"Lipödem ist ein Arschloch": Eine Fotografin macht sichtbar, was keiner verstecken muss

"Lipödem ist ein Arschloch" heißt die Botschaft, die die Fotos von Melanie Grabowski erzählen. Tatsächlich ist die Aktion aber viel mehr als ein Fotoprojekt.

Fotografieren tat Melanie Grabowski schon immer gerne. Als eine Freundin mit Lipödem sie bat, ein Fotoshooting mit ihr zu veranstalten, willigte sie sofort ein. "Das 'Perfekte' liegt mir nicht", sagt Melanie über ihre Motivauswahl. Dass daraus ein ganzes Fotoprojekt entwachsen würde, hätte die gelernte Heilerziehungspflegerin damals selbst nicht erwartet.

Lipödem: Die unbekannte Krankheit

Heute gehen Melanies Fotos um die Welt. Denn die Fotografin macht eine Krankheit sichtbar, die viele Betroffene lieber verstecken. Kein Wunder: Sie werden oft falsch verstanden. Menschen mit Lipödem sind nicht einfach übergewichtig. Sie leiden an einer Fettverteilungsstörung, die keinesfalls ausgesucht, sondern krankhaft ist. Dabei sammelt sich Fettgewebe vornehmlich an Hüfte, Po, Beinen und Armen an, auch Reiterhosen genannt. Das Lipödem ist aber kein rein ästhetisches Problem, es verursacht zudem häufig Druck- und Spannungsschmerzen.

"Lipödem ist ein Arschloch": Wie das Fotoprojekt begann 

Fast ausschließlich Frauen haben mit der Erkrankung zu kämpfen. Nach Informationen von Lymphkliniken sind etwa zehn Prozent der Bevölkerung betroffen. Trotzdem ist Lipödem für viele ein Fremdwort: "Warum kennt das keiner?", fragte sich auch Melanie, als sie ihre Freundin Janina über die Krankheit ausfragte. Diese ließ sich operieren, die einzige Behandlungsmöglichkeit, die nicht rein konservativ in der Linderung der Symptome liegt. Janina wurde Melanies erstes Model. Ihr Vorher-Nachher-Shooting war der Start zum Fotoprojekt "Lipödem ist ein Arschloch".

"Dass dieses Projekt so viel Aufmerksamkeit erhält, war Janina und mir nicht bewusst. Wir waren überwältigt ​​​​​", erinnert sich die Hobby-Fotografin heute. Die Freundinnen teilten die Fotos in sozialen Netzwerken, gründeten eine Gruppe für Betroffene. Schnell war klar: Es wird nicht das letzte Fotoshooting gewesen sein. Mittlerweile wurden unzählige Frauen mit Lipödem fotografiert – am Strand, in der Stadt, alleine und gemeinsam. 

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Ich möchte Aufklärung betreiben

"Je mehr ich mich mit der Diagnose beschäftigte, desto mehr wurde mir bewusst, wie schnell man urteilt. Auch ich!", gibt Melanie offen zu. Deswegen steckt für sie viel mehr in ihrem Projekt als schöne Fotos: "Ich möchte Aufklärung betreiben und die Menschen zum Umdenken bewegen."

Der Plan geht auf. Bei Shootings in der Öffentlichkeit bleiben Zuschauer stehen. Sie schauen nicht weg, sondern hin. Sie schweigen nicht, sondern fragen. Was hinter der Aktion stehe und vor allem: Was die Diagnose Lipödem bedeute. 

Frauen mit Lipödem müssen sich nicht verstecken

Damit hat Melanie bereits mehr erreicht, als sie sich je erhofft hatte. Noch wichtiger als die öffentliche Resonanz ist für die Fotografin aber die innere Wirkung: "Es ist schwer zu verstehen, was das mit den Betroffenen macht, die sich teilweise schon so lange verstecken. Plötzlich gehen Frauen in kurzer Hose den Müll runterbringen oder fangen an Kleider anzuziehen.", berichtet Melanie, die nach wie vor jedes Shooting berührt. 

Das Fotoprojekt geht weiter!

Ein Ende des Projekts ist derzeit nicht in Sicht. Wer selber Interesse an einem Fotoshooting hat, kann der Facebook-Infogruppe: "Shootingtermin: Lipödem ist ein Arschloch" beitreten. Ausgeschlossen wird hier keiner. Das ist Melanie wichtig: "Jeder Betroffene ist willkommen! Egal ob operiert, unoperiert, weiblich, männlich, mit Rollator oder ohne. Die einzigen Kosten, die für das Shooting anfallen, sind Anreisekosten und der Regenschirm, der selbst gekauft werden muss.

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