Altersvorsorge: Die besten Strategien für Frauen

Eigentlich sollen Minijobs den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern. Doch laut einer neuen Studie bleiben vor allem Frauen oft in ihnen hängen, mit fatalen Folgen für ihre Altersvorsorge. BRIGITTE-Finanzexpertin Helma Sick warnt Frauen schon lange davor, zu wenig zu arbeiten: "Es gehört zur eigenen Würde, eigenes Geld zu haben."

Helma Sick: "Ein Mann ist keine Altersversorgung: Eine Frau, die heute 25 ist, wird 97 Jahre alt. Wovon will sie später leben?"

Fast fünf Millionen Menschen in Deutschland gehen einem oder zwei der so genannten Minijobs ("450-Euro-Jobs") nach. Der Großteil davon, etwa zwei Drittel, sind Frauen. Doch die meisten Minijobberinnen und Minijobber schaffen nicht - wie ursprünglich von der rot-grünen Arbeitsmarktreform gedacht - den Sprung in eine sozialversicherungspflichte Beschäftigung. Ganz im Gegenteil: Je länger man dieser Form der Erwerbstätigkeit nachgeht, umso unwahrscheinlicher wird eine solche Beschäftigung. Das belegt eine Studie des Bundesfamilienministeriums, über die die "Süddeutsche Zeitung" berichtete. Diese neue Studie kommt besonders für (verheiratete) Frauen zu dem Schluss, dass es sich bei Minijobs als Haupterwerb um "ein Programm zur Erzeugung lebenslanger Ohnmacht und Abhängigkeit" handele.

Denn bei verheirateten Frauen ist der Minijob pur - ein Minijob, der nicht zusätzlich zu einem sozialversicherungspflichtigen Hauptjob ausgeübt wird - "mit erheblichen Risiken im Lebenslauf verbunden", schreibt der Autor der Studie, Carsten Wippermann vom Delta-Institut für Sozial- und Ökologieforschung. Nur ein geringer Teil der Frauen mit Minijob findet später eine Vollzeitstelle. Durchschnittlich sind Frauen mit Minijob pur derzeit etwa sechs Jahre und sieben Monate geringfügig beschäftigt, verheiratete Frauen sogar sieben Jahre und einen Monat. Frauen, die verheiratet sind und einen Angehörigen zu Hause pflegen, verweilen sogar noch länger in einem Minijob. Aber nur 14 Prozent derjenigen Frauen, die früher einen Minijob hatten, haben heute eine Vollzeitstelle, 26 Prozent eine Teilzeitstelle (min. 20 Stunden pro Woche). Doch die Mehrheit der ehemaligen Minijobberinnen steht heute komplett ohne Job da.

Dies ist besonders gefährlich, weil Minijobberinnen auf dem Arbeitsmarkt trotz Ausbildung nicht mehr als qualifizierte Fachkräfte wahrgenommen werden und darum kaum eine Chance haben, jemals wieder eine qualifizierte Arbeitsstelle zu finden. Die Frauen hätten "künftig kaum eine Möglichkeit, im Fall von Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Tod des Partners die finanzielle Existenzsicherung ihrer Familie und ihrer selbst zu erwirtschaften." BRIGITTE-Finanzexpertin Helma Sick warnt schon lange davor, sich als Frau finanziell abhängig zu machen, zu lange aus dem Beruf zu gehen und sich bei der Rente auf den Mann zu verlassen. Lesen Sie hier ihre Tipps, wie Frauen sich in der Altersvorsoge besser absichern können.

BRIGITTE-Finanzexpertin Helma Sick warnt, lange aus dem Beruf zu gehen und sich bei der Rente auf den Mann zu verlassen.

BRIGITTE: Frau Sick, alle reden jetzt von drohender Altersarmut und nötiger Zusatzrente...

Helma Sick: Dabei ist es keine neue Erkenntnis, dass mit dem Eintritt ins Rentenalter für viele eine Versorgungslücke entsteht. Das ist lange bekannt. Und auch, dass ganz besonders Frauen davon betroffen sind. Die immer noch großen Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen wirken sich natürlich aus. Ja, weniger Gehalt heißt geringere Einzahlung in die gesetzliche Rentenversicherung. Aber nicht nur das: Männer bringen es im Durchschnitt auf 39 Arbeitsjahre, Frauen auf 26. Das ist ein weiterer Grund für geringere Renten. Und natürlich auch die Fallen, in die Frauen oft stolpern, vor allem, wenn sie Kinder haben: zum Beispiel ein zu langer Ausstieg aus dem Beruf! Wer heute eine qualifizierte Ausbildung bzw. ein Studium absolviert hat, hat schon nach fünf Jahren beruflicher Pause kaum mehr Chancen, im erlernten Beruf zu arbeiten.

