Verschwunden in der DDR: Diese Frauen zweifeln am Tod ihrer Babys

Frauen, die am Tod ihrer Babys zweifeln, weil sie sich nicht verabschieden durften. Eltern, deren Nachwuchs zwangsadoptiert wurde, weil sie dem DDR-System nicht gehorchten. Sie alle fordern Aufklärung über ihre Kinder, die ihnen die Behörden aber bis heute verweigern.

Die Luft ist angefüllt mit Regen, als sich Karin Ranisch mit ihrem Mann und den drei Töchtern auf dem Trinitatisfriedhof in Dresden ver­sammelt. Die Frauen stehen nah bei­einander, während Bernd Ranisch Abstand hält. Zu seiner Frau und den Töchtern. Zu den Bestattern, die ihre Schaufeln vom Lastwagen wuchten, zu der ganzen Sache mit seinem Sohn, die ihren Anfang an einem Sonntag vor 43 Jahren nahm.

Gehört mein Sohn zu den gestohlenen Kindern?

Die Männer gelangen mühelos tiefer in den Boden - das Grab ist schon zwei Tage zuvor geöffnet und wieder abgedeckt worden. Die ersten 60 Zentimeter sind abgetragen, bei 90 Zentimetern müssten Überreste eines Kindersargs zu finden sein.

Die Frauen treten näher, während Bernd Ranisch einen Schritt zur Seite macht. In seinen Augen liest man Misstrauen, vielleicht auch Angst. Was ist, wenn die Bestatter auf den Sarg oder gar auf Knochen eines Kin­des stoßen? Und was ist, wenn nichts gefunden wird? Nichts von Christoph, der hier begraben sein soll und viel­leicht niemals unter dieser Erde lag.

Karin Ranisch, 69, ist seine Mutter, eine zierliche Frau, die ihr Haar zum Pferdeschwanz trägt. Sie sagt, sie habe längst nicht alles zu Ende gedacht, sie weiß nur eins: Sie muss Gewissheit haben. Sie muss herausfinden, ob ihr Sohn zu den sogenannten gestohle­nen Kindern der DDR gehört. Zu je­nen Kindern, von denen vermutet wird, dass man sie in einem Kranken­haus für tot erklärte, um sie an linien­treue Adoptiveltern weiterzugeben.

Christoph war zwei Jahre und vier Monate alt, als er sich an einem Sonn­tagmorgen im Juni 1975 verbrühte. "Er hatte am Kabel des Tauchsieders gezogen, und der Topf fiel auf ihn he­runter", erzählt Karin Ranisch. Als der Krankenwagen kam, sagte die Ärztin, sie habe weit schlimmere Verbrennungen gesehen. Auch der wei­tere Verlauf sei nicht beunruhigend gewesen. Die Eltern konnten ihren Sohn am Mittag durch eine Scheibe im Krankenhaus sehen, abends um 20 Uhr sagte man ihnen am Telefon, es gehe ihm gut, er habe Abendbrot gegessen. Am nächsten Morgen lag ein Telegramm in ihrem Briefkasten. Darin stand, sie müssten kommen.

"Man sagte uns, dass Christoph ver­storben sei, und zwar schon um 21 Uhr am Abend zuvor. Es war so ein Schock, ich weiß noch, dass ich sagte, ich wolle ihn auf jeden Fall sehen", erinnert sich Karin Ranisch.

Man er­klärte ihr, das Kind sei bereits in der Gerichtsmedizin, sie solle am nächs­ten Tag etwas zum Anziehen mitbrin­gen. "Ich suchte eine Strumpfhose und ein Oberhemd für Kinder aus, ein Geschenk von meiner Schwester aus dem Westen. Auch in der Gerichts­medizin haben wir gefragt, ob wir ihn sehen können. Nur mit Antrag, hieß es. Was in der DDR bedeutete, dass man es vergessen kann. Es ging dann auch alles so schnell, einen Tag später war die Beerdigung."

Er ist nicht tot. Er lebt. Vielleicht in Amerika, wer weiß.

Als sie vom Tod ihres Sohnes Christoph erzählt, sitzt Karin Ranisch in ihrem Wohnzim­mer mit Blick über Freital bei Dres­den. Auf dem Sideboard steht ein Bilderrahmen, darin das Foto eines blond gelockten Jungen. Die Ranischs wohnen noch nicht lange hier, über 30 Jahre betrieben sie ein Pelzge­schäft in Hamburg, sie sind erst vor Kurzem zurück in die Heimat.

