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Nicht nur Frauen leiden unter dem Patriarchat Warum uns toxische Männlichkeit jedes Jahr 63 Milliarden Euro kostet

Nicht nur die Frauen leiden unter dem Patriarchat – auch die Männer
© JenkoAtaman / Adobe Stock
Das Patriarchat – ein Begriff, der von vielen mit Kampf und ungleicher Behandlung von Frauen verbunden ist. Das stimmt auch! Doch nicht nur die Frauen leiden unter der "Herrschaft des Mannes", auch sie selbst tun es. Denn: Männer dominieren in Statistiken zu Gewalt, Unfällen, Sucht oder Suiziden und das kostet jedes Jahr 63 Milliarden Euro. Ein Appel für die Gleichberechtigung.

"Natürlich sind es nicht 'die Männer', die die Gesellschaft jedes Jahr mindestens 63 Milliarden Euro kosten", schreibt Boris von Heesen zu Beginn seines Buches „Was Männer kosten – der hohe Preis des Patriarchats“. "Es sind das Patriarchat und die aus ihm erwachsenen Rollenstereotype, die in ungesunde geschlechtsspezifische Verhaltensweisen münden.“

Gleichberechtigung in der Sprache des Geldes erklären

Von Heesen bedient sich einer Sprache, die jeder versteht und der üblicherweise auch immer zugehört wird: Geld. Und es gelingt! Er bringt sperrige Begriffe wie Feminismus und Patriarchat so geschickt unter, ohne dass es wie eine Kampfansage an die Männer aussieht. Denn: Feminismus hat weder etwas mit einem Kampf gegen die Männer zu tun, noch soll er dazu beitragen, dass sich Frauen über die Männer erheben und das Patriarchat in ein Matriarchat verwandelt wird.

Im Feminismus geht es vielmehr um den Kampf für eine gleichberechtigte Gesellschaft – und das schließt alle Menschen ein, egal welcher Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Zuordnung. Das Patriarchat, also eine von Männern geprägte und weitergegebenen Herrschaftsordnung, schadet uns allen – und eben auch den Männern selbst.

Nicht nur Frauen leiden unter dem Patriarchat – auch die Männer

Noch immer arbeiten 94 Prozent der Väter in Vollzeit. Bei den Müttern sind es nur 34 Prozent. Frauen wird somit das Recht auf berufliche Weiterentwicklung und Selbstversorgung genommen. Sie leiden deutlich häufiger unter Altersarmut, da sie noch heute den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit übernehmen, keine Rente bekommen und von dem Geld ihres Mannes abhängig sind.

Doch auch hier zeigt sich eine erhebliche Ungerechtigkeit für die Männer. Sie tragen die gesellschaftliche Bürde des Alleinverdieners und sind in der Zeit ihres Berufslebens von ihren Kindern getrennt. Die lebenslange Fixierung auf den Beruf hat zur Folge, dass über Probleme nicht geredet, weniger zum Arzt gegangen wird und die Gesundheit unter Bewegungsmangel und schlechter Ernährung leidet. Hinzu kommt, dass, nachdem der Job bei Renteneintritt wegfällt, viele Männer in ein Loch fallen, schreibt von Heesen. Das Patriarchat und die damit verbundenen Rollenmuster sind also eine Lose-Lose-Situation.

Doch nicht nur die Ungerechtigkeit an sich ist ein Problem. Das Patriarchat kostet Milliarden. Ob Verkehrsunfälle, Gefängnisaufenthalte, Süchte, Wirtschaftskriminalität, Fußball-Hooligans oder im Bereich Umwelt- und Klimaschutz – Männer führen alle Negativ-Statistiken an.

Ein kleiner Kostenüberblick des Patriarchats

Im Jahr 2018 kosteten Verkehrsunfälle, die durch Männer verursacht wurden, das Land 5,21 Milliarden Euro. Im Vordergrund stehen hier zum Beispiel Unfälle unter Alkoholeinfluss, mit leistungsstarken Pkw ab circa 163 PS und eine erhebliche Menge an Geschwindigkeitsübertretungen.

2021 wurde im Jahrbuch der Sucht festgehalten, dass unter den Alkoholabhängigen 73 Prozent männlich sind. Schaut man sich nun die direkten und indirekten Kosten an, ergibt sich insgesamt ein Betrag von 26,22 Milliarden Euro. Diese ergeben sich unter anderem aus direkten Kosten aus dem Medizinischen- und Pflegebereich sowie für Rehabilitationsmaßnahmen. Etwas zeitversetzt folgen die indirekten Kosten in Form von Arbeitslosengeld, die Folgen von Erwerbsminderungen beziehungsweise Arbeitsunfähigkeit sowie den Ressourcenverlust durch verfrühtes Sterben. Insgesamt macht der Faktor Sucht (unter anderem auch Glücksspiele) den höchsten Kostenberg mit 43,93 Milliarden Euro aus.

Fußball ist gerade bei Männern ein beliebter Sport, bei dem die eigene Mannschaft mit viel Leidenschaft verteidigt wird. Aus dem Jahresbericht für Fußball der zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze, geht für die Saison 2018/2019 hervor, dass über 2,44 Millionen Polizeistunden aufgelaufen sind. Anhand dieser ergibt sich ein Gesamtbetrag von 165 Millionen Euro für Polizeikosten. Insgesamt ist die Summe der gewaltbereiten Fans in Deutschland aber sehr klein.

Doch nicht alle Auswirkungen des Patriarchat auf die Männer lassen sich monetär messen

Dieser kleine Kostenausblick und auch die Gesamtkosten von 63 Milliarden Euro sind lediglich Mindestkosten, an denen sich orientiert werden kann, schreibt von Heesen. Hinzu kommt, dass sie nur einen geringen Teil der Auswirkungen des Patriarchats auf die Gesellschaft darstellen. Es gibt noch zahlreiche nicht messbare Dimensionen – auch bei den Männern. So sind unter anderem die Suizidraten bei Männern deutlich höher. In der Altersgruppe zwischen 20 und 45 sind 80 Prozent der Selbstmorde von Männern begangen worden. Genau in dem Abschnitt des Lebens, wo sich die Zukunft langsam herausbildet und die Erwartungen steigen. Häufig geht es um Versagen oder der Angst vor dem Versagen.

Das zeigt ein ums andere Mal, dass die patriarchalen Rollenmuster aufgebrochen werden müssen und die Gesellschaft als Ganzes an einer neuen Ordnung arbeiten muss. Frauen muss mehr zugetraut werden, denn sie sind genauso stark wie Männer und Männern muss die Last von den Schultern genommen werden, alles allein tragen zu müssen. Denn im Kampf um Gleichberechtigung sollte es nicht um Schuldzuweisungen gehen, sondern um konstruktive gemeinsame Lösungen.

Wer noch tiefer in das Thema einsteigen möchte, sollte einen Blick in das Buch werfen.

"Was Männer kosten – der hohe Preis des Patriarchats" 
Boris von Heesen
Erschienen Wilhelm Heyne Verlag München, 2022
Hardcover, 18 Euro

Nicht nur Frauen leiden unter dem Patriarchat: Warum uns toxische Männlichkeit jedes Jahr 63 Milliarden Euro kostet
© Heyne
Brigitte

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