Es gehört zur eigenen Würde, eigenes Geld zu haben

BRIGITTE: Hinzu kommt, dass es unter den Frauen viele Mini-Jobberinnen gibt. Welchen Konsequenzen hat das?

Helma Sick: In keinem europäischen Land gibt es so viele Mini-Jobber wie in Deutschland. Vordergründig ist so ein Job reizvoll, denn auf die jetzt 450 Euro Verdienst müssen keine Steuern entrichtet werden. Dabei sind 450-Euro-Jobs für Frauen desaströs. Denn Frauen laufen Gefahr, ihre beruflichen Kompetenzen zu verlieren. Und sie zahlen mit einem Mini-Job nicht oder kaum in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Ich kann daher nicht verstehen, warum die Bundesregierung die Verdienstmöglichkeiten bei Mini-Jobs nun auch noch ausgeweitet hat...

BRIGITTE: Dann doch lieber Teilzeitarbeit?

Helma Sick: Auch da müssen Frauen aufpassen. Denn die reduzierte Stundenzahl und das entsprechend geringeEinkommen wirkt sich im Laufe des Lebens verheerend aus. So erreichen Frauen für 20 Jahre Teilzeitarbeit durchschnittlich nur 220 bis 270 Euro Rente. Dabei werden Frauen älter als Männer, das heißt, sie müssen viele Jahre mit der geringeren Rente auskommen, auch bei steigenden Preisen.

BRIGITTE: Wobei Frauen ja nicht nur auf ihre eigene Rente angewiesen sind...

Helma Sick: In diesem Glauben wiegen sich leider immer noch viele Frauen. Aber machen wir uns doch nichts vor: Wie viele Ehen halten denn noch bis zum Rentenalter und darüber hinaus? Tatsache ist: In Großstädten wird mittlerweile jede zweite Ehe geschieden. Nichteheliche Beziehungen sind da noch gar nicht erfasst. Partner sind häufig nur noch Lebensabschnittspartner. Frauen sollten also begreifen, dass sie auf eigenen Füßen stehen müssen: Sie sind intelligent, sie haben eine gute Schulbildung, sie haben einen Beruf gelernt und oft sogar ein Studium absolviert - und dann wollen sie sich aus allem zurückziehen und sich versorgen lassen, sobald sie Kinder haben? Das ist doch wirklich ein überholtes Lebensmodell.

BRIGITTE: Selbst der Gesetzgeber ist schon weiter...

Helma Sick: Ja, mit dem seit Anfang 2008 geltenden neuen Unterhaltsrecht ist - jedenfalls für jüngere Paare - Schluss mit der Versorgerehe! Es wird davon ausgegangen, dass auch eine Frau mit Kind nach drei Jahren wieder arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen kann. Auch wenn die Bundesregierung nun doch Einschränkungen für langjährige Hausfrauenehen gemacht hat: Das neue Eherecht fordert mehr Eigenverantwortung - von beiden Partnern. Jeder sollte berufstätig sein und schon heute dafür sorgen, im Falle einer Scheidung nicht mittellos dazustehen.

Für 20 Jahre Teilzeitarbeit erreichen Frauen im Durchschnitt nur 220 bis 270 Euro Rente im Monat.

BRIGITTE: Nach Scheidungen haben Frauen rund 40 Prozent weniger Geld zur Verfügung, Männer nur 7 Prozent.