"Es war vielleicht zwei Jahre später, als ich dachte: Er ist nicht tot. Er lebt. Vielleicht in Amerika, wer weiß", er­zählt sie. Ihre Unterarme liegen auf dem Tisch, wie sehr es in ihr arbeitet, sieht man an ihren Händen, die sich ineinander verknäueln. Sie lächelt verlegen, sie wisse auch nicht, wie sie auf Amerika komme.

Die Zweifel waren da, niemand hat ihr Christophs Tod erklären können, sie habe auch die beiden Totenscheine nicht verstanden, einen vom Krankenhaus, auf dem es hieß "Tod durch Verbrühung“, und einen von der Gerichtsmedizin mit der Aussage "Tod durch Aspiration", am Mageninhalt erstickt.

Und wieso hatte sie sich nicht von ihrem Kind verabschieden dürfen? Es war auch in der DDR üblich, dass man verstorbene Angehörige noch einmal sehen darf. Oft gab es dafür eigens eingerichtete Räume.

Bis Anfang letzten Jahres, erzählt Karin Ranisch, war nur ihr Mann in ihre Bedenken eingeweiht, aber dann stieß sie immer häufiger auf Berichte in den Medien und wandte sich an die "Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR", wo sie auf andere Frauen traf, die ebenfalls am Tod ihrer Kinder zweifelten. Manche von ihnen hatten wie sie ein gesund geglaubtes Kind urplötzlich im Krankenhaus verloren, anderen, vor allem minderjährigen Schwangeren, hatte man gesagt, ihr Kind sei unerwartet während oder kurz nach der Geburt verstorben.

Allen gemeinsam war, dass sie nie ein totes Kind in ihrem Arm gehalten hatten und über merkwürdig schlampige oder sehr widersprüchliche Dokumente verfügen. Totenscheine etwa, die auf andere Namen ausgestellt waren und in denen man handschriftlich das eigene Kind eingetragen hatte, fehlende Autopsieberichte oder Hebammen-Journale, die nicht zum Erlebten passten. Indizien, selten Beweise. Noch weiß man wenig über vorgetäuschte Säuglingstode. Es gibt keine gesicherten Zahlen oder endgültig aufgeklärte Fälle.

Wer dem Staat nicht gefiel, verlor sein Kind

Anders bei den Zwangsadoptionen. Hier handelt es sich um Kinder, die man aus ihren Familien herausgerissen und gegen den Willen der Eltern zur Adoption freigegeben hatte. Häufig waren diese aus politischen Gründen ins Visier des Staates geraten, hatten sich durch Fluchtversuche strafbar gemacht, oder es wurde ihnen unterstellt, nach dem Paragrafen 249, dem sogenannten Asozialen-Paragrafen, die öffentliche Ordnung zu gefährden. Davon waren meist Großfamilien oder alleinerziehende Frauen mit wechselnden Partnern oder Arbeitsplätzen betroffen.

Eine Vorstudie kam zu dem Schluss, dass es mindestens 400 zwangsadoptierte Kinder geben müsse. Opferverbände gehen aber eher von Tausenden aus. Die "Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR", die im vergangenen Jahr mit einer Bundestags-Petition und einer Expertenanhörung für Aufmerksamkeit sorgte, hat 1700 Mitglieder. "Es werden ständig mehr, die sich trauen, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen", sagt Frank Schumann, der Sprecher der Organisation.

Für die Betroffenen ist es höchste Zeit, dass gehandelt wird. 2019, wenn sich das Ende der DDR-Diktatur zum 30. Mal jährt, werden die Patientenakten aus den Krankenhäusern zur Vernichtung freigegeben. "Die Aufbewahrungsfristen laufen ab, sie müssten aber dringend verlängert werden", so Schumann. "Eltern, die auf der Suche nach ihrem Kind sind, wird es ohnehin unnötig schwer gemacht." 

Nach der Wende sind die Zwangsadoptionen der DDR den westdeutschen Adoptionen gleichgestellt worden. Das bedeutet, nur die Kinder haben das Recht auf Auskunft, nicht aber die Eltern. Was zum Schutz der Kinder dient, bewirkt im Falle von Zwangsadoptionen, dass sich Mütter und Väter noch immer der Allmacht der Behörden ausgesetzt fühlen.

