Feel-Good-Manager: Zum Wohlfühlen ins Büro

Der Stress im Arbeitsalltag hat zu einem neuen Beruf geführt: Feel-Good-Manager sollen die Angestellten bei der Stange halten.

"Sagen Sie lieber Managerin für Unternehmenskultur zu mir", korrigiert Stephanie Greenstreet gleich zur Begrüßung und lacht: "Wohlfühl-Managerin vermittelt den falschen Eindruck." Die blonde 24-Jährige wirkt herzlich und zugewandt. Sie ist eine aufmerksame Gesprächpartnerin, und das sicherlich nicht nur, weil Deutsch für sie eine Fremdsprache ist. Stephanie Greenstreet zog ursprünglich wegen des Germanistik-Studiums von London nach Berlin. Doch der Universität kehrte sie bald den Rücken, weil sie es bei Researchgate, einem kleinen Berliner Start-up, spannender fand. Dort war sie erst im Marketing - und wurde dann zur Feel-Good-Managerin befördert. In den Job ist sie quasi hineingewachsen, weil sie schon immer gern Events organisiert hat, gut mit allen kann und keinen Geburtstag vergisst. "Ihr Teamgeist ist einfach ansteckend", sagen die Kollegen über sie. Aber diese Fähigkeiten haben auch gute Sekretärinnen drauf. Was also genau ist jetzt ihr Aufgabenbereich? In harten Zeiten Kuschelstimmung verbreiten?

Stephanie Greenstreet, 24, hat schon Geburtstagskuchen für die Kollegen bei Researchgate gebacken, bevor sie offizielle Feel-Good-Managerin wurde.

Wer bei Researchgate anheuert, erhält zunächst von Greenstreet ein Rundum-Sorglos-Paket, um sich im Unternehmen, aber auch im Land gleich zurechtzufinden: Sie hilft sogar denen, die nicht Deutsch sprechen, bei Behördengängen oder Arztterminen. Außerdem stellt sie Kletterabende auf die Beine, veranstaltet Computerspiel-Partys oder geht mit Mitarbeitern nach Feierabend zum Bowling. Sie hat regelmäßige Yogastunden, Fußball und Deutschkurse etabliert. Und wenn jemand Geburtstag hat, trommelt sie ein paar Kollegen zum Ständchen zusammen, einen selbst gebackenen Kuchen hat sie dann auch meist dabei. Gerade organisiert sie einen mehrtägigen Ausflug mit allen Familien nach Mecklenburg-Vorpommern. "Bei Sport und Festen auch abseits des Schreibtischs Spaß miteinander haben", nennt ihr Boss, Research-Gründer Ijad Madisch, das. Denn Innovation entstehe oft gerade nicht beim Arbeiten, sondern erst, wenn man den Kopf freibekommen hat. Davon ist Madisch überzeugt.

Ihren Job hält Greenstreet vor allem in Firmen für wichtig, die ihre Strukturen verändern oder die stark wachsen - so wie Researchgate selbst, eine Art Facebook für Wissenschaftler. Der Virologe Ijad Madisch gründete das Wissens-Netz 2008 mit zwei Freunden, inzwischen zählt es weltweit drei Millionen Mitglieder, täglich kommen 2000 neue dazu, und erst vor Kurzem wurde bekannt, dass Bill Gates und andere Fonds aus dem Silicon Valley mit 27 Millionen Euro bei dem Berliner Start-up einsteigen. "Wir waren am Anfang so ein kleiner Haufen Leute, und einigen fällt es schwer, sich ständig auf neue Gesichter einzustellen", beschreibt Greenstreet die Situation der Firma, in der mittlerweile über 100 Leute arbeiten. Deshalb stellt sie zum Beispiel die Neuzugänge allen Kollegen vor und arrangiert gemeinsame Mittagessen.

Wie kann man den Spirit der Anfangszeit bewahren?

In vielen noch recht jungen Unternehmen geht es auch darum, den besonderen Spirit der Anfangszeit so lange wie möglich zu bewahren. Ehemalige, erfolgreiche Start-ups überlegen geradezu verzweifelt, wie sie den Gründerzeitgeist wiederbeleben können, als alles in der berühmten Hinterhofgarage anfing mit einer Idee, die alle beseelte. Je etablierter ein Unternehmen, desto behäbiger und unbeweglicher wird es. Die Wohlfühl-Beauftragten können dazu beitragen, diesen Prozess zu durchbrechen - vor allem, wenn sie, wie etwa Stephanie Greenstreet, die Anfangsphase eines Unternehmens miterlebt haben.

Feel-Good-Manager sind übrigens, man glaubt es kaum, keine amerikanische Erfindung. Die Idee stammt aus Deutschland, ist allerdings auch bei uns noch weitgehend Zukunftsmusik. Es gibt bislang nur eine Handvoll - interessanterweise sind es alles Frauen: Jimdo in Hamburg, Billiger-Mietwagen.de in Köln und Spreadshirt in Leipzig tragen dem Wohlfühlfaktor im Unternehmen so Rechnung.

