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Die mutigsten Mädchen der Welt

Von jungen Menschen lernen: Kind sammelt Müll am Strand ein

© Kendall Clark / Shutterstock
Rund um den Globus protestieren Kinder und junge Frauen. Gegen Zwangsehen, Sexismus, Krieg, Menschenhandel oder Umweltzerstörung. Sie sind laut, sie riskieren oft viel, und doch kennt sie kaum jemand. Eine 80-jährige Journalistin und ihre elfjährige Enkelin wollen das mit einem Buch ändern. 

"Du bist ein 16-jähriges Mädchen auf dem Heimweg von der Schule. Ein Auto hält neben dir. Vier Jungs springen raus. Sie sind betrunken. Sie stürzen sich auf dich, werfen dich in ihr Auto und rasen zu einem von ihnen nach Hause. Die Familie dieses einen Jungen unternimmt alles, um dir einen weißen Schal um den Kopf zu binden, was bedeutet, dass du einwilligst, ihren Sohn zu heiraten. Du wehrst dich. Sie wollen, dass du die Schule abbrichst, auf einen Beruf verzichtest, dein Leben mit jemandem verbringst, den du nicht kennst, bei seiner Familie einziehst, den Haushalt führst, Kinder bekommst. Du bist allein, sie sind viele. Wieder und wieder versuchst du, ihnen den Schal wegzureißen, aber sie binden ihn dir mit Gewalt um den Kopf. Dein Schicksal ist besiegelt."

"Wir kämpfen für eine Welt ohne Einschränkungen, in der Jungen und Mädchen gleichwertig sind."

Aktivistin Baktygul Rakymbaeva, 14, Kirgisistan

Es sind Geschichten wie diese, die die amerikanische Fotojournalistin Paola Gianturco, 80, in ihrem Buch "Wonder Girls" erzählt. Geschichten aus Kirgisistan, wo immer noch rund 50 Prozent aller Ehen mit Brautraub beginnen – die 14-jährige Baktygul Rakymbaeva kämpft gemeinsam mit anderen Mädchen der Organisation "Girl Activists of Kirgisistan" dagegen. Oder Geschichten aus Uganda, wo Mädchen ohne Bildung oft Prostituierte werden, wie ihre Mütter. Geschichten von 12-jährigen Haussklavinnen in Tansania oder die des Camps "Creativity for Peace", wo junge Israelinnen auf junge Palästinenserinnen treffen, um gemeinsam den Hass aufeinander zu überwinden. Ein Mädchen dort blieb die erste Nacht wach, weil sie überlegte, wie sie "den Feind", mit dem sie das Zimmer teilen musste, töten könnte.

"Die Armut muss gestoppt werden. Dann wird auch der Menschenhandel aufhören."

Aktivistin Lway Kyi Kyi Khaing, 14, Myanmar

Es sind keine netten Geschichten. Aber die Welt ist nun mal nicht "nett". Trotzdem gibt es die Menschen hinter den Ereignissen. Junge Frauen, die Hoffnung machen. Die sich organisieren, um wirklich etwas zu verändern. Diesen unbekannten Superheldinnen widmet Paola Gianturco ihr Buch "Wonder Girls. Unsere Reise zu den mutigsten Mädchen der Welt". Das "unsere" schließt ihre damals elfjährige Enkelin Alex Sangster ein. Denn während die Großmutter in aller Welt Fotos machte, interviewte die Enkelin rund 90 jugendliche Aktivistinnen aus 13 Ländern über Facetime. "Diese Mädchen verwandeln die Welt. Und wir können mit anpacken oder es zumindest weitererzählen", sagt sie voller Begeisterung. Alex und ihre Schwester Avery hatten bereits bei einer internationalen Armutskonferenz ein Kinderprogramm organisiert; dahinter stand die Hoffnung, dass junge Menschen aus allen Ländern eines Tages gemeinsam globale Probleme anpacken. Deshalb ist es Alex Sangster besonders wichtig, dass man die Aktivistinnen unterstützen kann: Zu jeder Geschichte gibt es dafür Anregungen.

