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Vorstandsvorsitzende SOS-Kinderdorf "Es gibt wahnsinnig viele Strukturen, die uns Frauen hinderlich sind"

Sabina Schutter, Vorstandsvorsitzende Sabina Schutter
© SOS-Kinderdorf/André Kirsch
Sabina Schutter, 46, widmet ihr Leben Kindern und Jugendlichen – unter anderem als Vorstandsvorsitzende von SOS-Kinderdorf. Was treibt sie an, und was muss passieren, damit es Müttern und Kindern besser geht?

Ihr jüngstes Buch heißt "Frauenrolle vorwärts: Wie Sie Familie, Job und Finanzen unter einen Hut bekommen". Schon der Untertitel löst Stress bei mir aus. Beginnen die Probleme der Frauen nicht damit, dass sie alles schaffen müssen, während Männer sich auf ihr Fortkommen konzentrieren können? 

Der Buchtitel war eher optimistisch gemeint! Die Idee dahinter war genau nicht, dass man alles allein schaffen muss, sondern dass man frühzeitig mit dem Partner in die Verhandlung geht:

Wenn ich nach der Geburt ein Jahr aussteige, wer zahlt dann in die Rentenversicherung ein? Wenn wir zusammenziehen, wem gehört dann die Wohnung?

Die Idee bei dem Titel war, dass die Lebensbereiche Familie, Job und Finanzen zusammenhängen. Mehr als ein Viertel der Kinder wird bei nicht verheirateten Paaren geboren, das heißt, die Mütter sind rechtlich nicht abgesichert, wenn es um Altersvorsorge oder Eigentum geht, sie stehen im Grunde mit nichts da. Und der Staat sorgt nicht vor, weil der sich immer noch an der Ehe orientiert. Da heißt es, frühzeitig ins Gespräch gehen und für sich einstehen – auch wenn solche "Verhandlungen" nicht immer angenehm sind.

Es ist also wichtig, schon vor der Geburt des Kindes aktiv zu werden.

Absolut. Männer können sich für eine Familie entscheiden und ihr Leben relativ unverändert weiterleben. Zumindest ist das noch vielfach der Fall. Daher sollte die Frau sagen: "Wenn sich für mich etwas verändert, dann muss sich auch für dich etwas verändern." Das ist mein Plädoyer.

Sie fordern, dass Frauen ihr Mindset ändern, damit sie nicht länger abgehängt werden. Sind wir also selbst schuld an unserer Lage?

Schuld sind natürlich die Strukturen - die tradierten Geschlechterverhältnisse, die immer noch fortwirken, weil wir damit aufgewachsen sind, der Gender Pay Gap, die geringe Erwerbsbeteiligung von Frauen oder die mangelnden Karrierechancen bei Familiengründung. Es gibt wahnsinnig viele Strukturen, die uns Frauen hinderlich sind. Die Frage ist aber, und das meine ich mit Mindset:

Fügen wir uns in die Strukturen? Oder sagen wir, ich möchte das so nicht leben und bin bereit, für meine Lebensziele zu kämpfen?

Ich sage nicht, dass das stressfrei ist und es ist auch nicht harmonisch, in Partnerschaften über Geld zu sprechen und im Beruf über eine Gehaltserhöhung. Aber wir werden nicht weiterkommen, wenn wir da nicht kämpfen. Ich finde das selbst übrigens auch unangenehm.

Welche Forderungen haben Sie an die Politik?

Es hat sich beispielsweise gezeigt, dass Quotenregelungen sinnvoll sind. Damit die Unternehmen überhaupt Frauen in den Vorstand oder Aufsichtsrat berufen können, werden diese jetzt schon auf den unteren Stufen gefördert, weil man sich ein gewisses Kontingent an Kandidatinnen sichern muss. Ich fände es auch gut, wenn schon junge Frauen an Finanzthemen herangeführt und ihnen die Konsequenzen ihrer Lebensgestaltung verdeutlicht werden würden. 

In der Schule?

Zum Beispiel. Solche Zukunftsfragen könnten in der Schule ein Thema sein, etwa verschiedene Partnerschaftskonzepte oder wie man erkennt, ob ein Mann gut für mich ist. Vielen Frauen ist zum Beispiel auch gar nicht bewusst, dass sie nach einer Trennung nur noch drei Jahre Anspruch auf Unterhalt wegen Kinderbetreuung haben. Hier muss ganz viel Aufklärung stattfinden.

Sie selbst haben eine steile Karriere hingelegt, sind Vorstandsvorsitzende von SOS-Kinderdorf, waren bis vor Kurzem Pädagogik-Professorin, sind in Ausschüssen tätig, halten Vorträge, veröffentlichen … wie schaffen Sie das alles?

Das liegt vor allem an zwei Dingen: Erstens mache ich das, was mich interessiert, und wenn mich etwas interessiert, bin ich mit großer Leidenschaft dabei. Dann fühlt sich das auch nicht stressig an, dann ist das einfach spannend und macht mir große Freude. Gerade jetzt bei SOS-Kinderdorf arbeite ich natürlich viel, aber ich habe so viele Gelegenheiten zu sehen, was wir bewirken, dass das ein ständiger Motivator ist.

Das andere ist, dass ich Mut zur Lücke habe. Wenn ich alles zu 100 Prozent erledigen würde, würde ich wahnsinnig werden. Da ein bisschen lockerzulassen, funktioniert ganz gut.

Dann ist Ihr Erfolgsrezept: Tue, was dich begeistert und sei nicht zu perfektionistisch?

Ja. Was aber nicht heißt, dass ich nicht auch manchmal denke: Oh mein Gott, es ist alles zu viel!

Was haben Sie gebraucht, um Ihren Weg gehen zu können?

Ich bin bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen und habe schon früh mitbekommen, dass ich mich um mich selbst kümmern muss. Und ich habe keine Angst davor, jemanden zu fragen, wenn ich etwas nicht weiß. Für mein Buch zum Beispiel habe ich eine Agentin gefragt, für meine berufliche Weiterentwicklung mit einer Headhunterin zusammengearbeitet. Leider erlebe ich bei Frauen häufig, dass es da eine große Hemmung gibt. Für junge Menschen ist es außerdem total wichtig, dass sie jemanden haben, der an sie glaubt und der sie unterstützt - bei mir war das meine Doktormutter. Das ist eine Sache, die ich gesellschaftlich anregen möchte. Wie wir jungen Menschen eine Leitplanke bieten und sagen: Hey, ich glaub an dich, du kriegst das hin! 

Was treibt Sie an, Ihr Leben benachteiligten Kindern und Familien zu widmen? 

Alle Kinder haben es verdient, bestmöglich aufzuwachsen. Das ist das, was mich jeden Tag antreibt. Denn wir leben in einer Gesellschaft, die nach wie vor sehr ungerecht mit Familien und Kindern umgeht, und wo es große Ungleichheiten bei den Bildungsverläufen, beim Einkommen und beim Zugang zu Ressourcen gibt. Mein Ziel ist es, zumindest meinen Teil dazu beizutragen, dass diese Ungleichheit abgebaut wird. 

Zur Person: Sabina Schutter ist Vorstandsvorsitzende von SOS Kinderdorf, bis 2021 war sie Professorin für Pädagogik der Kindheit und führte als Direktorin den Campus Mühldorf. Zuvor hat sie am Deutschen Jugendinstitut wissenschaftlich gearbeitet und die Geschäftsstelle des Bundesjugendkuratoriums geleitet. Von 2005 bis 2010 war sie für den Bundesverband alleinerziehender Mütter und Väter tätig.

Brigitte

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