Zentralamerika: Der Zug, den sie die Bestie nennen

Für die Migranten aus Zentralamerika ist dieser Zug das sicherste Transportmittel auf ihrem Weg in die USA. Aber man darf nicht einschlafen und herunterfallen.

Ich bin Jessica aus Salvador, schrieb sie als ersten Satz in ihr Tagebuch, und dann: "Lieber Gott, ich möchte wissen, wie es meinem Freund geht, es ist mir auch völlig egal, ob er jetzt eine andere hat. Ich will nur wissen, ob er lebt."

Wenn der Stumpf verheilt ist, will Jessica es wieder versuchen. Vier Monate noch, vielleicht auch nur zwei, noch zwei Monate auf ihrem Bett in der Herberge zum Guten Hirten in Tapachula, Südmexiko, neben Adelina, ihrer Freundin, und der verrückten Cynthia. Zum Fernseher schauen, die Fingernägel machen, die Hitze aushalten, Tagebuch schreiben, den Stumpf wickeln. Hoffen, dass es bald nicht mehr schmerzt. Solange Jessica, 20, die Narbe noch spürt, wird sie keine Prothese bekommen, und ohne Prothese kann sie nicht gehen.

Zwei Monate, dann will sie nach Norden, über die Grenze in die USA. Zu ihrem Freund Ever. Ever hat es geschafft. Er hat sie in der Herberge ausfindig gemacht, er rief an, sagte: "Es schneit in Virginia. Ich bin jetzt Holzfäller. Komm bald." Das letzte Mal hat sie ihn gesehen, kurz bevor sie vom Zug fiel.

Sie sah ihm in die Augen, sie haben Witze gemacht über die Landschaft entlang der Bahnstrecke, und dann sagte Ever: "Du guckst so komisch. Fühlst du dich nicht gut?" Und Jessica fiel. In Mexiko sagen sie: Der Zug holt dich. Der Zug, la bestia. Er hat einen Sog, man fällt nicht neben den Zug, man fällt darunter. Die Bestie fuhr über ihr rechtes Bein und zerquetschte die Wade. Aber sie ist auch gnädig, Wagen für Wagen, Rad für Rad zieht sie die Menschen weiter zu sich, unter sich, und am Schluss ist die Wunde wie verschlossen, versiegelt, und man verblutet nicht auf den Gleisen. Man verliert ein Bein, einen Arm, aber man überlebt. Ever sprang ab und sein Cousin und dessen Freundin, zu viert waren sie vier Tage zuvor in El Salvador aufgebrochen, am 6. Februar 2009, morgens. Sie zogen Jessica von den Gleisen, trugen sie in ein Haus in der Nähe, die Leute versprachen, die Ambulanz zu rufen. Ever wollte bleiben, aber die anderen drängelten. Also ließen sie Jessica, die noch immer ohne Bewusstsein war, zurück. Versteckten sich an den Gleisen und warteten auf den nächsten Zug.

Etwa 300 000 Menschen aus Zentralamerika kommen pro Jahr nach Mexiko, viele, um dort zu arbeiten, fast jeder Zweite will in die USA. Sie haben gehört, dass auch dort die Bedingungen härter werden, dass schlechter bezahlt wird, es weniger Jobs gibt, dass viele Amerikaner denken, die Einwanderer nähmen ihnen was weg. Aber das blenden sie aus. Die USA sind das Land, aus dem ihre Verwandten Geld schicken. Fast jede Familie hat jemanden in den Staaten, aus El Salvador ist schon jeder Dritte fort. Deshalb versuchen sie es weiter. Sie gehen los, die Richtung im Kopf, sie fragen sich durch, von Tag zu Tag.

