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Zehn Fakten über: Iran


Iran hat gewählt. Präsident Ahmadinedschad erklärt sich erneut zum Wahlsieger, die Opposition spricht von Wahlbetrug, die Demonstrationen in Teheran eskalieren. Zehn Fakten über ein Land, das wie kaum ein anderes im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit steht - und vielen von uns doch so fremd ist

Iran: Fakt 1

Die gebräuchliche Bezeichnung "Der Iran" ist eigentlich ein Übersetzungsfehler. Die persische Sprache kennt nämlich gar keine Artikel. Entstanden ist das "Missverständnis" bereits vor über siebzig Jahren. Als der damalige Schah von Persien - Reza Schah Pahlavi - seinem Land den heutigen Namen gab, war die vorherrschende Dokumentensprache noch französisch. Und da die Franzosen Ländernamen generell mit Artikeln versehen (La France, L'Allemagne), hieß es dann auch L'Iran. Zeitungen und Fachpublikationen sprechen häufig nur von Iran.

Iran: Fakt 2

Trotz oder gerade wegen des autoritären Regimes, gibt es in keinem anderen Land im Nahen Osten mehr Blogger als in Iran. Und die nehmen kein Blatt vor den Mund. In unzähligen Weblogs berichten sie von gewalttätigen Übergriffen der Polizei auf Studentendemos, klagen über Ahmadinedschads sture Position im Atomstreit und bekunden offen ihre Zuneigung zur Opposition.

Das Internet ist damit schon längst ein Ersatz für die freie Presse geworden, die in Iran stark eingeschränkt wurde. Viele Journalisten sitzen in Haft oder wurden zur Berufsaufgabe gezwungen. Doch auch die Blogger leben gefährlich: Im November 2008 wurde Hossein Derakhshan verhaftet, ein Star der iranischen Blogger-Szene. Jahre lang hatte er aus dem Ausland in seinem inzwischen abgestellten Weblog "Editor: Myself" die Geschehnisse in Iran kommentiert und dabei nicht nur das Augenmerk auf die politischen Entwicklungen gelegt: Auch die Fußball-WM 2006 oder die iranische Popkultur waren Themen in seinem Blog, den täglich mehr als 20.000 Menschen angeklickt haben. Von einer Iran-Reise im vergangenen Jahr kehrte er schließlich nicht zurück. Nach Angaben von Amnesty International weiß bis heute niemand, wo er festgehalten wird, wie es ihm geht und ob er Folter ausgesetzt ist.

Erst im März starb der iranische Blogger Omid Reza Misayafi im Gefängnis, nachdem er zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde. Die iranische Regierung spricht offiziell von Selbstmord.

Auch seit dem mehr als zweifelhalten Wahlsieg von Präsident Mahmud Ahmadinedschad und den damit verbundenen Massenprotesten der Oppositionellen haben Online-Angebote wie Twitter und Facebook neuen und großen Zulauf bekommen.

Iran: Fakt 3

Mehr als die Hälfte aller Studenten in Iran sind weiblich. Aus diesem Grund haben einige Studiengänge bereits Quoten eingeführt, nach denen Männer bei der Verteilung der Studienplätze bevorzugt werden.

Auch auf einem anderen Terrain haben die Frauen die Nase vorn: Sie machen 60 Prozent aller Fußballfans in Iran aus. Trotzdem ist es Frauen verboten, ein Fußball-Spiel im Stadion anzusehen. Davon handelt auch der 2006 auf der Berlinale ausgezeichnete Film "Offside".

Iran: Fakt 4

Iran ist eine Theokratie (zu deutsch: Gottesherrschaft) mit präsidial-demokratischen Zügen. Die Ausübung der Staatsgewalt geht von einem religiösen Führer aus. Bis zu seinem Tod 1989 hatte der Ajatollah Ruhollah Chomeini diese Funktion inne. Er war es auch, der 1979 den damaligen Scheich von Persien, Mohammad Reza Pahlavi, stürzte und die Islamische Republik Iran ausrief, deren Gesetze sich auf den Islam stützen. Nach seinem Tod übernahm sein Nachfolger Seyyed Ali Khamenei das Amt des Obersten Führers der Islamischen Revolution, wie das Staatsoberhaupt auch genannt wird.

Der Revolutionsführer hat uneingeschränkte Machtbefugnisse. Er ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte und ernennt die ebenfalls geistlichen Richter. Gewählt wird er auf Lebenszeit, jedoch nicht vom Volk, sondern vom religiösen Expertenrat, der aus 86 Mullahs besteht.

Die eigentliche Regierungsarbeit leistet der vom Volk gewählte Staatspräsident. Seine Machtbefugnisse, sowie die Arbeit von Parlament und Kabinett, sind jedoch stark eingeschränkt, schließlich müssen alle Gesetze vom Wächterrat und Revolutionsführer auf Vereinbarkeit mit den islamischen Prinzipien hin überprüft werden. Die drei Staatsgewalten - Legislative, Exekutive und Judikative - sind nicht geteilt, sondern obliegen alle dem Staatsoberhaupt. Auch hat der Revolutionsführer ein Vetorecht, mit dem er alle Parlamentsbeschlüsse für nichtig erklären kann.

