Wie spricht man mit den Eltern über den Tod?

Wie spricht man mit seinen Eltern am besten über Älterwerden, Pflege und den Tod? Gerontopsychologin Katja Werheid gibt Auskunft.

BRIGITTE: Meine Mutter lebt allein, ihr Mann ist vor Kurzem mit Demenz ins Heim gezogen. Wann spreche ich mit ihr, wie sie sich die nächsten Jahre vorstellt?

Prof. Dr. Katja Werheid: Ich plädiere immer dafür, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen und erst mal regelmäßig vorbeizuschauen und anzurufen, um Vertrauen aufzubauen und herauszufinden, wie Mutter oder Vater im Alltag zurechtkommen. Wenn ich jahrelang nur einmal im Jahr zum Geburtstag angerufen habe und plötzlich beginne, über Pflege oder Seniorensitze zu reden, fragen die Eltern sich natürlich: Was ist denn jetzt auf einmal los?

Und wenn Eltern das Gespräch abblocken?

Dann können Sie genau das ansprechen: Ich habe den Eindruck, du möchtest gar nicht gern darüber sprechen, warum ist das so? Bleiben Sie dran, indem Sie zum Beispiel sagen: Wir können ja in drei Monaten noch einmal darüber sprechen. Jeder Mensch hat das Recht, ein Gesprächsangebot abzulehnen. Wir reagieren als erwachsene Kinder manchmal wie in der Pubertät: verunsichert, beleidigt. Wie mit Kollegen und Freunden sollten wir aber auch mit unseren Eltern kommunizieren - auf Augenhöhe.

So ein Gespräch können wir gar nicht früh genug führen.

Vielen fällt es schwer zu akzeptieren, dass sie jetzt Verantwortung für die Eltern übernehmen müssen statt andersherum ...

Den Rollenwechsel können wir allerdings aktiv gestalten. Wenn wir wie erwachsene Familienmitglieder behandelt werden wollen, sollten wir uns auch wie Erwachsene verhalten. Dann dürfen wir nicht beleidigt reagieren wie früher als Kinder, brauchen uns aber auch nicht abkanzeln zu lassen.

Warum verpassen wir den Zeitpunkt so oft, mit unseren Eltern über ihr Älterwerden zu reden?

Weil es unangenehm ist. Oft warten wir deshalb, bis es einen akuten Anlass gibt und wir eingreifen müssen. Nur: So ein Gespräch können wir gar nicht früh genug führen. Denn es dauert, bis wir wirklich miteinander reden und unsere Eltern sich überlegt haben, was sie wollen und brauchen. Außerdem haben die meisten Versorgungs- und Betreuungsangebote, die gut sind, einen langen Vorlauf.

Und was lässt sich bei Altersstarrsinn oder Demenz tun - wenn sich also gar nicht mehr wirklich miteinander reden lässt?

Gegen den Willen seiner Eltern kann man nur entscheiden, wenn rechtlich festgestellt wurde, dass jemand nicht mehr für sich sorgen kann oder sich durch sein Verhalten selber schädigen könnte. Ansonsten kann man nur versuchen, argumentativ auf seine Eltern einzuwirken. Es sind ja erwachsene Menschen, die über sich selbst entscheiden dürfen. Selbst wenn jemand ein bisschen beeinträchtigt ist, darf er nicht gezwungen werden, irgendwo zu wohnen, wo er nicht wohnen will.

Was macht man, wenn die Vorstellungen von Eltern und Kindern sehr weit auseinandergehen?

Im ersten Schritt würde ich erst mal über die Erwartungen sprechen. Sie könnten zum Beispiel Ihre Mutter fragen: Was würdest du dir von mir wünschen, wenn es dir so schlecht ginge wie dem Stiefvater? Dass ich einmal am Tag vorbeigucke? Dich zu mir hole? Oder Pflege organisiere? Bei Pflege denkt man ja immer gleich an eine 24-Stunden-Rundumversorgung. In der Regel geht es aber viel früher los, mit Hilfe im Alltag, bei Papierkram, Einkäufen. Bis es zur vollständigen Pflegebedürftigkeit kommt, vergehen in der Regel Jahre. Dann kann man in Ruhe schauen, wo die eigene Grenze liegt, was man leisten und was man nicht leisten kann.

Ist es dann okay zu sagen: Ich kann dich einmal pro Woche besuchen, aber mehr nicht?

Natürlich. Unter Erwachsenen kann man klar aussprechen, welche Ressourcen man hat und wie viel man mit seinen Eltern zu tun haben möchte. Und dann trifft man eine Entscheidung. Und für diese Entscheidung trägt man die Verantwortung. Dazu gehört es auch, auszuhalten, wenn die Eltern enttäuscht sind oder wenn jemand unsere Entscheidung moralisch nicht gutheißt.

Das sagt sich so leicht, aber genau damit haben ja sehr viele Menschen Probleme: enttäuschte Eltern, hohe Erwartungen ...

Als erwachsener Mensch sollte man seine Entscheidung nicht nach den Wünschen anderer treffen, sondern danach, was man selber zu leisten vermag. Die Konsequenzen zu tragen, gehört aber auch dazu.

Ich plädiere in Paarbeziehungen dafür, dass jeder primär für seine Eltern zuständig ist.

Der Generationenvertrag gilt also nicht mehr?

80 Prozent der Pflegebedürftigen werden immer noch von Angehörigen gepflegt. Aber viele Entwicklungen in unserer Gesellschaft stehen dem entgegen: die Berufstätigkeit von Frauen, hohe Scheidungsraten, Mobilität, die erhöhte Lebenserwartung. Hinzu kommt, dass die Familien heute weniger Kinder haben, die pflegen könnten. Deshalb kann der Generationenvertrag nicht einfach fortgeschrieben werden, wir müssen individuell verhandeln.

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Und am Ende müssen doch wieder die Töchter ran ...

Die Söhne sind auf dem Vormarsch. Jeder fünfte Pflegende ist bereits männlich. Aber das sind gesellschaftliche Prozesse, die Zeit brauchen. Die Zahl der Frauen in den Vorstandsetagen steigt ja auch nur langsam. Ich plädiere in Paarbeziehungen dafür, dass jeder primär für seine Eltern zuständig ist.

Und was raten Sie Frauen, die sich um ihre Eltern kümmern und zu wenig unterstützt werden?

Ich spreche immer wieder mit Frauen, die sich beschweren, dass die Brüder sich nicht beteiligen. Ich frage dann: Haben Sie mit ihm gesprochen? Oft kommt raus, dass sie erst reden, wenn sie total gestresst sind und nicht mehr können. Warum unterhält man sich denn nicht schon früher, wenn erste Betreuungsaufgaben zu übernehmen sind? Frauen müssen dazulernen - faire Konditionen aushandeln, sich unter Geschwistern besser absprechen. Ich finde es schwierig, wenn Frauen sich zwar um die Eltern kümmern, aber gleichzeitig in die Opferrolle gehen und Brüdern oder Partnern einen Vorwurf daraus machen. Bei unseren Kindern haben wir ja auch gelernt, Erziehungsaufgaben an die Väter abzugeben. Und im Streitfall, wenn Angehörige sich nicht einigen können, kann man Mediatoren hinzuziehen.

Brigitte 05/2019

Wer hier schreibt:

Daniela Stohn
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