Fast keiner schafft den Weg, ohne Abzocke, Überfall, Gewalt oder Verrat zu erleben. In Mexikos Süden liegt die eigentliche Südgrenze der USA; die investieren in Checkpoints und Überwachung. Die mexikanische Polizei ist häufig korrupt, 50 USDollar Schmiergeld verlangt ein normaler Beamter, ein Migrations-Polizist 100 Dollar. Es gibt Banden, die die Migranten ausrauben, wenn sie zu Fuß einen der vielen Kontrollpunkte umgehen. Gnadenlos sind die Einheiten der Drogenkartelle, die Zetas, die die Mittelamerikaner noch aus den Abschiebestationen entführen, um von den Angehörigen in den USA Geld zu erpressen. Manchmal nehmen sie nur die Mädchen und verschleppen sie in Bordelle. Vergewaltigungen sind so häufig, dass viele Frauen vorsorglich die Pille nehmen. Ein Drittel der Migranten nimmt deshalb den Güterzug nach Norden. Er wird unterwegs nicht von der Polizei kontrolliert. Die Migranten klettern auf die Dächer und auf die schmalen Plattformen zwischen den Waggons. 3200 Kilometer nach Norden. Fünfmal umsteigen bis Texas, elfmal bis Arizona, die Züge fahren in Etappen. Zwei Wochen unterwegs. Am Gleisbett warten, bis der Zug fährt. Aufspringen, festhalten, 35 Grad, kein Schatten, ein Liter Wasser reicht drei Stunden. Man muss wachsam sein, wegen der Überfälle. Man darf nicht einschlafen. Man darf nicht runterfallen. Aber sie fallen. Jeden Tag ein paar. Jemand muss sie einsammeln.

Olga Sanchez, 52, ist eine kleine runde Frau, die immer Weiß trägt, weißer Rock, weißes T-Shirt, ein Kreuz um den Hals. Sie lacht gern, und ihre Augen glänzen dann, dass man nicht weiß, ob es das Licht von außen ist, das sich spiegelt, oder von irgendwo innen kommt. Wenn sie besorgt ist oder nachdenkt, trommelt sie mit den Fingern gegen die Stirn. "Diese Menschen sind wie Vögelchen, ohne Schutz", sagt sie. Ihre Herberge in Tapachula, 20 Kilometer vor der Grenze zu Guatemala, ist in ganz Mexiko die einzige für die Opfer des Zuges.

Sie war Hausmädchen, eine einfache Frau vom Land, sie wurde schwer krank, Darmparalyse, die Ärzte gaben sie auf, aber sie überlebte. Und hinterher wusste sie, dass Gott etwas vorhatte mit ihr. Mit Ende 20 holte sie die ersten kranken oder verunglückten Migranten zu sich nach Hause, bettelte das Geld für sie zusammen, vor dem Krankenhaus, der Kirche. Vor zehn Jahren gründete sie die Herberge in einem viel zu kleinen Wohnhaus, sparte Geld für ein Stück Land etwas außerhalb von Tapachula, und die Kranken und Amputierten selbst bauten darauf ihre Unterkunft, die Herberge zum Guten Hirten, Jesús el Buen Pastor. Hier können sie ausruhen, solange sie wollen, genesen, wenn es geht. Unter ihresgleichen, ohne sich zu verstecken, Selbsthilfe, Selbstheilung. Sie bekommen Prothesen, sobald genug Spendengeld da ist, von privaten Stiftungen, ausländischen Botschaften. Sie können überlegen, wie es weitergehen soll. Wohin. Sechs Schlafsäle, eine Küche, eine Werkstatt, eine Bäckerei, eine Schneiderei, ein Kiosk, ein Schulungsraum, ein Büro, eine Kirche. Gelb gestrichen, mit Grün abgesetzt, und wer immer kommt, für ein paar Tage oder ein Jahr oder auch für immer, weil es für ihn kein altes Leben mehr gibt, nimmt einen Pinsel oder einen Hammer, zimmert am Dach oder streicht eine Wand und tut was.

Olga Sanchez nimmt jeden auf, solange Platz ist, um die 40 Menschen sind immer da, Alte und HIV-Kranke aus der Gegend, die meisten sind Zug-, Unfall- oder Gewaltopfer. Aber nur wenige schaffen den Weg zu ihr - nur, wenn sie das Glück haben, dass Mitarbeiter aus den kirchlichen Migrantenhäusern, den Casa del Migrantes, oder, in selteneren Fällen, der staatlichen Migrationsbehörde Beta sie dort hinbringen; die meisten werden einfach abgeschoben. 200 Zugopfer wurden allein 2006 ohne Prothese nach Honduras zurückgeschickt, eine offizielle Statistik für andere Länder gibt es nicht.