Iran: Fakt 5

Am 12. Juni 2009 fanden in Iran Präsidentschaftswahlen statt. Der amtierende Präsident Mahmud Ahmadinedschad erklärte sich zum Wahlsieger, die Opposition und Teile der Bevölkerung werfen ihm allerdings Wahlbetrug vor. In Teheran kommt es seitdem zu heftigen Ausschreitungen, Polizisten gehen mit Schlagstöcken und Tränengas auf Demonstranten los, es gab bereits Tote und unzählige Verletzte.

Schon Wochen vor der Wahl haben die Iraner aus ihrer jeweiligen Parteizugehörigkeit keinen Hehl gemacht. Mit wehenden Fahnen, angemalten Gesichtern und Autokorsos demonstrierten sie öffentlich, für welchen Kandidaten ihr Herz schlägt.

Erst Ende Mai haben die iranischen Behörden den Zugang zu Facebook sperren lassen. Dort hatte sich der als stärkster Herausforderer Ahmadinedschads geltende Mir Hossein Mousavi ein Profil angelegt und bereits über 5000 Freunde gesammelt, die sich auf diesem Weg über seine Reformpolitik informieren wollten. Von Deutschland aus ist seine Profilseite noch erreichbar, ihr findet sie hier.

Iran: Fakt 6

Die offizielle Währung in Iran heißt Rial. Allerdings sind 50000 Rial gerade mal 3,50 Euro wert. Die Iraner laufen also tagtäglich mit dicken Geldpaketen durch die Gegend. Portemonnaies werden kaum benutzt, da sie nicht genug Platz für die vielen Scheine bieten. Um diesem Problem entgegenzuwirken, akzeptieren viele Geschäfte mittlerweile sogenannte Bürgschaftsschecks.

Iran: Fakt 7

Zuletzt war Iran aufgrund seines Atomprogramms das Thema in den internationalen Beziehungen. Während die iranische Führung beteuert, die Anreicherung von Uran nur für eine zivile Nutzung der Kernenergie vorzusehen (beispielsweise für den Bau von Kernkraftwerken), unterstellen die westlichen Staaten dem Land, insgeheim an der Entwicklung einer Atombombe zu feilen. Dies hätte weitreichende Folgen, verfügt doch Iran über ein gut aufgestelltes Raketenprogramm, mit dessen Hilfe in einigen Jahren Raketen mit atomaren Sprengköpfen versehen und damit nahe Staaten wie Israel existentiell bedrohen könnten.

Anders als sein Amtsvorgänger George W. Bush setzt der neue US-Präsident Barack Obama auf Diplomatie. So sprach er den Iranern in seiner vor einigen Tagen in Kairo gehaltenen Rede das Recht auf die friedliche Nutzung von Atomenergie zu, solange Teheran sich an den internationalen Atomwaffensperrvertag halte.

Iran: Fakt 8

Die persische Sprache wird in Iran Farsi genannt und ist gleichzeitig Amtssprache in Afghanistan und Tadschikistan. Die einheimische Schrift wurde von der arabischen Schrift verdrängt, die von links nach rechts geschrieben und gelesen wird. Dabei steht nie ein Buchstabe für sich allein, sondern alle Buchstaben sind miteinander verbunden.

Iran: Fakt 9

Islamisch ist nicht gleich islamisch. In Iran leben 90 Prozent Schiiten und 10 Prozent Sunniten. Diese Spaltung innerhalb der Religion geht auf einen Streit bezüglich des legitimierten Nachfolgers des Propheten Mohammeds zurück: Während die Schiiten den Kalifen Ali (ein Schwiegersohn und Cousin von Mohammed) als dessen würdigen Nachfolger akzeptierten, lehnen die Sunniten bis heute diese Rangfolge ab. Sie sind, anders als die Schiiten, der Meinung, dass ihr Führer unabhängig von seiner Abstammung gewählt werden kann.

Anders als in Iran sind weltweit 90 Prozent der Moslems Sunniten. Gerade im Irak ist es in den letzten Jahren vermehrt zu blutigen Übergriffen zwischen Sunniten und Schiiten gekommen.

Iran: Fakt 10

Bis zur Islamischen Revolution unterstützten die USA Iran im Kalten Krieg. Damit sollte eine Beeinflussung des Landes durch die kommunistische Sowjetunion verhindert werden. Obwohl der Schah von Persien mit seinem autoritären Regime von vielen US-Präsidenten kritisch beäugt wurde, stieg die amerikanische Militärhilfe kontinuierlich an. Vor allem unter US-Präsident Nixon wurden Iran hochmoderne Waffentechnologien überlassen, schließlich sahen die USA im Schah-Regime eine wertvolle Stütze für die unruhige Nahost-Region. Mit der Zeit entwickelte sich jedoch gerade durch die amerikanische Waffenversorgung ein Antiamerikanismus in Iran, der sich gegen eine vermeintliche Abhängigkeit vom Westen richtete. Diese negativen Sentiments entluden sich mit der Zeit in immer stärkere Demonstrationen, die schließlich der religiösen Revolutionsbewegung in die Hände spielten und zum Sturz des Schahs und Aufbau der Islamischen Republik führten.


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