Aktien kaufen - soll ich mich trauen?

Aktien kaufen: Frau am Laptop

Sparbuch, Tagesgeld, Girokonto – keine Zinsen weit und breit. Wir müssen an die Börse, sagt Finanz­expertin Anne Connelly. Und erklärt, warum Frauen sich selbst um ihr 
Geld kümmern sollten.

BRIGITTE: Als Kinder hatten wir alle eine Sparbüchse. Erinnern Sie sich an Ihre?
ANNE CONNELLY: Mein Opa war bei der Sparkasse, ich hatte mehrere. Kleine Schweinchen, bei denen immer der Schlüssel verloren ging.

Und einmal im Jahr gingen wir fröhlich damit zur Bank, die Münzen wurden gezählt, aufs Sparbuch eingezahlt, und wir bekamen noch richtig satte Zinsen dafür. Verglichen mit damals ...
... sieht es heute duster aus.

0,2 Prozent zahlt meine Bank für Tagesgeld. Das heißt, für 1000 Euro bekomme ich aufs Jahr gerechnet zwei Euro Zinsen.
Einerseits ist es eine gute Zeit, wenn man einen Kredit aufnehmen möchte, zum Beispiel für eine Immobilie. Wer aber Geld hat und es anlegen möchte, für den ist Tagesgeld oder ein Sparbuch heute natürlich keine Option mehr. Ich empfehle, sich in Richtung Aktienfonds zu orientieren. Die letzten Jahre gab es super Erträge, und langfristig verdient man damit ordentlich.

Trotzdem hat nur jeder siebte Deutsche Geld in Aktien oder Fonds angelegt. In anderen Ländern ist es viel selbstverständlicher. Woran liegt das?
Die meisten sind mit diesem Sparschwein-Effekt groß geworden: Das Geld zur Bank zu bringen, galt immer als sicher. Dazu kommt das Debakel mit der T-Aktie und der Zusammenbruch des neuen Marktes: Da hatten sich die Deutschen getraut und sind in Aktien gegangen – und dann auf die Nase gefallen. Das hallt bei sehr vielen immer noch nach. Und der dritte Grund ist, dass es nicht genügend Finanz-Erziehung gibt. Beim Thema Geldanlagen herrscht großes Unwissen. Bei Frauen noch mehr als bei Männern.

Wenn man Finanzzeitschriften oder Börsenteile liest, hat man ja auch oft das Gefühl: Das ist eine fremde Sprache. "Thesaurierend" ...?
Das bedeutet, dass Zinsen und Dividenden nicht ausgeschüttet, sondern gleich wieder angelegt werden.

SDax?
Das ist der Aktienindex für kleinere Unternehmen.

Und was sind diese ETFs, von denen man jetzt so oft hört?
ETF steht für "exchange-traded fund", das sind Investmentfonds, die an der Börse gehandelt werden und sich an einem Index orientieren, zum Beispiel dem Dax; quasi ein Korb von Wertpapieren. In der Regel werden die ETFs nicht von einem aktiven Manager geführt, eben weil sie den Index abbilden. Deshalb sind sie auch kostengünstig.

Sie haben 20 Jahre in der Branche gearbeitet. Gehen Frauen anders mit Geld um als Männer?
Frauen haben ein komplexeres Verhältnis zum Thema Geld. Wir sind schon auch gut darin, Geld auszugeben – klar, wir mögen uns gern schöne Dinge kaufen. Frauen haben früher ein Haushaltsbuch geführt.

Sich im Kleinen mit den Finanzen zu befassen, war okay ...

... aber den großen Wurf zu machen, zu investieren, damit tun sich viele schwer. "Darum kümmert sich mein Mann", das höre ich leider immer noch häufig, auch wenn die Frauen selbst gut verdienen. Diese Aufgabenverteilung haben die meisten von uns in der Kindheit vorgelebt bekommen. Ich beobachte da sogar eine Rückwärtsbewegung. Viele fallen, wenn sie Familien gründen, in diese alten Rollenmuster zurück. Ich finde es bedauerlich, dass viele Frauen die Zuständigkeit fürs Geld gern abgeben.

Warum ist es gerade jetzt so wichtig, dass Frauen ihr Geld in die Hand nehmen?
Frauen verdienen im Schnitt immer noch 21 Prozent weniger als Männer. Häufig achten sie bei der Jobauswahl nicht so sehr auf ihre Einkommensperspektive. Und wenn sie Kinder bekommen, reduzieren sie ihre Berufstätigkeit und damit ihr Einkommen. Ihre Rente ist um 40 Prozent niedriger als die der Männer, derzeit liegt sie im Durchschnitt bei 680 Euro. Es ist völlig in Ordnung, zu Hause zu bleiben und sich um die Kinder zu kümmern, das kann jede Frau frei entscheiden. Aber sich nicht mehr selbst um seine Finanzen zu kümmern, das ist ein großes Risiko. Ich bin davon überzeugt, dass finanzielle Unabhängigkeit eine wesentliche Voraussetzung für ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben ist.

Deshalb haben Sie also vor einigen Wochen das Internetportal herMoney gestartet.

Fachwissen kann man sich anlesen, aber oft fehlt uns Frauen einfach das Zutrauen. Gehen Sie mal in Deutschland auf eine Anlegermesse, da laufen zu 85 Prozent Männer herum. Ich will den Frauen, passend zu ihrem Alter und ihrer Lebenssituation, einen einfachen Zugang zu dem Thema verschaffen, sie informieren und ermuntern, ihre eigene Kraft zu entwickeln. Sie können das! Unser Ansatz ist: Wir Frauen haben viele Dinge in unserem Leben, die wir gewuppt kriegen müssen, und Geld ist eines dieser Themen. Geldanlage ist kein Hexenwerk.

Und wie machen wir denn nun den ersten Schritt – von der Sparerin zur Anlegerin?

Einfach loslegen. 25 Euro im Monat in einen kleinen Fonds-Sparplan einzahlen. Am besten schon mit dem Beginn der Berufstätigkeit, nach dem Studium, nach der Ausbildung. Mit so einem Sparplan sieht man auch gleich mal, wie es funktioniert, dann verlieren viele auch die Berührungsängste. Viele denken, sie haben kein Geld. Das stimmt nicht. Sobald man arbeitet, hat man Geld. Das heißt nicht, dass man viel Geld hat, aber schon mit 25 Euro im Monat kann man viel bewirken.

Also so früh wie möglich anfangen. Ist es jemals zu spät?

Zu spät ist es nie, dazu bin ich ein zu großer Optimist. Wenn man investiert, muss man zum einen diversifizieren: nicht alle Eier in einen Korb legen, also nicht nur eine Aktie, einen Fonds kaufen, sondern das Risiko streuen. Und zum anderen gilt: Je mehr Zeit ich habe, desto mehr kann ich auch auf Dauer mit kleinen Beträgen erwirtschaften. Ich glaube, das unterschätzen die meisten. Es geht nicht um große Beträge, es geht nur um die Stetigkeit. Und auch wenn eine Frau erst mit 50 oder 60 anfängt: Heute haben Frauen eine höhere Lebenserwartung; sie können immer gucken, wo sie mit ihren Finanzen stehen, welche Möglichkeiten sie haben, sich Vermögen aufzubauen oder ihre Anlagen zu optimieren.

 

BRIGITTE 18 / 2017

Wer hier schreibt:

Claudia Münster (Interview)
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