Eine Melange der zentralamerikanischen Gesellschaft lebt in dieser Herberge, jeder repräsentiert einen anderen Schmerz, eine andere Facette der Migration, jeder variiert Armut und Überlebenswillen auf seine Weise. Hier treten sie heraus aus der Masse an den Gleisen, bekommen einen Namen. Manuel, der im Kiosk hinter der Kasse sitzt, seine Wirbelsäule war nach dem Sturz vom Zug schwer verletzt, er lag zwei Jahre nur im Bett, aber jetzt wird sogar das Gehen besser. Adelina, die vor den Banden in Guatemala-Stadt floh, als sie und ihr Mann das Schutzgeld nicht mehr zahlen wollten und dann Angst bekamen um das Leben ihres neunjährigen Sohnes. Sie wollten in die USA, sahen, welches Risiko die Reise birgt. Jetzt wartet die Familie auf eine Arbeitserlaubnis, um nach Nord-Mexiko zu gehen, dort wird besser gezahlt als im Süden. Alma aus Guatemala, 16, die darauf wartet, dass ihre kleine Schwester gesund wird, sie kam unter einen Laster auf der Bananenplantage in der Nähe, auf der beide arbeiten, sie kleben die Etiketten auf die Bananen, von 6 bis 17 Uhr, 120 Pesos am Tag, 6,50 Euro, das Mächen ist elf. Yasser, 26, aus Nicaragua, der in einen Nagel trat auf der Flucht vor der Polizei und im Krankenhaus von Tapachula so lange nicht behandelt wurde, bis das ganze Bein entzündet war und amputiert werden musste. Seiner Mutter, die zu ihm fuhr, drückten die Ärzte eine blutige Tüte in die Hand, sein Bein war darin, sie nahm sich ein Taxi, fuhr zum Friedhof und begrub es. Yasser nennt die Ärzte Rassisten, Doña Olga saß lange an seinem Bett, legte ihm die Hand auf die Stirn, sprach ein Gebet, sie brachte ihm Morphium gegen die Schmerzen. Dann holte sie ihn hierher.

Sie alle leben in ihrer Obhut, zusammen, in ihren Rollstühlen, auf Krücken. Sie backen und verkaufen Brot, stemmen Hanteln aus Eisenstangen mit angeschraubten Steinbrocken, nähen Bettüberwürfe und kleine Püppchen mit Zahnstocherkörpern, lernen Englisch und wie man im Internet gute Reggaetónmusik aus Honduras findet. An die Wand des Frauenschlafsaals hat ein Künstler einen Jesus gemalt, der sich verbeugt vor diesen Kranken. Jessica schaut auf ihn, wenn sie auf ihrem Bett liegt.

Der Weg, den Jessica ging, beginnt am 2. Februar in der Wellblechhütte in San Salvador, in der sie mit ihren Eltern und zwei Geschwistern wohnte und mit ihrer Tochter, die sie allein erzieht, Katia, eineinhalb. Die Mutter ist krank, der Vater verdient als Mechaniker fünf Dollar am Tag, eine Cola kostet 2,50 Dollar. Die Schwester sagte: "Du musst gehen. Es ist leichter, woanders Geld zu verdienen." Ihr Bruder hatte es im letzten Jahr versucht und es nicht geschafft, er wollte es nicht noch einmal riskieren. Ihr Freund Ever sagte: "Mein Cousin kennt den Weg, unser Onkel lebt in den USA, wir haben eine Adresse. Virginia." Jessica überlegte drei Tage, sie wollte Lehrerin werden, sie hätte ihren Abschluss nächstes Jahr gemacht. Aber sie wollte auch der Mutter helfen. In der vierten Nacht packte sie ihren Rucksack: die dunkelste Hose, eine blaue Hose, ein blaues Sport- T-Shirt, Socken, Unterwäsche, ein Deo, Zahnbürste. Kein Bild ihrer Tochter.

Sie versteckte 300 Dollar im Absatz ihres Schuhs. Sie dachte, es würde reichen bis an die US-Grenze. Sie wusste, dass sie viel laufen und viel hungern würde. Sie wusste nicht, wie gefährlich es wäre. Sie sagt: "Ich bin kein mutiger Mensch." Sie fuhren mit einem Bus zur mexikanischen Grenze, zwei Tage. Sie kamen an einen Fluss, den Suchiate, dahinter lag Mexiko. Eine wilde Grenze, niemand kontrolliert die Menschen, die hinübergehen, oder die Waren, die die Fährleute an einem Seil hinüberziehen, Holzkisten und Säcke auf Flößen aus Lkw-Reifen, auf die eine Holzpalette gebunden ist.

