Vorsicht Furie!

Job, Kinder, Beziehung, Familie, Haushalt, Aussehen - der ganz alltägliche Wahnsinn im Leben einer Frau. Meistens kriegen wir es irgendwie hin. Aber manchmal muss die Wut einfach raus.

Die mit Abstand wichtigste Erkenntnis, die ich in den letzten fünf Jahren gewonnen habe, verdanke ich einer Shiatsu-Behandlung. Was mich wirklich überrascht hat, weil ich Massagen gar nicht mag. Aber ich war in keinem guten Zustand und hatte das Gefühl, etwas für mich tun zu müssen. Ich saß also dieser sehr sanften Shiatsu-Therapeutin gegenüber, die Nachmittagssonne schien auf unsere Sitzkissen, und sie fragte mich, wie ich meine momentane Gefühlslage in einem Satz beschreiben würde. Ich horchte kurz in mich hinein und sagte: "Du blödes Arschloch!"

Damit meinte ich natürlich nicht die Shiatsu-Therapeutin, sondern meinen Mann. Was auch nicht wirklich nett war, aber darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen. Denn endlich war mir klar, um was es hier eigentlich ging. Mein Lebensgefühl der letzten Monate hatte plötzlich einen Namen: Wut. In mir war eine unbändige Wut. Und irgendwie hatte ich es geschafft, die Augen davor zu verschließen.

Normalerweise meldet sich die Wut eine gute halbe Stunde nach dem Aufwachen. Die Jeans, die ich anziehen will, liegt nass in der Maschine, obwohl ich Mark vorm Schlafengehen gebeten hatte, die Wäsche in den Trockner zu räumen. Das Kind heult, weil seine Banane eine braune Stelle hat. Die Teller vom Abendessen stehen noch immer auf dem Küchentisch, nur dass die Tomatensoße jetzt eine stabile Oberflächenstruktur aufweist. Das Kind schüttet den Inhalt von drei Spielzeugkisten in den Flur, weil in seinem Bayern-München-Quartett der Felix Magath fehlt. Ich suche das Buch, das ich bis letzte Woche gelesen haben wollte, aber weder habe ich das Buch gelesen, noch finde ich es jetzt. Das Kind weigert sich, ohne Felix Magath das Haus zu verlassen.

Währenddessen liegt Mark im Bett und schläft. Mark, mein Mann, arbeitet frei. Er arbeitet abends, oft bis spät in die Nacht. Dafür bleibt er morgens lange im Bett. Theoretisch kann er dort bleiben, bis er Finn nachmittags um halb vier vom Kindergaren abholt. Eine Vorstellung, die morgens um acht keine freundlichen Gefühle in mir hervorruft. Ich ziehe meinem Sohn gewaltsam die Schuhe an und teile ihm mit, dass ich die Herren Magath, Ballack und Kahn höchstpersönlich zerreissen werden, wenn er jetzt nicht sofort mit der Heulerei aufhört.

Ich hasse mich dafür. Diese gehetzte, keifende Frau will ich nicht sein. Aber es gibt Tage, da kriege ich es einfach nicht besser hin. Ich motze am Morgen, ich gehe zur Arbeit, wo ich mich wie ein völlig normaler Mensch benehme, und wenn ich abends nach Hause komme, motze ich weiter. Sobald ich die Wohnung betrete, ist mir alles zu viel, alles macht mich rasend, der ungeleerte Mülleimer, das klingelnde Telefon, die Freundin, die ich zurückrufen müsste, der Zahnarzttermin, den ich für Finn machen wollte, die Wäsche, die sich im Schlafzimmer türmt, die Konferenz morgen, auf die ich nicht vorbereitet bin. Und vor allem Mark, der seelenruhig mit einer selbst gebackenen Salami-Pizza auf dem Teller und einem glücklichen Sohn im Arm vor dem Fernseher sitzt und Champions-League guckt. Wieso zum Teufel hat dieser Mann überhaupt Zeit zum Fernsehgucken? Zum Pizzabacken? Zum Schmusen? Während ich den ganzen Tag wie eine gesengte Sau durch die Gegend rase, permanent ein schlechtes Gewissen habe, mein Kind auf später vertröste, niemanden jemals zurückrufe, keinen Sport treibe, kaum noch koche. Während ich am Rande des Kollapses herumtobe, macht mein Mann es sich so richtig gemütlich.