Helma Sick: Ja, ich habe schon vor 20 Jahren einen Vortrag gehalten mit dem Titel "Ein Mann ist keine Altersversorgung". Ich könnte ihn im Prinzip heute immer noch so halten. Sehr häufig erlebe ich in Beratungen, dass eine Frau nach ihrem Studium zwei, drei Jahre beruflich tätig war. Dann hat sie ihren Mann kennen gelernt und geheiratet. Mit dem ersten Kind kam der Ausstieg aus dem Beruf, der zunächst gar nicht so lange geplant war. Aber dann kam das zweite Kind, der Mann machte Karriere, sie hielt ihm den Rücken frei. Und dann, meist mit Mitte fünfzig, steht sie selbst mit dem Rücken zur Wand: Er hat sich in eine andere Frau verliebt und sich scheiden lassen, die Kinder sind aus dem Haus, in ihrem erlernten Beruf kann sie nicht arbeiten, sie hat ja keine Berufspraxis. Dann macht sie über die Bundesagentur für Arbeit eine Umschulung zur Bürokauffrau. Die Aussichten? Mit Mitte 50, ohne Erfahrung?

BRIGITTE: Aber es kann doch auch gutgehen mit der Ehe!

Helma Sick: Trotzdem wünsche ich mir sehr, dass sich junge Frauen, wenn sie ein Kind erwarten, mehr Gedanken machen über ihre Zukunft und über die langfristigen Folgen ihrer Entscheidungen und ihres Handelns. Eine bezahlte Arbeit bringt ja nicht nur Geld und eine eigene Rente, sie erhöht auch das Selbstwertgefühl und ist Teilhabe am sozialen Leben. Für mich gehört es zur eigenen Würde, eigenes Geld zu haben.

BRIGITTE: Haben Sie nicht selbst beruflich pausiert, Sie haben doch einen Sohn?

Helma Sick: Ja, ich habe wegen meines Sohnes einige Jahre nicht gearbeitet. Das war auch gut so. Denn mein Mann und ich haben unseren Sohn im Alter von vier Jahren adoptiert, und das war nicht so ganz einfach. Ich habe aber die Elternzeit genutzt und im Abendstudium BWL studiert. Damit habe ich den Grundstock für meine jetzige Selbständigkeit gelegt.

BRIGITTE: Die gesetzliche Rente allein reicht auf keinen Fall. Haben Frauen das Ihrer Erfahrung nach im Blick?

Helma Sick: Gott sei Dank, immer mehr. Vor allem junge Frauen, deren Eltern sich haben scheiden lassen und die sehen, wie es ihren Müttern ergeht, interessieren sich für das Thema und kommen eher in eine Beratung als früher, meist so um die 30.

BRIGITTE: Rechtzeitig genug?

Helma Sick: Noch früher wäre besser. Junge Männer fangen häufig schon mit Anfang 20 an, Vermögen zu bilden, Frauen oft erst mit Ende 20. Das sind schon mal fast zehn Jahre, die fehlen. Sie verschenken damit nicht nur Zins und Zinseszins, sondern auch staatliche Zulagen. Einen Vertrag über vermögenswirksame Leistungen kann man doch schon mit dem Ausbildungsvertrag abschließen!

BRIGITTE: Lohnt es sich überhaupt, mit 50 Euro im Monat vorzusorgen?


<antwort name = "Helma Sick">Ich plädiere dafür, lieber einen monatlichen Sparbeitrag zu nehmen, der einen nicht einschnürt und der auf Dauer bezahlbar ist, und dann zum Beispiel vom Weihnachtsgeld Zuzahlungen zu leisten. Denn auch Kleinvieh kann ganz schön viel Mist machen - allerdings nur dann, wenn wirklich langfristig gespart wird. Erst dann können sich Zins und Zinseszins voll entfalten.

Ein Mann ist keine Altersversorgung: Eine Frau, die heute 25 ist, wird 97 Jahre alt. Wovon will sie später leben?

BRIGITTE: Und wie sparen Frauen, die gut verdienen?

Helma Sick: Sie machen häufig nicht das, was nötig wäre: Wenn eine Frau problemlos 300 Euro im Monat anlegen könnte, entscheidet sie sich meist nur für 100 Euro, aus welchen Gründen auch immer. Dabei ist ja die spätere Versorgungslücke, also die Differenz zwischen dem gewohnten Einkommen im Berufsleben und der Rente im Ruhestand, in der Regel größer, je mehr jemand verdient.

BRIGITTE: Kann man denn auch später noch etwas für die Altersvorsorge tun?