Vier Minuten dauert es auf die andere Seite. In den Kisten kann alles sein, Mais oder Mangos oder Drogen. Ein dutzend Migranten gehen am Tag hinüber, manchmal auch 50 oder 200. Man erkennt sie an ihren Rucksäcken und warmen Jacken, niemand sonst trägt so viel bei sich in dieser Hitze. Die guatemaltekische Polizei schaut vom Auto aus zu. Die Kirche hat ein hohes weißes Kreuz am Ufer aufgestellt, für die, so steht es auf der Tafel, die den Weg nicht geschafft haben oder verschwunden sind. Daneben der Schattenriss eines sich abwendenden Paares.

Das Wasser war flach, mittags, am 8. Februar, wateten sie hindurch. Sie nahmen eine der Rikschas, die am Ufer warten, bis Tapachula, dann einen Bus nach Arriaga - dort fährt der Zug ab, seit der Hurrikan Stan 2005 das Schienennetz an der Küste zerstörte, vorher fuhr der Zug ab Tapachula. Der Bus stoppte fünf Mal, fünf Checkpoints liegen auf der 280 Kilometer langen Strecke, jeden umgingen sie kilometerweit. Sie kamen an einer Farm vorbei, Männer folgten ihnen, sie rannten schneller, auf einen Hügel, und versteckten sich dort. Sie hatte große Angst, sagt Jessica, und dann strahlt sie, auf ihrem Bett in der Herberge, wippt mit ihrem heilen linken Bein, sie sagt: "Aber ich habe auch die ganze Zeit fest geglaubt, dass ich es schaffe."

Ein paar Kilometer vor Arriaga schliefen sie in einer Pension, morgens, am 10. Februar kamen sie am Güterbahnhof an. Der Zug war schon da. Sie kauften Brot und Wasser und warteten bis tief in die Nacht.

Wenn man Doña Olga fragt, was ihr Mut macht, sagt sie: "Mein Glauben. Meine Familie. Und dieses Mädchen hier", und fasst nach Kathrin, die jetzt neben ihr sitzt, auf dem Sofa im Büro der Herberge, das so weich ist, dass man in der Mitte zusammenrutscht. "Kommt von so weit weg, in diese große Hitze, wohnt in einem kleinen Zimmer und ist immer fröhlich." Dann schaut sie sie an, Kathrin Zeiske, 31, aus Bonn ist Doña Olgas engste Vertraute. "Aber guck mal", sagt Olga Sanchez, "ihre Haare werden schon grau", und beide lachen, weil Kathrins Haare viele Farben haben, nur nicht Grau. Sie trägt eine Kette, die vom rechten Ohr zum rechten Nasenflügel reicht, sie nimmt sie nur nachts ab und im Kampf, beim Lucha Libre, dem mexikanischen Wrestling, wenn sie schwere Jungs durch den Ring schleudert.

Kathrin trägt enge Blusen und rosa Paillettentäschchen, sie ist stark und klug, und so soll es sein: jenseits jeder Schublade, weil Eindeutigkeit zur Einordnung führt und die zu Rassismus - und Rassismus das Einzige ist, was Kathrin, die ein sehr ruhiger Mensch ist, wütend macht. "Und es ist Rassismus", sagt sie, "wenn einige Menschen einen Pass haben, sich frei bewegen können auf der Welt, und andere müssen sich dafür in Lebensgefahr begeben. Warum sind Waren freier als Menschen?"

Sie hat Politik studiert und lernte Doña Olga 2002 auf einer Forschungsreise zur Migration in Südmexiko kennen. Sie stand eines Nachmittags in ihrem Wohnzimmer, zwischen den Matratzen und den Amputierten, und wusste gleich, dass dies künftig ihr Platz wäre. Erst dachte Doña Olga: Die Deutsche ist verrückt. Dann sagte sie ihr: Ich bin glücklich, wenn du wiederkommst. Seit drei Jahren ist Kathrin Teil der Herberge und der Familie Sanchez, Doña Olga, ihr Mann Jordan, drei erwachsene Kinder und das Baby, das ein Hausmädchen aus Guatemala im Krankenhaus von Tapachula zurückließ, es hat einen Wasserkopf, Doña Olga hörte davon, holte das Kind zu sich, sie nennt es Moses, den Engel.

