur wahren, wenn sie ihr jetziges Leben unkommentiert lässt. Die 19-jährige Yorleana sitzt etwas abseits und betrachtet den Boden. Zu Hause in Venezuela wollte sie Feuer löschen und Erste Hilfe leisten, jetzt geht sie nicht mehr aus dem Haus. Sie weiß, dass eine Hilfsorganisation im Gemeindezentrum einmal in der Woche Gespräche mit einer Psychologin anbietet, aber sie geht nicht hin. Die Mutter sagt: "Sie denkt, sie hat uns im Stich gelassen." 

Die Familie von Veronica Martinez (sitzend, mit einem Nachbarskind) in ihrer kahlen Wohnung. Yorleana (2. v. l.) wagt sich vor Scham nicht aus dem Haus. 

Yorleana sagt, dass sie ihren Körper verkauft hat, als sie gar kein Geld mehr hatten. Sie erzählt leise aber direkt davon, die Kunden seien kolumbianische Männer gewesen, die sie anriefen und in ein Hotel bestellten, den Kontakt habe eine Bekannte vermittelt. "Drei Männer brachten 150 000 Pesos, eine halbe Miete, manchmal mehr", sagt sie. Zwei Monate, dann habe sie es nicht mehr ausgehalten. Die Arbeit, die respektlosen Sprüche der Nachbarn. Ihre Mutter sieht sie an, nickt, sie sagt: "Ich wollte es nicht, aber es gab keinen anderen Ausweg." Sie sind jetzt mit der Miete im Rückstand, der Vermieter hat angekündigt, dass sie in zwei Tagen ausziehen müssen.

1,4 Millionen Venezolaner sind schon nach Kolumbien geflohen

Korruption, gefälschte Wahlen, staatlich regulierte Preise und Löhne, Milizen, die ganze Landesteile kontrollieren: All das schwächte Venezuela, vom System her eine Art kubanisch inspirierter Sozialismus, über Jahre. Doch das Land kollabierte komplett, als 2014/15 der Ölpreis einbrach. Seitdem sind viele Schulen dauerhaft geschlossen, es gibt kaum mehr Medikamente, tagelang keinen Strom, Lebensmittel werden in WhatsApp-Gruppen gehandelt, eines der wichtigsten Importgüter ist Papier zum Gelddrucken. Aus der Ferne wirkt es wie der Machtkampf zweier Präsidenten, dem amtierenden Nicolás Maduro und dem von Deutschland, Frankreich, den USA und auch Kolumbien anerkannten Interimspräsidenten Juan Guaidó.

Doch für die Menschen geht es ums Überleben. Man spürt es im Trubel auf der Grenzbrücke "Simón Bolívar", über die auch Veronica kam. Die Brücke, gebaut auf Stahlträgern über den Grenzfluss Táchira, nennen sie hier "Parada“, den "Stop“, sie ist eine von vier legalen Übergängen zwischen den beiden Ländern, die nicht nur eine 2219 Kilometer lange Grenze verbindet, sondern auch eine lange Geschichte. Während des 52 Jahre währenden Bürgerkriegs flohen Hunderttausende Kolumbianer nach Venezuela; jetzt, da in Kolumbien seit drei Jahren offiziell Frieden ist und die Wirtschaft anzieht, kommen die Venezolaner. 1,4 Millionen leben offiziell im Land. Dazu kommen jene, die weitergehen wollen nach Peru, Ecuador, Chile, allein in Peru leben inzwischen fast 800 000 Migrant*innen. Anfangs gingen die Wohlhabenden, die Mittelschicht, inzwischen verwischt die soziale Zuordnung.

Reich ist jetzt, wer im Ausland Verwandte hat, die Geld schicken können. Die Parada ist der Grenzpunkt mit den meisten Übertritten und ein sichererer Weg als die grüne Grenze: Noch immer gibt es aktive Milizen in den kolumbianischen Wäldern – mit der ELN, nach der FARC die zweitgrößte Guerilla Organisation, hat Kolumbiens Regierung nie Frieden geschlossen. Auch Präsident Nicolás Maduro sendet auf venezolanischer Seite Schlägertrupps in die Grenzregion, Drogenhändler und Banden entführen Migranten*innen, vergewaltigen, erpressen sie.

