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Zohre Esmaeli Diese Frau erklärt Geflüchteten den Alltag in Deutschland

Zohre Esmaeli: Zohre Esmaeli
Ex-Model Zohre Esmaeli hat die NGO "Culture Coaches" gegründet
© HANS PUNZ / Picture Alliance
Was sie will: Geflüchteten den Alltag in Deutschland erklären. Was ihr half: ihre Modelkarriere. Was sie antreibt: ihre eigene Geschichte

Anfang März brach Zohre Esmaeli mit Spenden für ukrainische Geflüchtete zur ukrainisch-polnischen Grenze auf. Als sie die Menschen dort sah, war sofort alles wieder da: die Verzweiflung, die Erschöpfung und die Kälte, die sie selbst empfunden hatte, als sie mit 13 mit ihrer Familie fliehen musste. Auf dem langen Weg von Afghanistan nach Deutschland überquerte sie ebenfalls die ukrainisch-polnische Grenze. Das ist mehr als 20 Jahre her, aber sie hat nichts davon vergessen.

Es braucht Jahre, damit sich nach der Flucht ein neues Land heimisch anfühlt

Genauso wenig wie von ihrer ersten Zeit in Deutschland. Wenn sie daran denkt, sieht sie sich allein am Ufer eines Badesees sitzen und den anderen sehnsüchtig beim Toben im Wasser zuschauen – ihr Vater hatte ihr das Schwimmen verboten. "Ich habe mich so geschämt, das werde ich niemals vergessen", sagt sie heute.

Eine Grenze zu überschreiten reicht nicht aus, um in einem anderen Land heimisch zu werden. Das machten Zohre Esmaeli solche Erlebnisse klar. Wenn zwei Kulturen so unterschiedlich sind wie etwa die deutsche und die afghanische, ist das ein Prozess, der Jahre braucht. Tausend Mal, sagt sie, habe sie sich als Jugendliche gewünscht, jemand möge ihrem Vater erklären, dass in Deutschland nichts dabei ist, wenn eine junge Frau badet, Rad fährt oder ins Kino geht. Doch da war niemand, mit dem er sich austauschen konnte. Er sprach kaum Deutsch, hatte keinen Job. Die einzigen Deutschen, mit denen er Kontakt hatte, waren Behördenmitarbeitende. Doch auch die erklärten ihm nicht, wie das Leben in Deutschland funktioniert.

Kulturelle Unterschiede entfernten sie von ihrer Familie

Der Vater schnürte seine Tochter in immer mehr Regeln und Verbote ein, bis sie es nicht mehr aushielt und mit 17 ein zweites Mal floh – diesmal aus ihrer Familie. Bei den Eltern ihres damaligen deutschen Freundes tauchte sie unter.

Als 2015 die vielen Flüchtenden aus Syrien nach Deutschland kamen, wollte Esmaeli unbedingt dafür sorgen, dass es ihnen anders ergeht. Sie hatte inzwischen als Model Karriere gemacht und nutzte ihre Bekanntheit, um mithilfe der Bürgerstiftung Berlin das Projekt "Culture Coaches" ins Leben zu rufen. Die NGO bildet Zugewanderte, die schon länger hier leben und sprachlich und kulturell in zwei Welten zu Hause sind, zu Brückenbauer:innen aus.

Zohre Esmaeli ist heute das Gesicht der Organisation. Sie kümmert sich um Weiterentwicklung und Finanzierung, bei einigen Projekten, etwa der Nähstube für afghanische Frauen, packt sie auch selbst mit an. Finanziert wird "Culture Coaches" über Spenden und Fördermittel, etwa vom Bundesinnenministerium oder der Körber-Stiftung.

Besonders effektive Unterstützung der Coaches durch eigene Erfahrung 

Sechs Vollzeit-Coaches arbeiten inzwischen für die NGO. Sie bieten zum Beispiel Orientierungsseminare an, in denen sie Geflüchteten erklären, welche Familienmodelle es in Deutschland gibt oder wie man möglichst schnell eine Wohnung findet. Weil die Coaches aus denselben Kulturkreisen wie die Ankommenden stammen, kennen sie deren Erfahrungen und Unsicherheiten. So fällt es ihnen leichter, Vertrauen zu gewinnen. Um mit Geflüchteten in Kontakt zu kommen, stellen sich die Coaches in Sammelunterkünften vor, die Workshops finden online oder in den Räumen von "Culture Coaches" in Berlin statt.

Auch für die Mitarbeitenden in deutschen Behörden veranstaltet die NGO Seminare. Dort bekommen sie erklärt, welche kulturellen Hintergründe die Zugewanderten haben, wie die Lage in den Herkunftsländern ist, welche Umgangsformen herrschen. Gilt es dort möglicherweise als respektlos, jemanden direkt anzusehen? Wenn man so etwas nicht weiß, können schnell Missverständnisse entstehen.

Über 100 Zugewanderte und mehr als 400 Behörden-Mitarbeiter:innen wurden so bereits geschult. Der Fokus der Organisation liegt auf muslimisch geprägten Herkunftsländern. Doch auch den ukrainischen Geflüchteten stünden natürlich die Türen des Projekts jederzeit offen, sagt Esmaeli. Allein zu wissen, wo man andere Menschen treffen kann, die die Erfahrungen von Flucht und Fremdsein teilen, sei schon so viel wert. Egal aus welchem Land man kommt.

Brigitte

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