Die Hebamme hat das Baby abgenabelt, und dann griff der Arzt nach der Decke auf unserem Sofa, wickelte es darin ein und ging fort.

Anett Hiermeier aus Leipzig kennt diese Ohnmacht, seit sie ein Kind ist. Sie war sieben Jahre alt, als sie mitansehen musste, wie man ihrer Mutter ein Kind nahm. "Sie hatte es zu Hause in der Wohnung entbunden, und ich war dabei. Es war ein Mädchen mit blasser Haut und schwarzem Haar. Sie sah aus wie eine Puppe", erzählt die 43-Jährige. "Die Hebamme hat das Baby abgenabelt, und dann griff der Arzt nach der Decke auf unserem Sofa, wickelte es darin ein und ging fort. Ich bin hinterher, den langen Flur unserer Wohnung entlang. Niemand sagte ein Wort." Ihre Mutter habe noch am selben Tag den Stubenwagen aufgebaut. "Er hatte einen rosafarbenen Himmel. Jeden Tag, wenn ich von der Schule kam, habe ich gehofft, meine kleine Schwester liegt drin." 

Auf den Oberschenkeln von Anett Hiermeier schwankt ein Schuhkarton mit Bildern. Sie sucht nach Fotos, die ihre 2007 verstorbene Mutter zeigen, wie sie einst war, eine hübsche, lebensfrohe Frau, Mutter dreier Kinder, Arbeiterin in einem Getränkekombinat, Vollzeit und Schicht, mit Prämien ausgezeichnet. Ein normales Frauenleben in der DDR, bis zum Februar 1983, als im sechsten Schwangerschaftsmonat festgestellt wurde, dass sie ein stark behindertes Kind erwartete. "Behinderte Menschen waren in der DDR unerwünscht. Man riet ihr dringend, das Kind abzutreiben. Sie lehnte ab, und da drohte man ihr damit, ihr jedes ihrer anderen Kinder wegzunehmen", erzählt Anett Hiermeier.

Es dauerte nicht lange, bis der Staat seine Drohung wahr machte. Zwei Monate nach der Geburt der behinderten Manuela wurde die älteste Tochter Susanna abgeholt und in ein Kinderheim gebracht. 1984, im Jahr darauf, kam das Mädchen mit dem Puppengesicht zur Welt und wurde zur Adoption freigegeben. 1985 brachte man Uwe, den Drittgeborenen, in ein Kinderheim nach Hainewalde, 200 Kilometer von Leipzig entfernt.

Anett Hiermeier selbst kam im darauffolgenden Jahr in das Leipziger Kinderheim, in dem schon ihre Schwester lebte. Und als ihre Mutter noch einmal schwanger war, wurde ihr am 31. Januar 1988 auch dieses Mädchen genommen. "Jedes Jahr ein Kind, jedes Jahr ein Messerschnitt", sagt Anett Hiermeier.

Die Behörden erschweren die Suche oft noch

Die Trennung von ihrer Mutter erinnert sie als traumatisch, obwohl sie im Heim nette Erzieher gehabt habe und sich aufs Wochenend-Zuhause freuen konnte. "Schlimm war, dass ich schon als Kind spürte, dass das Heim eine Strafe war. Ich hatte wenig Selbstvertrauen", erzählt sie.

Aus dem Mädchen von damals ist eine Frau geworden, die oft und herzlich lacht, leuchtende Farben mag, an der Rezeption eines Seniorenwohnheims arbeitet und es liebt, mit anderen Menschen im Kontakt zu sein. "Als ich 2010 begann, nach meinen zwangsadoptierten Schwestern zu suchen, setzte eine Art Heilung ein", sagt sie.

Die erste, ältere Schwester Susanna wurde erstaunlich schnell gefunden, was daran lag, dass das Jugendamt eine Anfrage an die Adoptiveltern stellte, die von ihnen positiv aufgenommen wurde. Ihre Tochter wusste bereits, dass sie ein Adoptivkind war.