Das Leben in Kolumbien ist hart

"Bienvenidos a Colombia" steht auf dem blau gestrichenen Stahlträger am Ende der Brücke – "Willkommen in Kolumbien". Dahinter liegt ein riesiger Straßenmarkt mit Erstversorgungswaren: Reis, Mehl, Trockenmilch, Wasser, Zucker, Medikamenten von Blutdrucksenkern bis Insulin. Viele Migrant*innen verdienen sich in Cúcuta mit kleinen Verkaufsständen oder Dienstleistungen ein paar Pesos, als Scheibenputzer an der Ampel oder Sänger auf Verkehrsinseln.

Gregoria Coromoto, 28, Mutter von fünf Kindern, sammelt Plastikflaschen und Altpapier. Der Einkaufswagen, den sie über die Plaza Principal schiebt, den Hauptplatz der Stadt mit Volkshelden-Büsten, Bänken, Eisständen und Blick auf die Ausläufer der Ost-Anden, ist gut gefüllt. 4000 Pesos bekommt sie dafür, 1,30 Euro.

Sie kam mit einer Garnitur Kleidung für jedes Kind, die sie immer noch tragen. Ein altes Ehepaar, dem Gregoria den Haushalt macht, lässt sie bei sich schlafen. Die Kinder sind schmutzig, Gregorias Rock hat Löcher. Trotzdem findet sie das Leben hier besser als zu Hause. "Es gibt etwas zu essen. Wenn man bettelt, geben die Leute was." Sie hat Tränen in den Augen, als sie das sagt, aber sie weint nicht.

Gregoria Coromoto mit ihren Kindern auf der Plaza Principal in Cúcuta, wo sie Plastikflaschen fürs Recycling sammelt. Sie möchte die älteren Kinder in der Schule anmelden, noch fehlen ihr dafür Papiere. 

Je mehr Venezolaner kommen, desto geringer wird die Hilfsbereitschaft in Kolumbien

Dass sie überlebt, liegt auch an den Lebensmittelhilfen, die sie von NGOs wie der Kinderhilfsorganisation Plan bekommt. Im örtlichen Büro stapeln sich Kartons mit Nahrung und Hygieneartikeln, gerade ist eine Lieferung Mangos eingetroffen, die das Team später verteilen will. Die Organisation kümmert sich um Schutz und Gesundheit der Migrant*innen und ihrer Kinder, klärt sie über ihre Rechte auf, organisiert auch Werbekampagnen gegen Ausländerfeindlichkeit.

Noch sei die Stimmung im Land stabil, sagt Guillermo Toro, der Leiter des Büros. Die Flüchtlinge würden offen empfangen, es gebe Hilfsbereitschaft. "Aber wenn immer mehr kommen, wird sich das ändern." Plan unterstützt in den Migrantenvierteln daher auch die kolumbianischen Nachbarn finanziell, "damit der Neid nicht wächst". Mit dem Neid hat Elkin Sánchez, Direktor des örtlichen "Jorge Cristo Sahium"- Krankenhauses, jeden Tag zu tun. "Die Kolumbianer sehen, dass ihr Krankenhaus überfüllt ist", sagt er, "das schürt Wut."

Er bittet in sein Besprechungszimmer, das abseits der am Eingang wartenden Menge im ersten Stock der kleinen Klinik liegt. "Anfangs konnten die Venezolaner ihre Rechnungen noch bezahlen", sagt er. "Jetzt nicht mehr. Die Leute kommen sogar mit Lepra." 

Sánchez darf nach Weisung der Regierung nur noch Migrant*innen behandeln, die als Notfälle kommen, die Normalversorgung übernehmen Hilfsorganisationen in den Gesundheitsstationen an der Grenze. Um 80 Prozent seien die Akutfälle im letzten Jahr gestiegen, um 300 Prozent die Geburten, sagt er.

Sieben von zehn Kindern, die hier auf die Welt kommen, haben eine venezolanische Mutter.

Langsam gehe der Klinik das Geld aus, denn obwohl die kolumbianische Regierung zugesagt habe, die Kosten für die Notfälle zu übernehmen, habe sie bisher nur 60 Prozent tatsächlich bezahlt.