Paola Gianturco fühlte sich zu dem Projekt von einer Rede der indischen Lyrikerin und Feministin Jameela Nishat inspiriert: "Die Revolution wird angeführt werden von einem 12-jährigen Mädchen", prophezeite die heute 64-jährige Nishat einmal. "Wie meinen Sie das?", hatte Gianturco sie gefragt, als beide sich trafen. Und Nishat hatte geantwortet: "Gegen die Gesellschaft aufbegehren tust du im Teenageralter, wenn du erkennst, wo deine Begabung liegt und wie du deine Welt verändern kannst. Mit 40 ändert sich deine Haltung meistens nicht mehr. Es kann sich also nur etwas verändern, wenn Mädchen Dinge infrage stellen und rebellieren."

"Ich trete entschieden für Gleichberechtigung ein, dafür, jeden zu akzeptieren."

Aktivistin Shoshanna Ben-David, 17, Israel

Weltweit traf Paola Gianturco 10- bis 18-Jährige, die Erstaunliches leisten. Mädchen wie Verena Bosse, die sich während einer Radtour an all den gelben Plastikmüllsäcken störte, die in ihrer Heimatgemeinde Garmisch-Partenkirchen vor den Häusern lagen. Neun war Verena damals. Mit anderen Dorfkindern sammelte sie die Säcke und stapelte sie mithilfe eines Bauern und seines Traktors vor dem Rathaus. Bis zum ersten Stock – nichts als Gelb. Die Aktion öffnete vielen die Augen. Seither engagiert sich Vanessa, heute elf, für ihre Aktion "Plastikfasten" und ist eine der jüngsten Aktivistinnen Deutschlands.

Während ihrer Recherche hatte Gianturco oft das Gefühl, sie hätte es nicht mit Kindern und Jugendlichen zu tun, sondern mit "Trojanischen Pferden". "Die meisten Menschen rechnen nicht damit, dass junge Mädchen den Mächtigen ins Gewissen reden oder dass sie taktisch und effektiv vorgehen", sagt sie. "Ihr Alter verschafft ihnen einen Vorteil. Ihre kreativen Ansätze, ihre Ausdauer und Beharrlichkeit treffen die Leute unvorbereitet und wirken gewinnend. Und es ist kaum anzunehmen, dass sie ihrer Begeisterung für ihre Anliegen entwachsen."

Uganda:

AISHA, 18,

Aktivistin bei "Rhythm of Life"

"Unsere Mutter ist alleinerziehend. Ich habe gearbeitet, Kochbananen geräuchert, um das Schulgeld zu verdienen. Mein Traum war, Ärztin zu werden. Leider bekam ich nicht die erhofften Ergebnisse. Ich konnte nicht gut lesen, weil ich so viel gearbeitet hatte. Ich musste ein Jahr aussetzen. Viele sagten, ich sollte mir einen Job suchen. Ich sagte: ,Nein. Wenn man nicht zur Schule geht, hat man keinen Erfolg.‘ ,Rhythm of Life‘ hat mir ein Stipendium gegeben und mir beigebracht, auf eigenen Füßen zu stehen. Ich helfe mit, Kondome an Männer zu verteilen, damit Frauen und Mädchen vor HIV geschützt sind. Ich sage zu Eltern: Alle Kinder sind gleich, nach Gottes Ebenbild geschaffen. Behandelt sie gleich. Schickt eure Töchter zur Schule. 15 Millionen ugandische Mädchen heiraten, bevor sie 18 sind, manchmal alte Männer. Ich appelliere an die Vereinten Nationen und die Regierung von Uganda, Mädchen Vorrang einzuräumen und das gesetzliche Heiratsalter auf 18 zu erhöhen. Ich beende bald das letzte Highschool-Jahr. Darauf bin ich stolz. Da, wo wir wohnen, gibt es jede Menge Prostituierte. Das werde ich nicht machen. Ohne Schulbildung kann ich nicht leben."