Helma Sick: Selbstverständlich. Dann reichen allerdings 50 oder 100 Euro im Monat nicht mehr, weil ja der Zeitraum, in dem noch gespart werden kann, deutlich kürzer ist. Eine überschlägige Regel besagt, dass die Sparrate alle zehn Jahre in etwa verdoppelt werden muss. Eine 30-Jährige muss also fast doppelt so viel einzahlen wie eine 20-Jährige, eine 40-Jährige doppelt so viel wie eine 30-Jährige, um später die gleiche Summe Rente aus einer privaten Versicherung zu erhalten.

BRIGITTE: Können Sie die jungen Leute nicht verstehen, die sagen, wieso soll ich jetzt mit 25 daran denken, wie viel Geld ich mit fast 70 Jahren brauche, wenn ich noch nicht einmal weiß, ob ich in zwei Jahren einen Job habe?

Helma Sick: Natürlich verstehe ich das. Aber es hilft doch nichts. Es ist Fakt, dass wir alle immer älter werden. Eine Frau, die heute 25 Jahre alt ist, hat die Aussicht, knapp 97 zu werden! Wovon will sie in den fast 30 Jahren Ruhestand leben? Das sollte sie sich überlegen. Aber natürlich muss mit 25 Jahren noch nicht die gesamte Altersvorsorge geregelt sein.

BRIGITTE: Welche Schritte schlagen Sie also vor?

Helma Sick: Wichtig ist erst einmal, dass existenzielle Risiken abgedeckt sind mit einer privaten Haftpflichtversicherung und einer Berufsunfähigkeitsversicherung. Der zweite Schritt ist dann ein Tagesgeldkonto mit einem Polster, damit bei unvorhergesehenen Ausgaben nicht der teure Dispokredit in Anspruch genommen werden muss. Gleichzeitig sollte aber niemand das längerfristige Sparen aus dem Auge verlieren, denn der Staat tut eine ganze Menge: mit der Arbeitnehmersparzulage bei vermögenswirksamen Leistungen in einem Aktienfonds oder Bausparvertrag zum Beispiel.

BRIGITTE: Welche Rolle spielen Finanzkrise und die zur Zeit wahnsinnig niedrigen Zinsen? Rentiert es sich da überhaupt noch, fürs Alter zu sparen?

Helma Sick: Es stimmt, die Zinsen sind zur Zeit wirklich nicht verlockend. Aber fürs langfristige Sparen zur Altersvorsorge greift man doch eh nicht nur zum Sparbuch oder Tagesgeldkonto. Dafür muss man ohnehin auf unterschiedliche Geldanlagen setzen, die mehr Rendite bringen können: auf Fonds zum Beispiel. Wer 20 Jahre und mehr Zeit hat, kommt an Aktienfonds nicht vorbei, sie bringen nach wie vor die höchste Rendite, wenn auch mit dem Risiko starker Schwankungen. Breit gestreute international anlegende Aktienfonds sind dafür am besten geeignet. Wer's etwas ruhiger angehen will, ist mit bewährten vermögensverwaltenden Mischfonds bestens bedient. Und dann natürlich sind als Basisabsicherung private Rentenversicherungen nach wie vor interessant, die es mittlerweile in verschiedensten Varianten gibt. Das ist immer noch das einzige Modell, das eine lebenslange Rente zahlt. In einer qualifizierten Beratung sollte deutlich werden, welche Altersvorsorge- Bausteine im Einzelfall am besten passen. Nicht zu vergessen: Auch eine Immobilie kann eine gute Altersvorsorge sein, vor allem wenn sie selbst bewohnt ist und die Schulden bis zum Ruhestand getilgt sind.

BRIGITTE: Und was ist mit der Riester-Rente, ist die überhaupt noch attraktiv?

Helma Sick: Die Riester-Rente muss sein. Wegen der staatlichen Zulagen und einer eventuellen Steuerersparnis ist sie eine ideale Möglichkeit, fürs Alter vorzusorgen. Und für junge Frauen besonders interessant, weil diese während der Elternzeit mit einem Beitrag von nur fünf Euro pro Monat die vollen Zulagen für sich und das Kind erhalten.

BRIGITTE: Sich kümmern lohnt also?

Helma Sick: Mit Sicherheit. Ich sage immer: Wer vor einem Problem davonläuft, dem läuft es hinterher - und das gilt ganz besonders in Gelddingen.

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Interview: Susanne Mersmann, Barbara Voigt Foto: Sebastian Doerk BRIGITTE 07/2013 Teaserbild: Schwoab/Fotolia.com

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