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Vorurteile Wie festgefahren ist meine Meinung?

Vorurteile: Frau im Bett mit Handy
© Vadym Pastukh / Shutterstock
Die Sozialpsychologin Pia Lamberty erforscht, wieso so viele Menschen so schnell bereit sind, an Verschwörungstheorien zu glauben – und wie man am besten mit ihnen umgeht

BRIGITTE: Was sind Verschwörungstheorien aus wissenschaftlicher Sicht?

Pia Lamberty: Die Annahme, dass Gruppen, die als mächtig wahrgenommen werden, einen geheimen Plan haben, um der Gesellschaft zu schaden. Meine Co-Autorin Katharina Nocun und ich sprechen in unserem Buch aber lieber von "Verschwörungserzählung", weil "Verschwörungstheorie" den falschen Eindruck erweckt, dass da Ähnlichkeiten zu einer belegbaren wissenschaftlichen Theorie bestünden. Angebliche Verschwörungen werden inzwischen nicht einmal mit vermeintlichen Fakten belegt, sondern einfach behauptet.

Ihr Team hat sich auch eine ausgedacht: die Rauchmelderverschwörung.

Ja, im Rahmen eines wissenschaftlichen Experiments haben wir amerikanischen Proband*innen erzählt, dass Rauchmelder in Deutschland installiert würden, um Menschen krank zu machen – ein Ingenieur habe das herausgefunden. Einige glaubten die Lüge sogar noch, als wir sie aufgeklärt hatten.

Wie erklären Sie sich das?

Viele von uns haben eine gewisse Tendenz, an Verschwörungen zu glauben. Bei etwa einem Drittel der Bevölkerung ist sie ausgeprägt, wir sprechen von Verschwörungsmentalität: Die Personen pflegen ein von Vorurteilen strukturiertes Weltbild, sind misstrauisch gegenüber allen, die als mächtig wahrgenommen werden, trauen denen alles zu. Es gibt den Ansatz, dass das eine relativ stabile Persönlichkeitseigenschaft ist, unabhängig davon, was in der Welt passiert, unabhängig von Fakten.

Warum ist dieser Glaube so attraktiv?

Verschwörungserzählungen treten verstärkt in Zeiten von Unsicherheit auf, ausgelöst durch Ereignisse, die wir als groß wahrnehmen, wie Pandemien, Terror, Naturkatastrophen, Unglücke. Sie bieten eine vermeintliche Erklärung. Und sie befriedigen soziale Bedürfnisse: Man kann sich darüber aufwerten, man ist die Person, die scheinbar die Wahrheit kennt, während alle anderen bloß naive Schlafschafe sind. Ein solches Weltbild ist zudem geordnet, man hat jemanden, den man verantwortlich machen kann, Zufall existiert nicht.

Was ist denn falsch am Zufall?

Wir können schlecht damit umgehen. Passiert in der Welt etwas Großes, erzeugt das ein Gefühl von Kontrollverlust. Da kommen sofort Gegenerzählungen.

Etwas Großes wie eine Pandemie ...

Da gibt es auf vielen Ebenen Effekte. Menschen, die daran glauben, lassen sich seltener impfen, sie verabschieden sich eher aus dem demokratischen Raum, gehen weniger wahrscheinlich wählen oder wählen Parteien am rechten Rand. Wir haben mit der AfD eine Partei, die Verschwörungserzählungen nutzt, um das politische Klima zu verändern, Deutungshoheit an sich zu reißen.

Wird dieser Wille zu glauben bleiben, wenn die Pandemie vorbei ist?

Die Pandemie kann auch ökonomische Krisen nach sich ziehen, die wiederum ein Nährboden für Verschwörungserzählungen sind. Und dann ist da die Herausforderung Klimawandel, die auch verschwörungsideologisch aufgeladen ist. Es gibt Institute in Deutschland, die vorrangig dazu da sind, Desinformation darüber zu verbreiten.

Was also tun?

Wir als Gesellschaft mit all unseren Institutionen wie Politik, Medien oder Justiz müssen uns klar positionieren und Grenzen setzen, wenn Desinformation oder menschenfeindliche Erzählungen verbreitet werden, in dem wir zum Beispiel die Gesetze gegen Hetze konsequent anwenden. Auch Privatpersonen können Zivilcourage zeigen. Indem sie sich vor Menschen stellen, die angegriffen werden, oder zumindest den Betroffenen schreiben, damit die sich nicht allein fühlen.

Sie unterscheiden zwischen Verschwörungserzählungen und Desinformationen. Wo liegt für Sie der Unterschied?

Bei einer Desinformation behauptet jemand mit Absicht etwas Falsches, etwa zum Klimawandel. Das lässt sich mithilfe von Fakten widerlegen. Doch eine Verschwörungserzählung ist oft nur ein Raunen: Die da oben haben einen Plan. Das macht auch den Umgang mit ihnen so schwierig: Selbst wenn mir das wenig plausibel vorkommt, bin ich oft hilflos. Wie soll ich zum Beispiel widerlegen, dass Angela Merkel die Presse lenkt? Anstatt sich in Faktendiskussionen zu verheddern, kann man jemanden fragen: Wieso glaubst du das? Und gar nicht auf die inhaltliche Ebene eingehen. Oft steckt eine persönliche Krise dahinter, über die man reden kann.

Muss ich überhaupt dagegenhalten?

Wenn die Äußerung menschenfeindlich ist, sollte man immer sagen: Hier ist die Grenze. Ansonsten kann man überlegen, welche Kämpfe man kämpfen will. Wenn ein Mensch häufig so etwas erzählt, wird das ein langer Weg. Da ist es wichtig, auf die eigenen Kräfte zu achten. Oft wenden Leute all ihre Energie auf, um jemanden umzustimmen, können dann irgendwann nicht mehr und brechen den Kontakt ab. Das ist aber auch in Ordnung, wenn man sich zu sehr belastet fühlt.

Schwierig bei Familienmitgliedern ...

Menschen, deren Angehörige solche Sachen glauben, leiden oft, schämen sich für den anderen oder haben Ängste, etwa weil eine Impfung verweigert wird. Hier kann man sagen: "Ich weiß, du glaubst da nicht dran, aber das macht mir schon Sorgen. Ich halte es für wichtig, dass du dich impfst." Aber nicht jeden Tag – das erzeugt Ablehnung. Man kann auch versuchen, das Thema eine Weile zu meiden, es gibt ja vielleicht andere Gemeinsamkeiten.

Pia Lamberty, 37, ist Sozialpsychologin und Doktorandin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Gemeinsam mit der Netzaktivistin und Publizistin Katharina Nocun hat sie das Buch "Fake Facts" (Quadriga) geschrieben. Wegen ihrer Forschung wird sie im Netz immer wieder angegriffen und bedroht.

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BRIGITTE 08/2021 Brigitte

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