Zeitarbeit für Geflüchtete: Diese Frau hat schon 120 Menschen Jobs gegeben

Firmen, die Mitarbeiter suchen. Geflüchtete, die einen Job suchen. Zarah Bruhn vermittelt - mit Zeitarbeit für Geflüchtete.

Ein schlichtes Büro im Münchner Osten. An einer Wand kleben Fotos: Ali und Dejen, Francis und Samira. Es sind Geflüchtete, die Arbeit suchen. Zarah Bruhn, 28, groß, schlank, ansteckendes Lachen, angelt sich eines der Bilder von der Wand. "Übernommen!", strahlt sie. Dass die Geschäftsführerin einer Zeitarbeitsagentur es feiert, wenn einer ihrer Zeitarbeiter abgeworben wurde, klingt absurd. Doch genau das ist das Geschäftsmodell von Social Bee.

Geflüchtete haben es schwer, einen Job zu finden - Zarah Bruhn hilft ihnen dabei

Geflüchtete finden in Deutschland nur schwer auf eigene Faust einen Job - obwohl Studien zeigen, dass die Mehrheit von ihnen unbedingt arbeiten will. Manchmal hapert es an der Sprache, es fehlen Zeugnisse, oder sie wissen nicht, wie bei uns eine Bewerbungsmappe aussehen muss.

Zarah Bruhn macht es wütend, dass diese Menschen bei der Jobsuche alleingelassen werden. Deshalb gründete sie vor zwei Jahren eine Non-Profit-Zeitarbeitsagentur. "Social Bee" stellt Menschen ein und leiht sie Unternehmen.

Doch das Ziel ist nicht das Erwirtschaften von Gewinn. Weil "Social Bee" gemeinnützig ist, ist das nicht einmal erlaubt. Vielmehr übernehmen die Firmen nach rund einem Jahr "ihren" Geflüchteten - wenn sie zufrieden sind.

Nun könnte man denken: Sollen die Unternehmen doch sofort und selbst einstellen. "Die Hürden sind irre hoch", erzählt Bruhn. Tatsächlich gibt es in Deutschland einen Behördendschungel aus Jobcentern, Ausländerbehörden, Bundesamt für Migration, Städten und Landkreisen, sodass kaum ein Unternehmen durchschaut, wen es für was ansprechen muss, beispielsweise wenn eine Arbeitserlaubnis beantragt oder verlängert werden soll.

An der Uni hörte sie: "Die Welt gehört uns" - doch irgendwann kamen Zweifel

Doch Zarah Bruhn und ihr Team kümmern sich nicht nur um die Bürokratie, die anfällt, wenn eine Firma einen Geflüchteten einstellt. Sie betreuen ihre Zeitarbeiter auch weit über das übliche Maß hinaus.

"Social Bee" organisiert und finanziert Sprachkurse und hilft den Geflüchteten im Alltag, zum Beispiel wenn sie einen Arzt brauchen oder mit Behörden konfrontiert sind. "Letztlich sind wir ein Integrationsdienstleister", sagt Bruhn.

Eigentlich wollte sie Investmentbankerin werden. Als Jüngste von drei Geschwistern wuchs sie in Franken auf, der Vater Ingenieur, die Mutter Grundschullehrerin, in der Schule war Bruhn eine Überfliegerin. Sie übersprang eine Klasse, nach dem Abitur studierte sie Betriebswirtschaft in Mannheim, die Universität gilt als Kaderschmiede. "Im Hörsaal galt: Die Welt gehört uns", erinnert sie sich.

Zweifel nagten erst an ihr, als sie während eines Praktikums für eine Kapitalbeteiligungsgesellschaft Schlachthöfe bewerten sollte. Nüchternheit und reine Zahlen, wo es doch um Leben ging. Bruhn brach ab. Dann kam der Herbst 2015. Noch nie zuvor hatten so viele Menschen in der Bundesrepublik Schutz vor Krieg, Verfolgung und Armut gesucht, eine Zäsur.

120 Geflüchtete wurden schon über die Agentur "Social Bee" vermittelt 

Bruhn schrieb damals ihre Masterarbeit in Stockholm. Auch dort kümmerten sich Hunderte von Helfern um die Ankommenden, teilten Essen aus und warme Kleider. Sie half mit und merkte schnell: Die Nothilfe klappt, aber dann wird es haarig.

Ein knappes Jahr später gründete sie gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Maximilian Felsner ihre alternative Zeitarbeitsagentur. 120 Geflüchtete haben sie bislang schon in Jobs vermittelt. Davon stehen 80 momentan als Zeitarbeiter bei "Social Bee" unter Vertrag, 40 wurden von "ihrem" Unternehmen bereits übernommen. Sie arbeiten in der Logistik, im Lager oder der Produktion, einer sogar als Architekt, ein anderer in einem Labor - eben in den Berufen, die sie auch schon in ihrer Heimat ausübten.

Immer wieder landen rassistische Hetzmails, oft explizit gegen sie als Frau gerichtet, in Bruhns Postfach. Doch einschüchtern lässt sie sich nicht. Eben erst hat sie ein zweites Büro in Stuttgart eröffnet, zwei weitere in anderen Großstädten sollen 2019 folgen.

BRIGITTE 2/2019

Wer hier schreibt:

Madlen Ottenschläger
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