Früher ist Kathrin durch Zentralamerika gereist und hat Flugblätter verteilt an die, die im Aufbruch waren, Reisetipps: Nehmt Wechselklamotten mit, Salz gegen den Mineralienverlust, Wasser vor allem. Lauft nicht mittags, da ist es zu heiß, passt wegen der Skorpione am Gleisbett auf, springt nur auf, wenn ihr noch neben dem Zug herlaufen könnt, nie aus dem Stand. Nehmt einen Gürtel mit, dann könnt ihr euch an einer Strebe festbinden. Sie hat an einem Film mitgearbeitet über das, was die Migranten erhoffen, und das, was ihnen auf dem Weg passiert. Und als sie ihn am 18. Dezember 2007 in Tapachula zeigte, draußen im Park, sichtbar für alle, auch für die Behörden, die den 18. Dezember "Tag der Migranten" nennen - "auch so ein Feigenblatt", sagt Kathrin Zeiske -, wäre sie beinah ausgewiesen worden. Aber Doña Olga redete mit den Beamten, beschwichtigte, ließ nicht locker. Eineinhalb Jahre ist das her, und Kathrin ist noch da. Etwas leiser jetzt, aber noch genauso entschlossen.

Sie organisiert den Schreibkram, sie ist sich nicht sicher, wie gut Doña Olga lesen und schreiben kann. Sie geht zu den Behörden, wenn für die Migranten Papiere beantragt werden müssen, und geht ins Abschiebegefängnis, um über die Verhältnisse dort informiert zu sein, es liegt in der Nähe, das größte von über 40 im Land, fast 1100 Plätze. Doña Olga kauft auf dem Markt für die Herbergsküche ein, handelt günstige Preise aus für Rollstühle oder Verbandsmaterial, beliefert die fünf Kioske, die sie zur Finanzierung der Herberge betreibt, mit Cola und Chips, geht ins Krankenhaus, um den Migranten dort Mut zu geben.

Sie nennt ihre Arbeit Nächstenliebe, Kathrin sagt, ihr Motor ist Gerechtigkeitssinn. Sie wollen dasselbe, den Menschen die Beine zurückgeben, sie sind das Symbol für das Grundrecht auf Mobilität, so sieht es Kathrin, Doña Olga spricht von Würde. Beide benutzen selten das Wort "ich". Am Güterbahnhof von Arriaga sitzen die Migranten nah bei den Waggons, zwischen den Gleisen, wie Jessica am 10. Februar, nachts, abseits des gelben Flutlichts, das den Ladebereich beleuchtet. Die Hauptstraße führt quer über die Gleise, Autos fahren mit lauter Musik vorüber.

Sie dösen, rauchen, Paare halten sich an den Händen, junge Leute, 16, 17 Jahre alt. Einige Gruppen haben sich erst auf dem Weg zusammengeschlossen, die Frauen vor allem. Ein Mädchen ist dabei, 14 und im vierten Monat. Sie will zu ihrer Mutter in die USA, sie hat sie zehn Jahre nicht gesehen, aber jetzt weiß sie nicht mehr weiter ohne sie. Etwa ein dutzend Frauen sind da, sie haben Handtaschen dabei, die so unpraktisch scheinen wie die knallengen Tops, die viele tragen, aber sie sagen: Man soll sehen, dass wir nichts besitzen, und die Taschen können wir festhalten. Fast alle diese Frauen sind Mütter und alleinerziehend, sie sagen, dass sie für ihre Kinder gehen, weil sie sie sonst nicht in die Schule schicken könnten. Migration als direkteste Form der Entwicklungshilfe, weil sie direkt in Bildung investiert, so kann man es auch sehen. Eine sagt: "Wenn mich jemand vergewaltigen will, sage ich einfach, ich habe Aids." Sie kichern, der Zug ist zu nah, als dass man noch über Angst reden könnte.

