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Achtung - Praktikantenrechte

Entnervte Frau am Telefon
© Tatomirov / Shutterstock
In unserer Serie "Achtung" machen wir komplexe Alltagsthemen verständlicher. Diesmal: Praktikantenrechte. Gibt es Unterschiede bei Pflicht- und freiwilligen Praktika, haben Praktikanten Recht auf Urlaub und wie viel Geld steht ihnen zu? Wir liefern euch die wichtigsten Antworten

Um heutzutage im Berufsleben Fuß zu fassen, sind Praktika in vielen Branchen Voraussetzung. Doch wer kennt das nicht: Frisch von der Hochschule hangelt man sich von einem Praktikum zum nächsten, muss Überstunden machen und wird zum Dank schlecht oder gar nicht bezahlt. Nahm man das Phänomen "Generation Praktikum" lange nicht richtig ernst, herrscht jetzt Gewissheit: Eine kürzlich veröffentliche Studie der DGB-Jugend und der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass 37 Prozent der Befragten nach dem Studium ein Praktikum absolvieren. Erschreckend: Die Hälfte der Praktika ist unbezahlt und nur für rund ein Drittel der Absolventen ergab sich im Anschluss ein festes Arbeitsverhältnis. Ein weiteres Problem: Praktikanten werden häufig wie volle Arbeitskräfte eingesetzt, nur bei 32 Prozent der Befragten stand das Lernen im Vordergrund. Diesen Praktikums-Alptraum muss man aber nicht hinnehmen, denn Praktikanten haben Rechte. Welche das sind, sagen wir euch hier:

1. Pflicht oder Freiwillig?

Grundsätzlich lassen sich Praktika in zwei verschiedene Arten einteilen: Zum einen gibt es Pflichtpraktika, die im Rahmen der Schulausbildung oder des Studiums absolviert werden müssen und freiwillige Praktika, die vor, während oder nach der Ausbildung einen Einblick in die Berufswelt geben können.

Pflichtpraktika: Müsst ihr ein Pflichtpraktikum (von der Studien- oder Prüfungsordnung vorgeschrieben) während eurer Ausbildung oder Studiums ableisten, so wird dies nicht als Arbeitsverhältnis betrachtet. Ihr seid somit nicht sozialversicherungspflichtig, auch wenn das Praktikum bezahlt wird. Nachteil: Ihr habt kein Recht auf Vergütung, Urlaub oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Verdient ihr mehr als 350 Euro im Monat oder seid über 25 Jahre, müsst ihr euch zudem selbst gesetzlich krankenversichern.

Anders ist es bei einem vorgeschriebenen Vor- oder Nachpraktikum, wenn ihr noch nicht oder nicht mehr immatrikuliert seid: In diesem Fall seid ihr versicherungspflichtig. Bis zu 325 Euro trägt der Arbeitgeber die Beiträge allein. Auch in diesem Fall müsst ihr euch gesetzlich krankenversichern, wenn ihr über 350 Euro pro Monat bekommt.

Freiwillige Praktika: Freiwillige Praktika während des Studiums, die nicht von der Studien- oder Prüfungsordnung vorgeschrieben sind, sind sozialversicherungsfrei, wenn das Studium weiterhin vorrangig bleibt (zum Beispiel Praktika in den Semesterferien) und ihr nicht mehr als 400 Euro verdient. Auch freiwillige Praktika vor oder nach dem Studium sind erst bei einem Einkommen über 400 Euro sozialversicherungspflichtig, dann aber auch krankenversicherungspflichtig.

Kindergeld bekommt ihr bis ihr 25 seid bei einem Verdienst bis zu 7680 Euro pro Jahr.
Ihr habt weiterhin Anspruch auf BAföG während eines Pflichtpraktikums oder eines freiwilligen Praktikums, solange dieses in den Semesterferien absolviert wird. Allerdings kann bei einem bezahlten Praktikum das BAföG gekürzt werden: Grundsätzlich dürft ihr nicht mehr als 4206,62 Euro im Jahr verdienen. Die Praktikumsvergütung müsst ihr eurem zuständigen Bafög-Amt mitteilen. Macht ihr dagegen in einem Urlaubssemester oder während der Vorlesungszeit ohne Beurlaubung ein Praktikum, steht euch kein BAföG zu. Weitere Informationen findet ihr hier: www.das-neuebafoeg.de und die kostenlose BAföG-Hotline 0800 / 2236341.

2. Arbeitsvertrag

Bereits im Vorstellungsgespräch solltet ihr unter anderem klären, welche Aufgaben euch erwarten, wie viel Geld ihr bekommt und ob ihr Anspruch auf Urlaub habt. Bei einem Pflichtpraktikum schreibt meistens die Schul- oder Studienordnung die Voraussetzungen für das Praktikum vor. Einen Vertrag mit dem Praktikumsgeber braucht ihr daher nicht. Bei einem freiwilligen Praktikum ist ein Praktikumsvertrag laut Berufsbildungsgesetz, §§ 26, 10 Pflicht. In diesem Vertrag sollten folgende Punkte stehen:

3. Geld

In einem Praktikum solltet ihr in erster Linie erste Berufserfahrungen sammeln und neue Kenntnisse erlernen, daher gibt es keine gesetzlichen oder tariflichen Gehaltsrichtlinien. Ob und wie viel Geld angemessen ist, ist sehr unterschiedlich geregelt. Die Höhe orientiert sich an Branche, Alter und Ausbildung. Gibt es keine Praktikumsvergütung, bieten einige Firmen eine Art Aufwandsentschädigung in Form von Essenszuschüssen oder Zuzahlungen bei der Monatskarte für öffentliche Verkehrsmittel an. Werdet ihr allerdings als volle Arbeitskraft eingesetzt, steht euch auch eine angemessene Bezahlung zu. Im schlimmsten Fall könnt ihr euren Lohn einklagen, dann nämlich liegt nach nach § 138 BGB Lohnwucher vor. Ausnahme: Bei einem Pflichtpraktikum habt ihr keinen Anspruch auf eine Bezahlung.