Selbst aktiv werden: Geldspenden für Laptops, Bücher, Lehrerinnen werden benötigt. Für Details eine E-Mail an die Geschäftsführerin schicken: harriet@rhythmoflifeuganda.com.

Mehr Infos: rhythmoflifeuganda.com

Mexiko:

ABBY RAMÍREZ JIMÉNËZ, 14,

App-Entwicklerin für "Technovation"

"Mein Dad ist Informatiker und programmiert. Als ich klein war, fand ich das toll, daher dachte meine Mom, ,Technovation‘ wäre gut für mich. Ich bin zu sechs Hack-Days gegangen. Normalerweise gehen Mädchen nur zu einem, aber ich habe alle mitgemacht. Ich sagte zu meiner Freundin: Komm, wir tun uns zusammen, und sie war einverstanden. Wir sind ein Zwei-Personen-Team. Jetzt haben wir eine App entwickelt. Sie soll Kindern mit Diabetes helfen. In Mexiko gibt es viel Fettleibigkeit, und die ist der Auslöser für Diabetes. Es ist leichter, einen Hamburger zu kaufen, als sich ein gesundes Salat-Sandwich zu machen. Was ich allen sagen möchte: Mädchen sollten dieselben Chancen haben wie Jungs. Das ist wichtig, wenn du ein Mädchen bist, oder wenn du groß bist, fett, egal was. Und wenn Mädchen sich ein Ziel setzen, dann können sie es auch erreichen."

Selbst aktiv werden: "Technovation" bringt Mädchenteams bei, mobile Apps zu entwickeln, die sich sozialer Probleme annehmen. Diese Apps kann man im App Store auf iTunes kaufen. Spenden unter www.technovationmx.org

Bali:

MELATI RIYANTO WIJSEN, 18,

Gründerin von "Bye Bye Plastic Bags"

"Meine Schwester Isabel und ich haben im Unterricht bedeutende Menschen durchgenommen und dabei von Nelson Mandela und Martin Luther King erfahren. Ich sagte zu Isabel: ,Wollen wir nicht wie sie mithelfen, dass die Welt ein bisschen besser wird?‘ Wir haben also eine Liste von den Problemen in Bali gemacht: Umweltverschmutzung, Verkehr, zu viele Hotels. Für uns war der Müll das Schlimmste. Alle benutzen Plastiktüten. Die Leute werfen sie aus dem Auto, stecken sie in Mülltonnen, und wo landen sie dann? In Reisfeldern, Flüssen, im Ozean. Wir beschlossen, eine Onlinepetition zu starten: eine Million Unterschriften sammeln und damit die Regierung bewegen, ein Gesetz zum Verbot von Plastiktüten zu erlassen. Innerhalb von 24 Stunden hatten wir 6000 Unterschriften zusammen. Am Tag danach 10 000. Es wurde ein Ritual: Wir standen morgens auf, gingen online und schauten nach, wie viele Unterschriften es waren. Fremde aus der ganzen Welt! Es war irre! Tanya, die so alt ist wie ich, lud uns ein, vor ihrer Schule in Singapur zu sprechen. Zwei Tage, 16 Vorträge, über 1000 Kinder. Unvergesslich! Jetzt haben wir jede Menge Kids, die unseren Plan unter die Leute bringen."

Selbst aktiv werden: Das Pilotdorf, mit dem alles startete, ist heute zu 60 Prozent plastiktütenfrei. Wer BBPB unterstützen will: Unter www.byebyeplasticbags.org die Petition unterschreiben und auch auf Plastiktüten verzichten.

Paola Gianturco, Alex Sangster: "Wonder Girls. Unsere Reise zu den mutigsten Mädchen der Welt". 192 S., 29,95 Euro, Elisabeth Sandmann Verlag. 

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