Plötzlich wirft die Lok die Scheinwerfer an, rangiert, Bewegung kommt in die müde Unruhe der Wartenden, manche greifen das Stück Pappe, das sie sich unterlegen wollen, es soll sie schützen vor der Hitze des Metalls, einige springen hastig auf die Plattformen. Der Zug fährt an, dann kommt er zurück, enttäuscht springen alle wieder ab. Warten weiter. Es gibt keine Durchsagen, niemand weiß, ob der Zug noch heute Nacht fährt, nach Ixtepec, 300 Kilometer, 25 Kilometer in der Stunde. Man hört nur das Rumpeln der Waggons beim Koppeln und Beladen und die Musik der Bahnarbeiter, Donna Summer, "She works hard for the money". Um halb vier fährt der Zug wieder an, leise, wenn man auf den Gleisen schläft, hört man ihn nicht kommen. Sie springen auf die Sockel, klettern auf den versetzt angebrachten Leitern aufs Dach. Das schwangere Mädchen hockt sich auf die Plattform zwischen den Waggons. Die Männer auf dem Dach johlen und recken ihre Hand mit dem Victory-Zeichen in die Luft. Die Bestie macht sich auf den Weg.

Jessica auf ihrem Bett im Frauenschlafsaal betrachtet das Sonnen-Tattoo auf ihrem linken Oberschenkel. Sie hat sich eine grüne Kladde besorgt, ihr Tagebuch. Sie schreibt jetzt jeden Tag hinein.

Sie bleibt meistens im Schlafsaal, sie will nicht, dass die Männer in der Herberge sie so sehen, und sie mag die Anbagger-Sprüche nicht, Jessica ist ein strahlend hübsches Mädchen, und sie hat etwas so Heiles an sich, dass der fehlende Unterschenkel allenfalls irritiert. Kathrin sitzt manchmal an ihrem Bett, Jessica spricht dann nicht von Reue oder Wut über die Brutalität der Flucht, sie sagt: Glaubst du, ich werde jemals wieder Röcke tagen können? Natürlich, sagt Kathrin und erzählt ihr von einem amputierten Model, Jessica hört staunend zu. Und weil sie es nicht recht glaubt, lädt Kathrin ihr später ein Foto von Heather Mills aus dem Internet runter.

Doña Olga sagt: "Der Kirche gefällt nicht, dass ich arbeite wie eine Nonne und keine bin, nur sehr gläubig, deshalb steht die Herberge nicht unter kirchlichem Patronat, wir haben keinen offiziellen Status."

Sie ist eine Illegale im Namen Gottes, eine Eigenbrötlerin. Aber sie muss auch politisch aufpassen, "wir können nicht zu laut auftreten", sagt sie, "das gefährdet unsere Arbeit". Ein Freund von ihr, Raul Mandujano, der die Rechte der Migranten vor dem Bundesstaat Chiapas vertritt, ist Anfang April aus einem Lokal abgeführt worden, öffentlich, wer die Männer waren, weiß niemand. Keine Lösegeldforderung. Kein Lebenszeichen.

Doña Olga trommelt mit den Fingern gegen die Stirn und weist die Bewohner an, nachts die Tore geschlossen zu halten. Bei Sonnenaufgang ist der Zug im Dorf Chahiutes, die Hähne krähen, Hunde bellen. Er nähert sich mit leisem Rattern, man sieht sein Licht, dann fährt er vorüber, verschwindet im Dunst, mit ihm die Silhouetten der Reisenden auf dem Dach. In Las Anonas nach sechs Stunden Fahrt hält der Zug, wenn der Lokführer pinkeln muss. Die Bäume stehen so nah an den Gleisen, dass man aufpassen muss, nicht hinuntergeschlagen zu werden. 35 Grad sind es mittags in Unionhidalgo, der Zug fährt an einem Markt vorbei, der neben den Gleisen liegt, Zapotec-Frauen mit Zöpfen verkaufen Fisch und Kuchen, niemand zeigt mehr ein Victory-Zeichen, sie halten durch.

Um vier Uhr am Nachmittag ist er am Ziel, Ixtepec, er fährt langsam, aber Padre Alejandro Solalinde hört ihn lange, bevor er ihn sieht. Er läuft hoch zu den Gleisen, "hierher", ruft er, "kommt her, hier seid ihr sicher", winkt die müden Gestalten herunter zu sich, in seine Casa del Migrante, die direkt an den Gleisen liegt, nur ein gemauertes Rondell, mehr ist nicht fertig, seine Kirche eine offene Bühne.