Ein junges Paar auf der Brücke mit seinem kranken, zehn Tage alten Baby, für das es zu Hause keinen Arzt gibt. 

Alleinerziehende trifft die Not schneller 

Viele Frauen kommen als Alleinerziehende, sie trifft die Not schneller als eine Familie, in denen sich zwei Erwachsene ums Überleben kümmern können. Jenisbett Rodrigez, 27, dagegen kam mit ihrem Freund Rolando, dem Vater ihrer drei Kinder. Jetzt ist Rolando der Mensch, den sie am meisten fürchtet. Auch Jenisbett schlägt sich als Straßenverkäuferin durch, bietet mit ihrer Zwillingsschwester Denisbett Lollis an oder ein Telefonat mit ihrem Handy. Ihr Verkaufsstand ist ein alter Kinderwagen, sie hat Kartons mit bunter Folie beklebt und mit Süßigkeiten und Thermoskannen beladen. Wenn es gut läuft, verdient sie 15 000 Pesos am Tag, rund vier Euro, meist sind es nur 3000.

Ihr Leben war in Ordnung, bis die Krise kam, sagt Jenisbett, eine schmale junge Frau in einem rosa T-Shirt mit dem Wort "Love" darauf. Sie besuchte die Highschool, arbeitete als Schuhverkäuferin, lernte Rolando kennen, die Familie hatte eine Wohnung und eine Farm in ihrem Dorf nahe der Stadt Valera, zehn Autostunden entfernt.

Jenisbett (l.) und ihre Zwillingsschwester Denisbett halten zusammen. 

Dann stiegen die Preise. Für eine Packung Windeln zahlte sie irgendwann drei Gehälter. Sie sitzt auf dem Steinboden ihres Hauses, in dem sie mit Denisbett und deren Mann und Sohn lebt, eine "Hello Kitty"-Wolldecke ersetzt die Tür.

In der kleinen Küche steht ein halber Beutel Mehl im Regal, etwas Milch. Nichts sonst.

Sie strecken, was sie haben, zu einer Mahlzeit am Tag, wenn die Kinder aus der Schule zurück sind. Denisbett ist die Kämpferin, sie ballt die Fäuste, wenn sie erzählt, wie sie abends um zehn den Verkaufswagen durch die Dunkelheit nach Hause schiebt und die Anmachsprüche der Männer ignoriert. Jenisbett blickt auf ein Haar, das sie zwischen ihren Fingern seziert. Rolando ging zuerst nach Kolumbien, verkaufte Maisfladen auf dem Markt, schickte etwas Geld. Dann brach auch Jenisbett auf, im vierten Monat schwanger.

Als sie in Cúcuta ankam, lebte er als Bettler, nahm "Creepy", mit extrem hohen THC-Werten angereichertes Marihuana, das die Drogenbanden in Kolumbien in Umlauf bringen. Sie fanden ein Zimmer für 8000 Pesos, das sie mit fünf anderen teilten, deckten sich mit ihrer Kleidung zu. Dann verlor sich Rolando ganz, prügelte sie, schlief im Park, stahl ihr Geld, bedrohte die Kinder. Er kommt nachts, paranoid durch die Drogen, randaliert, bis die Polizei ihn mitnimmt. Abends ist er wieder frei.

Alle im Haus haben große Angst vor ihm. Jenisbett traut sich oft nicht mehr auf die Straße, dann kann sie auch kein Geld verdienen. Ihr Bruder lebt in Medellín, 580 Kilometer entfernt, sie könnte dort bei ihm wohnen, in Sicherheit. Aber das Busticket kostet für sie und die Kinder 110 Euro. Sie hat Strähnen ihrer Haare verkauft, auf dem Markt in Cúcuta, für 50 000 Pesos, 14 Euro. Sie kämmt ihr Deckhaar über die Lücken.

Krise in Venezuela: So könnt ihr helfen!

Die Kinderhilfsorganisation Plan kümmert sich mit langfristigen und akuten Programmen um venezolanische Flüchtlinge in Kolumbien:

Plan International Deutschland Bank für Sozialwirtschaft

IBAN: DE92251205100009444933

Stichwort: „Flüchtlingshilfe Venezuela“

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BRIGITTE 18/2019

Wer hier schreibt:

Meike Dinklage
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