"Ja, Völkerball fand ich scheiße! Was anderes aber noch viel schlimmer ..."

Kanadische Forscher entfachen die Debatte, Völkerball sei "legalisiertes Mobbing". Unsere Redakteurin stimmt zu – doch ein Verbot ist nicht die Lösung des Problems. Ein Kommentar. 

Schulsport war schon immer der blanke Horror für mich. Als Mädchen mit türkischen Wurzeln fing das bereits in der Umkleidekabine an, denn ein freier Umgang mit meinem Körper war nicht unbedingt Teil meiner Erziehung. Den Schwimmunterricht habe ich grundsätzlich gemieden – Sammelduschen sind für mich bis heute der reinste Alptraum – und meine Körperbehaarung war als Kind schon so ausgeprägt, dass ich deswegen gehänselt wurde. 

Ich werde nie vergessen, wie mein damaliger Klassenkamerad Dietrich auf meine Beschwerde, wieder Völkerball spielen zu müssen, zu mir sagte: "Du hast doch so viel Haare an den Beinen, den Ball spürst du doch gar nicht." In derselben Woche stand ich noch mit einer stinkenden Tube Enthaarungscreme unter der Dusche – aber das ist eine ganz andere Geschichte. Viel schlimmer war das Spiel Völkerball. 

Völkerball sei "legalisiertes Mobbing"

Kanadische Forscher behaupten nämlich jetzt in der "Washington Post", dass Völkerball eine Form des legalisierten Mobbings sei und das Spiel auf den Index gehöre. Es sei gar ein Mittel der Unterdrückung, denn Völkerball vermittle die Botschaft, "dass es okay ist, den anderen zu verletzten und zu entmenschlichen", sagt Joy Butler, Pädagogikprofessorin an der University of British Columbia gegenüber der Zeitung. Dabei sollten Lehrer bei Kindern und Jugendlichen darauf achten, dass diese ihre Aggressionen kontrollieren und nicht weiter ausleben. In diesem Zuge befragten die Forscher Kinder zu ihren Erfahrungen im Sportunterricht und Dodgeball soll häufig als unangenehme Erfahrung genannt worden sein. 

Völkerball ist der Albtraum vieler Kinder 

Hätte man mich zu Schulzeiten befragt, so hätte ich definitiv dieselbe Antwort gegeben. Klar, es fängt bereits bei der Mannschaftswahl an. Wenn man nicht besonders sportlich war, oder vermeintlich so aussah, dann saß man als letztes auf der Bank – und war damit der Loser schlechthin. Wenn man aber nicht gut fangen konnte, so stand man wie ich häufig als Letzte auf dem Spielfeld. Alle schreien dich an, du sollst doch jetzt endlich mal fangen, während du immer wieder dem Ball aus dem Weg hüpfst. Schließlich will man ja auch nicht dafür verantwortlich sein, dass die eigene Mannschaft verliert. Und für die Gegner ist man die fleischgewordene Zielscheibe. So oder so ein Dilemma. Egal wie, entweder, das Spiel ging meinetwegen einfach nicht weiter, oder wir verloren. 

Ist ein einziges Spiel wirklich für Mobbing verantwortlich? 

Auch wenn ich Völkerball mit schlimmen Erfahrungen verbinde, würde ich nicht so weit gehen, nur das Spiel für Mobbing verantwortlich zu machen. Es gibt durchaus sportliche Menschen, die trotzdem in der Schule gemobbt werden. Wenn es darum geht, schlechte Gefühle bei Kindern zu vermeiden, so sollte man doch vielleicht das Gesamtkonzept Sportunterricht überdenken. Ich finde es generell gut, dass Kinder in der Schule Sport treiben müssen, denn viele würden sich sonst womöglich gar nicht körperlich betätigen. Aber: Es wird einfach nicht auf die Neigungen und Talente der Kinder geachtet. 

Ein Verbot wird das Problem nicht lösen 

Ich habe beispielsweise getanzt und Rhythmische Sportgymnastik betrieben und war in meinen Sportarten sehr gut. Stattdessen musste ich in der Schule über Böcke springen, an denen ich mit meinen Füßen hängen blieb, vor gesammelter Mannschaft einen Handstand mit Überschlag performen (was eigentlich nur ein unförmiges Aufklatschen auf der Matte darstellte) oder mich als Schlusslicht beim Coopertest abmühen. All das führte schlussendlich zu einem großen "HA HA" meiner Mitschüler und obwohl ich mir wünsche, dass meine Kinder dieses Spiel niemals werden spielen müssen, wird ein Verbot von Völkerball das Problem von Demütigung und Mobbing auch in Zukunft nicht lösen. 

Würde man stattdessen den Sportunterricht neu konzipieren und auf die Neigungen der Schüler eingehen wollen, so bräuchte das aber vor allem viele neue Lehrkräfte und da stoßen viele Schulen allein schon beim Thema Inklusion an ihre Grenzen. Denn da fehlt es einfach an Geld. Aber zumindest könnte man schon mal den Anfang machen und damit aufhören, die Kinder ihre Mannschaften selbst wählen zu lassen. Stattdessen könnten die Lehrkräfte durchzählen oder auslosen. 

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