Janin Ullmann: "Die Mauer ist in den Köpfen noch nicht gefallen ist"

Janin Ullmann wuchs in der DDR auf. Wie sie den Mauerfall erlebt hat und welche Erinnerungen sie bis heute prägen, verrät sie im Interview.

TV-Moderatorin und Schauspielerin Janin Ullmann (37) wurde in einem Plattenbau in Erfurt groß. Sie ist ein Kind der DDR und sagt im Gespräch mit der Nachrichtenagentur spot on news heute: "Ich hatte definitiv eine glückliche Kindheit." Dennoch sei diese "etwas anders als auf der anderen Seite der Mauer" gewesen. Was genau sie damit meint? "Ich habe im Kindergarten mit Miniatur-Panzern gespielt und später im Sportunterricht den Weitwurf mit F-1-Fake-Handgranaten geübt." Dass sie von ihrer alleinerziehenden Mutter in einer Diktatur großgezogen wurde, sei ihr als Kind nicht bewusst gewesen.

Angst habe sie jedenfalls nie gehabt. Stattdessen sei es ihr schwergefallen, sich an Regeln zu halten, die ihr als Schulmädchen auferlegt wurden. So habe sie beispielsweise einmal "von Verwandten aus Ungarn einen Trainingsanzug zum Geburtstag geschenkt bekommen". Da dieser kein DDR-Produkt war, habe sie ihn in der Schule nicht tragen dürfen. "Ich habe ihn natürlich trotzdem angezogen", erinnert sich Ullmann, "ich war ja total stolz darauf." An diesem Tag sei sie aus der Klasse geflogen. "Und am nächsten Tag habe ich ihn wieder angezogen und bin wieder rausgeflogen. So ging das eine ganze Woche."

Arm, aber behütet

Als die Berliner Mauer, die Ost- und Westdeutschland trennte, am 9. November 1989 fiel, war Ullmann sieben Jahre alt. An den historischen Moment selbst könne sie sich nicht erinnern. An die Bilder, "wie Genscher in Prag auf dem Balkon steht, völlig im Dunkeln, sein Gesicht nicht mal beleuchtet und er seinen Ausreise-Satz anfängt, der direkt durch das Kreischen der Menschen unterbrochen wird", aber schon. Damals habe Ullmann vor allem an der Reaktion ihrer Familie erkennen können, "dass da was sehr Besonderes passiert sein muss. Auch wenn es kitschig klingt", so die 37-Jährige, "aber wir haben damals zum ersten Mal Freiheit gerochen."

Wenige Tage später seien sie und ihre Mutter mit dem Zug zu Bekannten nach München gereist. Erst dort habe sie bemerkt, dass es auch anders geht. Sie, für die eine Tafel Schokolade lange Zeit "das Größte" gewesen sei, habe im Westen plötzlich in einem Kinderzimmer gestanden, "das so voll mit Spielzeug war, dass ich den Boden nicht mehr sehen konnte". Ullmann beschreibt den Moment als "beeindruckend". Dennoch habe sie rückblickend nicht das Gefühl, als Kind in der DDR etwas verpasst zu haben. "Ich hatte Geborgenheit und mehr brauchte ich nicht", so die Moderatorin.

Mauer in den Köpfen noch vorhanden

Am kommenden Samstag jährt sich der Tag des Mauerfalls zum 30. Mal. Von einer "wirklichen Einheit" möchte Ullmann aber nicht sprechen. Noch immer würden "zu viele Vorurteile in den Köpfen" regieren. "Viele waren noch nie in ihrem Leben in Erfurt, Dresden, oder Leipzig und haben auch kein Interesse daran", sagt die Moderatorin. Im Gegensatz dazu würden sich einige Menschen, die in der DDR gelebt und gearbeitet haben, "abgehängt und nicht gesehen" fühlen. "Ich glaube, es braucht noch mindestens ein oder zwei Generationen, bis die Mauer auch in den Köpfen gefallen ist."

SpotOnNews
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