Wucherpreise im Kindergarten

In vielen Gemeinden werden Kita-Plätze drastisch teurer. Die Eltern lassen sich das nicht mehr gefallen - und haben erste Erfolge.

Als der neue Gebührenbescheid für die Betreuung ihres zweijährigen Sohnes ins Haus flatterte, war die Mülheimer Wirtschaftswissenschaftlerin Sabine Müller-Yoldas (39) perplex. Statt bisher 313 Euro müssen Müller-Yoldas' nun 500 Euro pro Monat für Noahs Krippenplatz bezahlen. Dazu kommen noch 75 Euro Essensgeld im Monat. Begründung des Jugendamtes: Das Land Nordrhein-Westfalen habe die Zuschüsse zur Kinderbetreuung gesenkt, und nun bleibe der Stadt Mülheim gar nichts anderes übrig, als höhere Beiträge von den Eltern zu verlangen.

Die drastische Erhöhung trifft vor allem Elternpaare, bei denen beide berufstätig sind. Geringverdiener wurden etwas entlastet. "Da redet die Bundesregierung ständig davon, Familie und Beruf müssten sich besser vereinbaren lassen, damit wieder mehr Kinder geboren werden, und was passiert? Genau das Gegenteil!", ärgert sich Sabine Müller-Yoldas. Wie eine "Strafe für berufstätige Eltern" kommt ihr die Beitragserhöhung vor: "Alle Paare fangen sofort an zu rechnen, ob sich der Job der Frau dann noch lohnt." Schließlich sei es auch bei Akademiker-Paaren häufig so, dass die Frau ihre Arbeitszeit reduziere und dann weniger verdiene als der Mann.

Empörung reicht nicht, dachte sich das Ehepaar und gründete mit anderen Betroffenen ein "Elternnetzwerk". Mit mehr als 100 Mitstreitern schlagen sie Alarm. In Briefen an die Kommunal- und Landespolitiker, bei Demonstrationen und Podiumsdiskussionen fordern sie nicht nur die Rücknahme der Erhöhung, sie wollen auch eine generelle Diskussion über die Finanzierung der Kinderbetreuung entfachen.

Wie viel Eltern für die Betreuung ihrer Kinder bezahlen müssen und was sie dafür geboten bekommen, ist von Bundesland zu Bundesland und sogar von Kommune zu Kommune verschieden. Und: Es hängt nicht von der Finanzkraft ab. So bieten vergleichsweise "arme" Bundesländer wie das Saarland und Rheinland-Pfalz ein kostenfreies Kindergartenjahr vor der Einschulung an. Im gut betuchten Hamburg dagegen wurde bei den Gehältern der Erzieherinnen und beim Mittagessen gespart. Müller-Yoldas: "Das Geld ist da, wenn der politische Wille da ist. Die Crux: Eltern haben keine schlagkräftige Lobby."

Das ändert sich: In Köln, Düsseldorf, München, Kiel und Hamburg protestierten Eltern vehement. Sie vernetzen sich zu "Stadtelternräten", um bei politischen Entscheidungen Einfluss nehmen zu können. Und sie sind erfolgreich: In Köln wurden die geplanten Gebührenerhöhungen größtenteils zurückgenommen, in Schleswig- Holstein werden die Elternvertreter im Landtag angehört, wann immer es um Kinderbetreuung geht. Ihr Sprecher Jürgen Kulp: "Zu uns kommen mehr Leute als zu vielen anderen politischen Veranstaltungen." Was die Familien vor allem frustriert: Die Bundesregierung preist das neue "Elterngeld" als großen familienfreundlichen Schritt. Doch was passiert nach 12 oder 14 Monaten? In vielen Städten ist es nach wie vor fast unmöglich, einen Krippenplatz zu ergattern. Und die verbesserte steuerliche Absetzbarkeit der Betreuungskosten? Bringt gar nichts, wenn die Kommunen im Gegenzug höhere Gebühren eintreiben, wie Müller-Yoldas am eigenen Beispiel nachgerechnet hat: Um 2245 Euro pro Jahr stieg der Elternbeitrag für die Betreuung von Noah. Die Steuerersparnis dagegen macht mickrige 750 Euro aus.

Annette Baumann ist Frauenärztin und ebenfalls Gründungsmitglied des Mülheimer Elternnetzwerkes. Sie hat früher im Krankenhaus gearbeitet, ist aber nach Geburt der Kinder "schweren Herzens" in eine Beratungsstelle gewechselt, weil sich die Schichtarbeit in der Klinik nicht mit den Öffnungszeiten der Kita vereinbaren lässt. Wenn sie in Podiumsdiskussionen darauf hinweist, sieht sie sich "mit einem erschreckend rückständigen Familienbild" konfrontiert: "Wenn es so stressig für Sie ist zu arbeiten, dann bleiben Sie doch daheim. Ihr Mann verdient doch auch ganz gut!", bekommt sie dann zu hören.

Das passt so gar nicht zu den Zielen, die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen formuliert, findet Annette Baumann. Gemeinsam mit anderen aus der Mülheimer Gruppe hat sie der Bundesfamilienministerin einen "offenen Brief" überreicht. Monate später kam die Antwort: Es sei "unbefriedigend", dass "bundesweit steigende Kostenbeiträge für Eltern" zu verzeichnen seien. Doch eine "Einwirkungsmöglichkeit des Bundes" sei leider nicht möglich. Annette Baumann: "Das wissen wir ja. Aber wenigstens moralische Unterstützung hatten wir uns erhofft, etwa einen Brief an die Oberbürgermeisterin!"

Nun wollen die Mülheimer Bündnispartner in ganz Nordrhein-Westfalen suchen. Erst mal sind sie zu einem "runden Tisch" mit Politikern eingeladen. Thema: die Kita der Zukunft. Für Annette Baumann ist klar, wie die aussieht: "Natürlich kostenlos für alle Eltern!"

Forum

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KONTAKTE: Hamburg: www.kita-gutschein.de Schleswig-Holstein: www.kita-eltern-sh.de Düsseldorf: www.stadtelternrat-duesseldorf.org Mülheim: www.elternnetzwerk.org

Text: Nina Poelchau BRIGITTE Heft 3/2007
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