Ein Jahr darauf stellte Anett Hiermeier erneut eine Anfrage ans Jugendamt, aber es dauerte Jahre, bis sie an die Adresse ihrer jüngsten Schwester kam. Die Behörde bat um Geduld, antwortete auf spätere Nachfragen nicht und erteilte irgendwann die Auskunft, dass die Adoptiveltern nicht reagiert hätten. "Ich fühlte mich abgebügelt. Wieder hatten andere über uns entschieden", sagt sie.

Auch sie nahm Kontakt zur "Interessensgemeinschaft gestohlene Kinder der DDR" auf und beantragte die Akte aus dem Krankenhaus, in dem ihre jüngste Schwester geboren ist. Sie erfuhr, dass eine Familie N. aus Leipzig sie adoptiert hatte. Weiter kam sie nicht, zwei Jahre vergingen. Dann, im Januar letzten Jahres, hatte sie eine Idee. Sie ließ Familienfotos auf eine rote Jacke drucken und trug diese bei einem Vortrag der Interessengemeinschaft, den sie in Dresden hielt. Zehntausende sahen sie im Internet. Und dann schickte jemand über Facebook eine Adresse.

Anett Hiermeier schrieb zunächst nur an die Adoptiveltern. "Wir haben uns getroffen, und ich weiß jetzt, dass meine Schwester Claudia heißt. Ihre Eltern waren sympathisch, keine Parteigenossen. Wir haben vereinbart, dass Claudia erst von ihrer Adoption erfährt, wenn sie mit dem Studium fertig ist." 

Anett Hiermeier schaut aus dem Fenster, wo goldgelbe Herbstblätter den Hinterhof in ein freundliches Licht tauchen. Und jetzt? Sie will warten. Vielleicht wird sie Claudia eines Tages in die Arme schließen, vielleicht werden sie sich auch nie begegnen. Aber das Wichtigste ist bereits geschehen: Sie hat die Schwestern in ihre Biografie eingefügt, in die ihrer Geschwister und die ihrer Mutter. "Ich rate jedem, sich auf die Suche zu machen", sagt sie.

Zurück auf dem Friedhof in Dresden

Als die Bestatter auf dem Trinitatisfriedhof in Dresden den ersten Knochen finden, reden plötzlich alle durchein­ander, eine der Töchter von Karin Ranisch fotografiert, aber der Mann vom Bestattungsunternehmen winkt ab, Fehlalarm, der Knochen, der die Farbe des Sandes angenommen hat, ist eindeutig zu groß für ein zwei Jah­re altes Kind.

In den Gesichtern liegt Erleichterung und Enttäuschung zu­ gleich. Erneute Stille. Nur die Schau­fel klirrt, als sie gegen die metallene Grabumrandung stößt. Kurz darauf kommt ein Stück Holz zum Vorschein und ein Rest schwarzer Spitze. Die Bestatter wissen jetzt, dass sie an der richtigen Stelle graben und legen die Sachen auf ein weißes Tuch.

Die Familie tritt näher, selbst Bernd Ranisch beugt sich jetzt über das ge­öffnete Grab. Tochter Yvonne schüt­telt sich und wendet sich entsetzt ab, als ein Stück von einem Ärmel zum Vorschein kommt. Die Augen von Ka­rin Ranisch schwimmen, als sie den zerfetzten Stoff in Empfang nimmt und sagt, ja, er könne von dem Hemd­chen stammen, das sie damals vor 43 Jahren in der Gerichtsmedizin abge­geben hatte. Die Bestatter graben weiter und finden eine vermoderte Strumpfhose, auf der man noch das Muster erkennen kann, außerdem einige Schädelknochen. Dann nichts mehr. Sie legen die Schaufeln beiseite auf die Erde und schütteln die Köpfe. Wo sind die anderen Knochen? Von Armen und Beinen, Rippen? Es müsste mehr zu finden sein.

Und doch, sagt Karin Ranisch, da ist ja das kleine Hemd, die Strumpfhose mit dem Muster. Die Bestatter be­ginnen, den Sand zurück ins Grab zu schaufeln. Das weiße Tuch schließt sich über den Funden, die später an ein forensisches Institut geschickt werden sollen. Das Institut liegt in Bonn, betont Karin Ranisch noch, nicht in den neuen Bundes­ländern. Man wisse ja nie, auf wen man dort so treffe.

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Brigitte WOMAN 04/2019

Wer hier schreibt:

Antje Liebsch
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