Ildikó von Kürthy: "Ich möchte mich endlich mal wieder langweilen"

Wir haben mehr Zeit als je zuvor - aber sie vergeht immer schneller. Wo liegt der Fehler im System?

Ständiger Input ist kontraproduktiv

Ich möchte mich endlich mal wieder langweilen. Ich sehne mich nach Zeit, die nicht verfliegt, sondern dahinschlendert wie eine Spaziergängerin am Horizont. Ich würde in Staus, in langen Schlangen und in den Minuten zwischen zwei Terminen gern mal wieder mir selbst begegnen, innehalten und der Zeit beim Verharren Gesellschaft leisten, statt meinem Smartphone, meinem digitalem Alter Ego und den 40 Teilnehmerinnen meiner 20 WhatsApp-Gruppen.

Zeit und Aufmerksamkeit sind das Wertvollste, was wir besitzen - und von beidem lassen wir uns quasi widerstandslos Tag für Tag eine unverantwortlich große Menge abknöpfen.

Den Kampf um unsere Konzentration haben andere gewonnen. "Die Technologie verführt zu ständiger Ablenkung. Wir haben das Warten verlernt, sind ungeduldig und nehmen die Zeit und dadurch uns selbst nicht mehr wahr", sagt Dr. Marc Wittmann, Psychologe und Zeitforscher an der Uni Freiburg. "Dabei dient Zeitverschwendung der Qualitätssteigerung. Es sollte Rauchpausen auch für Nichtraucher geben. Langeweile führt zu Kreativität. Ständiger Input ist kontraproduktiv."

Wer es nicht eilig hat, macht sich verdächtig

Wir wollen uns nicht gedulden müssen. Zwangspausen werden zwanghaft gefüllt. Und wenn es nur mit einer SMS ist: "Stehe im Stau." Zeitverschwendung gilt als Sünde, seit im 14. Jahrhundert die mechanischen Uhren erfunden wurden. Als ich neulich an der Kasse zu einem Mann, der hinter mir den gepressten Atem der Eiligen ausstieß, sagte: "Bitte gehen Sie doch vor, ich habe genug Zeit", schaute der mich an, als hätte ich was Schlimmes.

Wer rastet, der rostet. Zeit ist Geld. Und wer es nicht eilig hat, gilt als verdächtig, allzu sorglos umzugehen mit der Zeit, die bekanntermaßen linear und nur in einer Richtung verläuft. Im Raum kann man zurückgehen, aber ein einmal verschenkter Augenblick kommt nie wieder. Also pflücke den Tag, aber flott.

"Die Gegenwart, also das, was wir ‚das Jetzt‘ nennen, dauert in etwa 30 Sekunden", sagt Marc Wittmann. Und selbst diese halbe Minute, diesen vergänglichen, flüchtigen Moment können wir einfach nicht in Ruhe lassen. Dabei haben wir gefühlt weniger Zeit, je weniger wir uns auf sie konzentrieren.

Seit die meisten Aufzüge verspiegelt sind, haben die Menschen darin den Eindruck, sie würden schneller fahren. Die Betrachtung des eigenen Spiegelbildes absorbiert die Aufmerksamkeit. Die Zeit scheint schneller zu vergehen, tatsächlich schenken wir ihr nur weniger Beachtung.

Beim Nichtstun kommen die besten Ideen

Zeit-Profi Wittmann berichtet von Flughäfen, auf denen die Wege von den Ankunfts-Gates zur Kofferausgabe absichtlich und unnötig lang sind, damit die Passagiere kürzer oder gar nicht auf ihr Gepäck warten müssen. Wer geht, der meckert nicht und freut sich, wenn am Ende der zurückgelegten Strecke der Koffer schon da ist. Untätigkeit führt zu Unzufriedenheit. Dabei liegt doch in ihr die Chance auf unerwartete Erkenntnisse.

"Ideen kommen häufig aus dem Nichts - aber das Nichts lassen wir nicht mehr zu", sagt Dr. Wittmann. "Die Zeit ist ein Geschenk." Man muss es bloß annehmen. Vielleicht zunächst nur für einen Moment.

Videotipp: Warum vergeht die Zeit mit dem Alter immer schneller?

Forscher decken auf: Darum vergeht die Zeit mit dem älter werden gefühlt schneller


BRIGITE 12/2019

Wer hier schreibt:

Ildiko von Kürthy
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.