Ich bin mit meiner Wut nicht allein. Wenn ich es doch mal schaffe, mit einer Freundin zu telefonieren, dauert es in der Regel drei Minuten, und wir sind beim Thema. Ich frage: "Und wie läuft es sonst so?", und dann sagte sie: "Alles bestens, mir geht's gut.", dann kommt eine kurze Pause, dann sagt sie: "Willst du die Wahrheit?" Und dann kommt die Wahrheit.

Andreas Wahrheit ist, dass sie in den letzten drei Jahren, seit sie Mutter ist, keine einzige verdammte Minute mehr allein zu Hause war. Und die Rede ist hier nicht von freier Zeit allein zu Hause, sondern von einmal allein sein. Meine Freundin Andrea ist Übersetzerin, ihr Mann ist Restaurator. Sie bringt morgends ihre Tochter Lea in den Kindergarten, geht zurück nach Hause und fängt an zu arbeiten. Stefan liest derweilen die Zeitung. Wenn Andrea Lea aus dem Kindergarten abholt, verzieht er sich zwei Straßen weiter in seine Werkstatt. Andrea hat dann Freizeit. Zusammen mit Lea: auf Spielplätzen, bei der musikalischen Früherziehung, beim Kinderturnen in stickigen Hallen, begleitet von infernalischem Lärm. Stefan verbringt seine Nachmittage allein mit sehr stillen Stühlen und Kommoden. Wenn Lea im Bett ist, kommt er nach Hause und hofft auf einen anregenden Abend mit seiner Frau. Und an Anregung fehlt es nicht: Andrea scheißt ihn Abend für Abend zusammen, noch bevor er seine Jacke ausgezogen hat.

Völlig klar, wer an unseren Nerven zerrt, wer uns in den Wahnsinn treibt, wer schuld ist an unserer Raserei: die Männer

Die Wut ist stärker als alle guten Vorsätze. Keine meiner Freundinnen gefällt sich in der Rolle der Furie, schreiend, hysterisch, mit roten Flecken im Gesicht. Und fast alle verlieren sie verdammt oft die Fassung. "Ich hatte mich wirklich auf Olli und unser gemeinsames Wochenende gefreut", erzählte mir meine frisch verheiratete, kinderlose Freundin Susa, die Altenpflegerin ist und nach einer anstrengenden Nachtschicht samstags morgens nach Hause kam. "Aber dann gehe ich ins Wohnzimmer und sehe die vertrockneten Blumen in der Vase, die ich eigentlich schon vor zwei Tagen entsorgen wollte und die Olli mal wieder geflissentlich übersehen hat. Statt mich ins Bett zu legen und zu schlafen, werfe ich die Blumen weg und will die schmutzige Vase in die Spülmaschine räumen, aber die ist natürlich voll..." Es folgt: lautes Geschepper, der Mann wacht auf, kommt in die Küche, und noch bevor er "Guten Morgen, Schatz" nuscheln kann, bricht ein verbales Inferno über ihn herein.

Womit eigentlich hinreichend belegt wäre, wer an unseren Nerven zerrt, wer uns in den Wahnsinn treibt, wer Schuld hat an unserer Raserei: die Männer. Die noch immer nicht genug im Haushalt tun und die Drecksarbeit den Frauen überlassen. Die ihre eigene Karriere verdammt wichtig finden und den Job ihrer Frau als Selbstverwirklichung betrachten. Die Super-Daddys sind, wenn es darum geht, mit ihren Kindern Spaß zu haben, und länger arbeiten müssen, wenn ein Elternabend ansteht.