Es sind mutige Padres, die die Migranten-Häuser führen, diese Unterkünfte sind umstritten, es heißt, sie förderten die Illegalität, weil sich die Durchreisenden dort für die nächste Etappe stärken. Drei Tage, länger dürfen sie nicht bleiben. Drei Tage in Sicherheit. Die Padres geben ihnen handgeschriebene Pässe, Pässe ohne rechtlichen Wert, aber sie beurkunden, dass jemand von ihnen weiß, dass sie Legale sind, und sei es vor Gott. Die Padres sagen ihnen: Man braucht euch in den USA, also seid selbstbewusst, stolz, niemand ist illegal.

Im letzten Jahr haben sie Padre Alejandro ins Gefängnis gesteckt, weil er aufdecken wollte, wie das Drogenkartell in Ixtepec und die lokale Regierung verstrickt sind in das Kidnapping von Migranten, er hatte es mehrfach mit angesehen, "sie wurden von den Gleisen geholt und weggebracht vor meinen Augen, Mafia-Manier", sagt er. Er hat diese Menschen gesucht, er hat sie auch gefunden, in einem Stall, er hat sie befreit und alles öffentlich gemacht, und deshalb läuft er jetzt mit ausgebreiteten Armen dem Zug entgegen, "springt ab, hierher", um sie als Erster zu fassen zu kriegen.

Er sagt, dass er langsam wieder Hoffnung hat, seit vier Zügen hat niemand von Überfällen erzählt. Bald seien Wahlen im Bezirk, vielleicht sorge die Regierung deshalb für Ruhe. Das Schlimmste läge hinter ihm. Das Schlimmste war der Juni 2008, der Mob.

Sie kamen mit Benzinkanistern auf das Gelände der Herberge, 90 Leute aus der Gegend, die Frau des örtlichen Drogenbosses, sagt er, die habe er erkannt. Sie forderten, der Padre solle mitsamt seiner Herberge verschwinden, sie wollten alles mit Benzin übergießen. Padre Alejandro Solalinde, 64, wischt sich die Augen unter der Brille. Er breitete die Arme aus, das tut er auch jetzt, er sagte: "Dann nehmt mich." Da waren sie still, und er ging einfach davon, aufrecht, und als er zurückkam, waren sie fort.

Jessica legte sich in eine Mulde auf dem Dach eines Waggons, 300 Menschen waren auf dem Zug. Es gab nichts, wo sie sich festhalten konnte, und als sie merkte, dass sie müde wurde, nahm ihr Freund ihren Kopf in den Arm, damit sie nicht jeder Stoß wecken würde. Dann wurde es heißer, sie kletterten auf die Plattform zwischen den Waggons. Sie hatten Glück, die Plattform war leer. Sie setzte sich hin, sie hatte Durst, aber die Flaschen waren leer. Sie merkte, wie sie bewusstlos wurde, wie ihre Kräfte gingen. Sie sah Ever an, sie sagt: "Es war komisch, ich war glücklich."

Als sie fiel, waren sie in Juchitan, 250 Kilometer gefahren. Sie wurde wach, als das Bein schon amputiert war.

Die Migrationsbehörde brachte sie zu Doña Olga, ein Mann trug sie in den Frauenschlafsaal, legte sie aufs Bett, da lag sie nun, allein, in fremder Kleidung, alles, was sie angehabt hatte, hatten sie im Krankenhaus vernichtet. Die Frauen kamen, standen am Bett, Jessica hatte Angst, sie weinte viel in der ersten Zeit. Aber Adelina ist jetzt ihre Freundin. Wenn Adelina mit ihrer Familie nach Norden aufbricht, wollen sie Jessica mitnehmen. Sie warten, bis sie wieder laufen kann. Und Jessica überlegt, wie man mit einer Prothese über die Grenze kommt, wenn man nicht über Mauern klettern und durch Wasser gehen kann.

Spenden für die Migranten in der Herberge Jesús el Buen Pastor www.alberguebuenpastor.org.mx Förderkreis Oscar-Romero-Haus e.V., Konto 46 809 200, GLS Gemeinschaftsbank eG, BLZ 430 609 67; Verwendungszweck: Herberge Buen Pastor

Text: Meike Dinklage Fotos: Dörte Hagenguth Ein Artikel aus der BRIGITTE 14/09
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