4. Arbeitszeit und Pausen

Arbeiten bis zum Umfallen, Überstunden bis in die Nacht? Auf keinen Fall! Laut Arbeitszeitgesetz (ArbZG) dürft ihr maximal acht Stunden pro Tag arbeiten (diese Regelung gilt vor allem für Minderjährige). Überstunden dürfen nur in Ausnahmefällen gemacht werden. An Sonn- und Feiertagen müssen Praktikanten ebenfalls nicht arbeiten. Ausnahme sind aber zum Beispiel Praktikanten im journalistischen Bereich, bei der Feuerwehr oder im Krankenhaus. Werden diese auch sonntags eingesetzt, steht ihnen ein freier Tag zu.

Auch Pausen sind streng nach Gesetz geregelt: Bei einem achtsündigen Arbeitstag müsst ihr nach sechs Stunden eine Pause von mindestens 30 Minuten einlegen. Seid ihr noch nicht volljährig, habt ihr nach mehr als viereinhalb Stunden Anrecht auf 30 Minuten (§ 11 Abs. 1JArbSchG). Zwischen Feierabend und dem nächsten Arbeitstag müssen bei Volljährigen mindestens 11 Stunden und bei Minderjährigen mindestens 12 Stunden liegen.

5. Urlaub

Laut dem Bundesurlaubsgesetz (BUrlG) hat jeder Arbeitnehmer, also auch Praktikanten, ein Recht auf bezahlten Urlaub. Wenn das Praktikum länger als sechs Monate dauert, stehen euch 24 Urlaubstage im Jahr zu. Wer kürzer hospitiert, darf mindestens zwei Tage pro Monat frei machen.

6. Zeugnis

Ist euer Praktikum zu Ende, habt ihr wie jeder andere Arbeitnehmer Anrecht auf ein Zeugnis (§§ 26, 16 Berufsbildungsgesetz). Gehört euer Praktikum zum Studium oder Ausbildung, legt die Schul-, Hochschul- oder Studienordnungen meistens die Zeugnisregelung fest. Im Zeugnis sollten vor allem Angaben über Tätigkeiten, Dauer und Ziel des Praktikums, sowie über eure Teamfähigkeit stehen. Wichtig: Das Zeugnis muss schriftlich ausgestellt werden, ein elektronisches Zeugnis ist ungültig.

7. Kündigung

Ihr seid mit eurem Praktikum unzufrieden und möchtet kündigen? In eurem Vertrag ist allerdings keine Kündigungsfrist geregelt - was nun? Grundsätzlich muss man hier auch wieder zwischen einem Pflichtpraktikum und einem freiwilligem Praktikum unterscheiden:

Freiwillige Praktika werden wie normale Arbeitsverhältnisse behandelt. Somit habt ihr das Recht mit einer Kündigungsfrist von vier Wochen ordnungsgemäßig zu kündigen. Bei Pflichtpraktika seid ihr dagegen an die Prüfungs- und Studienordnung gebunden. Wenn ihr das Praktikum vorzeitig beendet, könnte es euch nicht angerechnet werden. Eure Firma kann euch nur kündigen, wenn ein so genannter wichtiger Grund dafür vorliegt (§ 15 Abs. 2 Nr. 1 BBiG)

8. Hilfe: Ansprechpartner und Betriebsrat

Ihr fühlt euch ausgebeutet, euch wird der Urlaub verweigert oder ihr seid mit euren Tätigkeiten unzufrieden? Sucht zunächst das Gespräch mit Kollegen oder eurem Chef. In jeder Firma steht einem Praktikanten in der Regel ein fester Ansprechpartner zu, den man bei Problemen um Hilfe bitten und fragen kann. Zeichnet sich keine Lösung ab, ist in größeren Unternehmen der Betriebsrat der erste Ansprechpartner. Dieser setzt sich für die Belange und die Interessen seiner Arbeitnehmer ein. Daneben gibt es in manchen Firmen noch die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV), die sich um die Anliegen von Arbeitnehmern bis 25 Jahren kümmert. Zudem findet ihr Hilfe bei den Hochschulinformationsbüros des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Weitere Informationen

Fairwork e.V. ist ein gemeinnütziger Verein von Hochschulabsolventen, der sich für bessere Arbeitsbedingungen von Hoschulabgängern einsetzt.

studentsatwork.org des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB): Hier gibt es Informationen und Online-Beratung für Studenten mit arbeitsrechtlichen Fragen.

Fragen und Antworten zum Thema "Praktikum" vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Deutscher Gewerkschaftsbund: www.dgb.de

Buchtipps: Uta Glaubitz: "Generation Praktikum", Heyne Taschenbuch 2006, 7,95 Euro

Nikola Richter: "Die Lebenspraktikanten"; Fischer Verlag 2006, 8 Euro

Nöhmaier, N., Keller, H.: „PraktikumsKnigge Leitfaden zum Berufseinstieg“, Clash Verlag, 9,90 Euro


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