Das Problem ist nur: Die Männer, die ich kenne, sind keine tumben Machos. Sie machen mehr für ihre Frauen und Familien als jede Männergeneration vor ihnen. Sie sind weniger karriereorientiert, und viele versuchen, flexibler zu arbeiten, um sich Freiräume zu schaffen und ihre Frauen zu entlasten. Sie gehen einkaufen, sie machen die Wäsche, sie können kochen und kümmern sich um ihre Kinder. Geld verdienen sie auch.

Mark, mein Mann, hat vor einiger Zeit seinen festen Job aufgegeben, weil er mehr von unserem Sohn mitkriegen wollte und ohnehin lieber frei arbeitet. Im Gegenzug konnte ich einen Fast-Vollzeit-Job antreten, denn den Nachmittag verbringt Finn seither mit seinem Vater. Der mit ihm spielt. Einkauft. Kocht. Alles bestens also. In der Theorie. Die Praxis sieht so aus, dass ich Vollzeit berufstätig bin und in der verbleibenden Zeit alles besser weiß. In mir sitzt ein absurder Perfektionsanspruch, mit dem ich mir Tag für Tag das Leben schwer mache.

Wir haben es von unseren Müttern gelernt: wie man einen Haushalt führt, wie man eine gesunde Mahlzeit zubereitet, wie man günstig einkauft, wie man ein Kind tröstet und wie man Amaturen poliert. Dieses Programm ist uns ins Hirn gefräst. Und wir ziehen es durch - ohne der Tatsache Rechnung zu tragen, dass wir nebenbei arbeiten. Wir wollen es alles selber schaffen, weil wir es am besten können und uns für unersetzbar halten. Während unsere Männer arbeiten, gern Väter sind und im Haushalt mit anpacken, sind wir im Job hoch ambitioniert, engagierte Mütter, wuppen nebenbei den Haushalt und sehen dabei blendend aus. Wenn ein Mann zehn Minuten Zeit hat, liest er die Zeitung. Wenn eine Frau zehn Minuten Zeit hat, liest sie ein Märchen vor, wischt die Spüle aus und trainiert ihre Beckenboden-Muskulatur. Frauen legen die Latte höher. Mit mäßigem Erfolg: An guten tagen fühlen wir uns wie Woner-Woman. An schlechten Tagen wie der Depp vpm Dienst. Und wenn uns mal w ieder auf halber Strecke die Puste ausgeht, flippen wir aus. "Wir leben hier völlig entspannt und friedlich - solange du nicht zu Hause bist", hat Mark bei so einer Gelegenheit mal zu mir gesagt. Für diese Bemerkung hätte ich ihn beinahe gelyncht. Leider ist sie völlig zutreffend.

Aber was ist die Lösung? Dass wir beruflich zurückstecken? Das Geldverdienen wieder den Männern überlassen und an den heimischen Herd zurückkehren? Das verbietet einem schon allein der grauenhafte Begriff "Nur-Hausfrau" und die Tatsache, dass die Hausfrauen in meinem Bekanntenkreis zum Thema Wut einiges beizutragen haben. Was kein Wunder ist, wenn man über Jahre hinweg kein Einkommen, keine Altersversorgung, keine gesellschaftliche Anerkennung und kaum berufliche Wiedereinstiegs-Chancen hat.