Was aber wird aus der Work-Life-Balance in einer Firma, die Kollegen zu Freunden machen möchte? Muss Arbeit immer Spaß machen? Und was ist, wenn man nach dem Büro einfach nur nach Hause will? Expertinnen wie Isabella Heuser, Klinik-Direktorin an der Berliner Charité, sehen gerade in einer klaren innerlichen Abgrenzung zum Job die zuverlässigste Burnout-Prophylaxe. Und verpasst man als Event-Muffel am Ende die Besprechung an der Kletterwand oder das Brainstorming beim Tennisabschlag?

Zum Klettern mit Kollegen statt ab in den Feierabend?

"Dass sich Kollegen in der Freizeit treffen, ist ja nichts Schlechtes", meint Arbeitspsychologin Julia Scharnhorst. Es müsse eben nur klar sein, dass solche Angebote freiwillig sind. Das sieht aber auch Stephanie Greenstreet so: Privatleben sei natürlich wichtig, nichts muss, alles kann! Ihre Angebote seien keinesfalls inoffizielle Meetings. Sie erreicht trotzdem alle Mitarbeiter, dreht morgens ihre Runde durchs Büro, gibt Neuigkeiten weiter und hat ein offenes Ohr für Sorgen und Anregungen. Zusätzlich versendet sie einmal pro Woche per Mail einen internen Newsletter.

Die Tätigkeit von Feel-Good-Managerinnen bewertet Gesundheitspsychologin Julia Scharnhorst grundsätzlich als positiv: Es sei ein gutes Signal, wenn Arbeitgeber zeigen, dass ihnen ihre Leute am Herzen liegen. Sie ist allerdings auch selbst in Unternehmen als Beraterin unterwegs und sagt: "Es muss dennoch klar sein, dass so eine Feel-Good-Managerin nur einen Teil des Gesundheits-Managements in Betrieben machen kann. Spaß ist nur die Kür, nicht die Pflicht: Auf Arbeitszeiten-Regelungen und ergonomische Computerplätze müssen unbedingt Experten schauen."

Dass nur zufriedene und gesunde Mitarbeiter leistungsfähig sind, haben inzwischen natürlich nicht nur kleine kreative Start-ups gemerkt. Durch die Krise und damit zusammenhängende Entlassungen hat sich die Arbeitssituation in vielen Unternehmen sehr verdichtet - immer weniger Menschen leisten immer mehr Arbeit. Im "Stressreport Deutschland" geben 43 Prozent der Beschäftigten an, der Druck im Job sei gewachsen, die Fehlzeiten wegen psychischer Krankheiten steigen rapide. Seelische Leiden bedingen 41 Prozent der Frühverrentungen, und selbst unter Jüngeren wächst die Zahl der Burnout-Fälle. Die Folge: Jedes Jahr gehen den Unternehmen etwa 46 Milliarden Euro durch Produktionsausfälle aufgrund von Fehlzeiten verloren. Deswegen kümmern sich zunehmend auch große Arbeitgeber um ein sinnvolles Gesundheits-Management - wenn auch noch nicht unbedingt, indem sie dafür extra einen Feel-Good-Manager einstellen.

Das Hamburger Unternehmen Otto etwa hat einen Gesundheitsindex erstellt, der ziemlich gut zeigt, wo bei den Mitarbeitern berufliche und private Belastungen liegen und wie man ihre persönlichen Stärken fördern kann. Dafür erhielt der Online-Händler 2012 den renommierten Corporate Health Award. Neben Sportangeboten bietet Otto unter anderem eine psychologische Sprechstunde und eine psychotherapeutische Beratungsstelle an. Führungskräfte werden geschult, damit sie Stress und Suchtprobleme von Mitarbeitern besser erkennen können. "Die positiven Effekte solcher Maßnahmen sind natürlich nicht sofort messbar", sagt Karsten von Rabenau, Chef des Otto-Gesundheits-Managements, "deshalb investieren noch zu wenige Firmen in eine nachhaltige Gesundheitsförderung." Um die Unternehmen bei diesem Thema stärker in die Pflicht zu nehmen, beschloss der Bundesrat übrigens erst vor wenigen Monaten eine so genannte Anti-Stress-Verordnung. Sie würde Firmen vorschreiben, die psychische Belastung der Beschäftigten zu ermitteln und entsprechende Schutzmaßnahmen zu entwickeln.

Und mit welchen Problemen kommen nun die motivierten Mitarbeiter eines jungen Start-ups wie Researchgate zu ihrer Feel-Good-Managerin? Greenstreet berichtet von verloren gegangenen Koffern und zugesperrten Wohnungskellern - über ernstere Sorgen "ihrer" Leute wird man nichts aus ihr herausbringen. Nur so viel verrät sie: "Es geht meistens um private Dinge, in der Firma fühlen sich alle wohl. Das ist ja schließlich mein Job!"

Feel-Good-Ausbildung Eine Handvoll Wohlfühl-Managerinnen gibt es bislang in Deutschland, aber noch keine standardisierte Ausbildung. Die Greiner Akademie in Stuttgart bietet 2014 erstmals eine einjährige Fortbildung zum Feel-Good-Manager an. Inhalt sind Themen von Motivation über Organisation bis hin zu Konfliktbewältigung. Infos unter www.greinerakademie.com

Text: Christiane Würtenberger Illustration: Frauke Lehn BRIGITTE

Wer hier schreibt:

Christiane Würtenberger
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