Was Erzieherinnen brauchen: Interview mit Attiya Khan

Wenig Gehalt, dauerhafte Rückenschmerzen und trotzdem die Liebe zum Job. Was Erzieherinnen brauchen, um ihren Job wieder gerne auszuüben, erzählt Attiya Khan im Interview mit BRIGITTE.de. "Die Wahrheit über meinen Job": Reaktionen der Erzieherinnen

Die Gesundheit von Erzieherinnen ist ihr Thema: Attiya Khan hat für ihre Doktorarbeit am Institut für Arbeitsmedizin der TU Dresden eine Methode für den besseren Gesundheitsschutz von Erzieherinnen entwickelt. Über die Ergebnisse ihrer Studie und die aktuellen Streiks sprach BRIGITTE.de mit der Wissenschaftlerin.

Attiyah Khan

BRIGITTE.de: Erzieherinnen fordern besseren Gesundheitsschutz und mehr Gehalt. Worunter leiden sie besonders?

Attiyah Khan: Sowohl eine Studie an der TU Dresden als auch zahlreiche andere Untersuchungen haben ähnliche Ergebnisse gezeigt: fast jede 2. Erzieherin hat Rückenschmerzen, weil sie oft auf zu kleinen Stühlen sitzen und viel heben müssen. Aber auch psycho-vegetative Beschwerden sind häufig, die vermutlich auf den Lärm zurückzuführen sind. Festgestellt haben wir auch hohe Anspannung, Kopfschmerzen und Erschöpfung.

BRIGITTE.de: Also ist das Burnout-Syndrom unter Erzieherinnen verbreitet?

Attiyah Khan: Nein, das gerade haben wir weniger als vermutet feststellen können. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass viele sagen, sie lieben ihren Beruf und es macht ihnen Spaß mit Kindern zu arbeiten...

BRIGITTE.de: ...trotz der Belastung?

Attiyah Khan: Genau. Es besteht also eine ganz hohe Bindung zum Beruf. Das finde ich wirklich bemerkenswert, denn diese Kombination gibt es nicht so häufig.

BRIGITTE.de: Was muss denn passieren, damit Erzieherinnen ihren Job, den sie lieben, auch wieder gern ausüben?

Attiyah Khan: Ganz eindeutig wünschen sich Erzieherinnen kleinere Gruppen, eine bessere Ausstattung und mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung. Schließlich sollen sie auch die Entwicklung der Kinder zu dokumentieren. Das wird ja jetzt immer stärker gefordert, aber die Rahmenbedingungen dafür stimmen einfach noch nicht. Und insgesamt wünschen sich Erzieherinnen mehr Wertschätzung.

BRIGITTE.de: Die sich natürlich auch im Gehalt ausdrückt.

Attiyah Khan: Genau. Sie werden einfach zu schlecht bezahlt. Aber es geht nicht nur ums Geld. Ich habe ja die Methode der Gesundheitszirkel erforscht. Das ist ein Verfahren, das die Erfahrungen der Beschäftigten nutzt, um ihre Arbeitsplätze gesundheitsförderlicher zu gestalten. Angeleitet von Moderatoren tragen die Erzieherinnen einer Kita zusammen, was für Belastungen bestehen – und wie diese Probleme gelöst werden könnten. Ich war damit schon in vielen Kindergärten recht erfolgreich. Oft hat sich herausgestellt, dass schon durch kleine Änderungen die Arbeitsbedingungen verbessert werden können. Auch die Gewerkschaften fordern jetzt übrigens Gesundheitszirkel im Tarifvertrag.

BRIGITTE.de: Viele Erzieherinnen klagen in unserem Forum aber auch über die Eltern. Sie seien oft sehr anspruchsvoll und gleichzeitig würden sie die Erziehung ihrer Kinder aber am liebsten an den Kindergarten abgeben. Wie kann man dieses Problem in den Griff bekommen?

Attiyah Khan: Das ist schwierig, zumal, wenn Eltern nicht zugänglich sind. Ich glaube ein Problem dabei ist, dass Erzieherinnen nicht ausreichend dafür ausgebildet wurden, mit "schwierigen" Eltern umzugehen. Aufgrund dieser mangelnden Kompetenz kommt es dann oft zu einer Art Verteidigungshaltung gegenüber den Eltern. Die Erzieherinnen fühlen sich häufig angegriffen.

BRIGITTE.de: Werden Sie doch auch...

Attiyah Khan: Das mag sein. Ich will das auch gar nicht bewerten. Aber ich glaube, Erzieherinnen könnten sich auch anders präsentieren. Sie machen eine sehr wichtige Arbeit, die Eltern vertrauen ihnen ihre manchmal noch sehr kleinen Kinder an Erzieherinnen stehen ja bei der Bring- und Abholsituation im täglichen Kontakt mit den Eltern. Das ist eine sehr wesentliche Möglichkeit, um ihre Kompetenz im Umgang mit Kindern zu vermitteln. Ich finde, Erzieherinnen könnten offensiver auftreten.

BRIGITTE.de: Das würden sie bestimmt auch gern, aber dafür wiederum brauchen sie auch mehr Anerkennung.

Attiyah Khan: Ja, das hängt miteinander zusammen. Ein viel versprechender Ansatz dafür ist, meiner Meinung nach, der Ausbau von Kindergärten zu Familienzentren. Dort könnten zum Beispiel abends Kurse für Eltern angeboten werden, evtl. sogar von Erzieherinnen geleitet. Sie würden dadurch als kompetente Gesprächspartner wahrgenommen werden. Aber natürlich müssten Ausbildung und Arbeitszeit entsprechend angelegt sein.

Mehr Infos zum Thema Gesundheit von Erzieherinnen

www.kita-symposium.de

www.kita-gesundheitszirkel.de

Interview: Silke Baumgarten

Wer hier schreibt:

Silke Baumgarten
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