Wir könnten den Kompromiss wählen: unsere Kraft maßvoll und bekömmlich zwischen Familie und Haushalt und Job und Selbstverwirklichung aufteilen. Eine großartige Idee. Meine Freundin Anja hat zwei Kinder, arbeitet 25 Stunden in der Woche bei einer Versicherung und dreht nur amRad. Sie hat jeden Morgen einen vollen Schreibtisch und keine Zeit, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Ein Meeting vorbereiten? Mal mit einer Kollegin reden? Ein fachliches Problem mit ihrer Chefin diskutieren? Nix da. Anja hat fünf Stunden Zeit, um das Pensum zu erledigen, das andere in acht Stunden schaffen, und wenn sie davon erzählt, verwandeln sich ihre Pupillen in kleine blitzende Dolche. Natürlich beneiden sie die Vollzeit-Kollegen um ihre Freizeit. In der sie einkauft, den Haushalt macht, Arzttermine wahrnimmt, die Kinder zu Musik/Sport/Freunden fährt, Kontakte zu anderen Müttern herstellt und pflegt, damit sie ein paar Frauen kennt, die einspringen, wenn das System mal zusammenbricht, weil die Tagesmutter oder eins der Kinder krank ist.

Welchen Preis zahlen wir dafür, dass wir permanent "Hier!" schreien? Und was, wenn uns plötzlich alles zu viel wird?

Natürlich, es mangelt uns nicht an Möglichkeiten. Wir haben all die Chancen, von denen Frauen früher nur träumen konnten. Und wir mussten nicht mal dafür kämpfen, das haben unsere Mütter für uns erledigt. Wir können die Ernte einfahren, wir sind die Generation mit dem munteren Lebensmotto: Alles ist möglich, und wenn wir daraus nichts machen, sind wir selbst dran schuld. Wir haben alle Voraussetzungen, alle Möglichkeiten, es ist alles da: gute Ausbildungs-Chancen, interessante Jobs, Männer, die starke Frauen mögen. Wir wären schön blöd, wenn wir nicht zugreifen würden. Aber welchen Preis zahlen wir dafür, dass wir permanent "Hier!" schreien? Und was sollen wir tun, wenn wir plötzlich merken, dass uns alles zu viel wird? Immer mehr Frauen verzichten auf Kinder, damit ist immerhin ein wesentlicher Stressfaktor aus dem Leben gestrichen. Vor Wut bewahrt es einen nicht: Inga ist Ärztin, sie hat weder Mann noch Kinder, sie liebt ihren Job, und sie arbeitet bis zum Umfallen. Hat Nachtschichten, Bereitschaftsdienst, schiebt noch eine Wochenendschicht hinterher, während sich ihre Wohnung in ein einziges Notstandsgebiet verwandelt. Als Inga kürzlich nach so einer Dauerstressphase endlich mal wieder bei Tageslicht gegen 16.30 Uhr ihren Arbeitsplatz verlassen wollte, sagte ihr Vorgesetzter: "Na, Frau Auer, auf dem Weg in die Stadt, mal wieder ein Paar neue Schuhe kaufen?" Eine glänzende Idee, kann ich da nur sagen. Und zwar möglichst spitze. Um dem Herrn Oberarzt und überhaupt allen Dummschwätzern und Besserwissern mal so richtig gepflegt in den Arsch zu treten.

Die Wahrheit ist: Es gibt keine einfache Lösung. Wir kommen aus der Nummer nicht mehr raus. Frauen werden arbeiten, wenn man sie lässt, weil es nichts Besseres für das eigene Selbstwertgefühl gibt. Sie werden Kinder haben, für die sie alles tun, und Beziehungen führen mit modernen Männern, die fleckige Armaturen übersehen. Es wird immer Gründe geben, um wütend zu werden. Weil Arbeiten anstrengend ist, Kindererziehung das reinste Chaos und langjährige Beziehungen manchmal extrem erdrückend. Aber es ist das Leben, das wir uns ausgesucht haben, und die Wut ist ein Teil davon. Sie ist der Preis, den wir zahlen für ein volles Leben, für die Herausforderungen und die Abwechlungs, für die Achtung und die Anerkennung, die dieses Leben bietet. Es ist ein hoher Preis. Ich finde ihn trotzdem angemessen.

Text: Christine HohwielerBRIGITTE 08/05
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