Warum Mädchen bei Krieg und Katastrophen besonders leiden

Der Vater, der seine Tochter in der Flut loslässt, um den Sohn zu retten. Die 16-Jährige, die im Flüchtlingslager vergewaltigt wird. Mädchen leiden bei Katastrophen besonders. Warum ist das so?

Jungen und Männer werden bevorzugt behandelt

Krieg, Überschwemmung, Erdbeben: Eine Katastrophe ist für alle betroffenen Menschen schlimm. Doch für eine Frau, besonders für eine junge Frau oder ein Mädchen, können die Folgen besonders dramatisch sein.

Das gilt vor allem in Gesellschaften, in denen Mädchen gegenüber ihren Brüdern ohnehin schon benachteiligt sind. Die "London School of Economics" (LSE) fand bei einer Studie in 141 Ländern heraus, dass Jungen in Notsituationen allgemein bevorzugt behandelt werden.

Die Folgen: Tod, Vergewaltigung,  Kinderheirat

Die Wahrscheinlichkeit, in Folge einer Katastrophe zu sterben, ist für Frauen und Kinder 14-mal höher als für Männer. Und in Flüchtlingscamps werden jugendliche Mädchen häufig Opfer von Gewalt: Nach dem Erdbeben in Haiti 2010 erhöhte sich die Schwangerschaftsrate in den Camps auf das Dreifache, zwei Drittel waren ungewollt. "Human Rights Watch" stellte fest, dass in Haiti viele Frauen und Mädchen nach einer Vergewaltigung keine Hilfe suchten, weil sie sich schämten, zu berichten, was geschehen war.

Katastrophen können aber auch mehr Kinderheiraten zur Folge haben. Laut Studien in Somaliland, Bangladesch und Niger betrachten Familien und Gemeinden in Zeiten einer Katastrophe die Verheiratung der Mädchen als Schutzmaßnahme.

Wie können die Probleme gelöst werden?

Für die Helfer der Organisation "Plan International" liegt der Schlüssel in der Bildung. Schule biete nicht nur physischen Schutz vor sexuellen Übergriffen und Ausbeutung, hier könnten die Mädchen die traumatischen Erlebnisse einer Katastrophe auch psychisch besser bewältigen.

Interview mit Fabian Böckler, Plan-Experte für Katastrophenvorsorge und humanitäre Hilfe

BRIGITTE.de: Was sind die besonderen Herausforderungen, mit denen Mädchen in Krisen- und Katastrophensituationen konfrontiert sind?

In unüberschaubaren Situationen steigt die Gefahr sexualisierter Gewalt. Mädchen und Frauen in Flüchtlingslagern oder auf der Flucht werden häufig vergewaltigt, früh verheiratet und bekommen schon im jungen Teenageralter Kinder. Das bedeutet ein hohes Gesundheitsrisiko. Gerade bei schleichenden Katastrophen wie Hungersnöten arbeiten viele Männer weit von Zuhause entfernt, weil sie auf der Suche nach Arbeit zum Beispiel in Nachbarländer emigrieren. Ihre Ehefrauen sind dann komplett alleine mit den Kindern, dem Haushalt und der Verantwortung, ein Einkommen für die Familie erwirtschaften zu müssen. Wichtig ist auch, die langfristigen Folgen von Katastrophen für Mädchen zu sehen. Wenn das Essen knapp wird, essen die Männer zuerst. Unter- und Mangelernährung haben oft lebenslange Auswirkungen auf Mädchen, auf ihre Lernfähigkeit oder ihre physische Verfassung.

Wie stark sind Mädchen unmittelbar von Erdbeben, Überschwemmungen oder anderen Naturkatastrophen betroffen?

Sehr stark. Frauen und Kinder haben ein deutlich höheres Risiko, infolge einer Naturkatastrophe zu sterben. Wenn eine Überschwemmung, ein Erdbeben oder ein Taifun kommt, sind meist die Frauen und Kinder zu Hause. Sie müssen nicht nur sich selbst retten, sondern auch die Babys und Kinder versorgen. Sie sind quasi die ersten Nothelferinnen vor Ort.

Also müssten sie in eine Art Katastrophenvorsorge eingebunden werden.

Ja. Besonders Frauen brauchen Wissen über Fluchtwege und Risikofaktoren: Welcher Teil eines Dorfes wird als erstes überschwemmt? Wo kann es Erdrutsche geben? Welche Bereiche sind sicher? Frauen definieren in vielerlei Hinsicht das Gemeindeleben. Bei unseren Katastrophenvorsorgeprojekten machen wir immer wieder die Erfahrung, dass Frauen und ältere Mädchen sehr engagiert mitmachen und die anderen mit ihrem Engagement mitreißen. Dazu muss die Rolle der Frauen und Mädchen aber gestärkt werden, sie müssen aktiv in die Arbeit einbezogen werden.

Warum ist die Lage von Mädchen und Frauen in Flüchtlingslagern besonders gefährlich?

Einerseits müssen Mädchen in Notsituationen deutlich mehr Verantwortung übernehmen, zum Beispiel mehr mitarbeiten und auf ihre Geschwister aufpassen. Andererseits aber zählen ihre Bedürfnisse in diesen extremen Situationen noch weniger als sonst. Ihre Not ist also größer und gleichzeitig stehen sie noch mehr im Abseits. Das bringt Gefahren mit sich, zum Beispiel das Risiko, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Deshalb ist es so wichtig, in Nothilfecamps getrennte Latrinen und Waschräume für Mädchen und Frauen einzurichten. Und die Sanitäranlagen abends gut zu beleuchten. Auch bei der Verteilung von Gütern müssen die Bedürfnisse von jungen Frauen berücksichtigt werden. In den Hygienekits muss es zum Beispiel Binden geben, und es ist nicht egal, welche das sind. In manchen Ländern werden zum Beispiel nur Lappen aus Baumwolle verwendet.


Welche Mädchen-Schicksale sind Ihnen bei Ihrer Arbeit begegnet?

In einem nigrischen Flüchtlingslager in der Tillaberi-Region nahe der Grenze zu Mali habe ich ein 17- jähriges Mädchen aus Mali getroffen, die mit ansehen musste, wie ihr Vater im Bürgerkrieg zerstückelt wurde. Auf der Flucht nach Niger wurde sie dann auch noch vergewaltigt und bekam das Kind im Flüchtlingslager. Eine andere 17-Jährige aus Mali musste mit ihren fünf Kindern nach Maradi, Niger flüchten. Ihr Mann war wegen der Nahrungsmittelkrise in den Togo migriert, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden. Diese Frau, die selber fast noch ein Kind war, saß mit der ganzen Verantwortung alleine da.

Wie kann man diesen Kindern und Frauen helfen?

Im Norden Äthiopiens haben wir zum Thema Unterernährung gearbeitet. Dabei stellte sich heraus, dass es überwiegend junge Frauen waren, die Wasser und Feuerholz holten. Also haben wir  Maultiere und kleine Kanister an die bedürftigen Familien verteilt. Und sie gleichzeitig geschult, wie sie mit ihren traditionellen Aufgaben Einkommen erwirtschaften können. Eine junge Frau, Adanu, die mit zwei kleinen Töchtern wegen der Dürre in den Norden des Landes geflohen war, gründete mit 14 anderen Frauen eine Kooperative. Sie verkaufen jetzt mit ihren Mauleseln Trinkwasser in der nächstgelegenen Stadt und bieten erfolgreich mobile Waschräume an.

Weitere Infos zu den Möglichkeiten, Mädchen zu helfen unter www.plan.de

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