Auftreten im Beruf: Werden Sie gefährlich

Wir müssen uns bemerkbar machen. Jetzt, in der Wirtschaftskrise, erst recht. Ein guter Anlass, von denen zu lernen, die das richtige Auftreten im Beruf blendend beherrschen: Männer

Fast alles, was die Krise mir zu sagen hat, gefällt mir nicht im Geringsten. Sie sagt: "Tu was." Sie ruft: "Qualifiziere dich!" Sie raunt: "Mache dir deine Optionen bewusst." Lauter ödes Zeug. Weder glaube ich an blinden Aktionismus, noch möchte ich einen Excel-Kurs belegen, und meine Optionen sind insgesamt eher übersichtlich. Mich interessieren andere Dinge. Zum Beispiel Männer. Erfreulicherweise schließen sich die beiden großen Themenfelder Krise und Mann nicht aus, denn wer sich in schwierigen Zeiten im Job behaupten will, muss wissen, wie man Männer in Form von Chefs, Kollegen und Mitarbeitern überzeugt und in Schach hält. Und es gibt ein Seminar, in dem man genau das lernen kann. Das nenne ich mal eine ordentliche Zusatzqualifikation. Ich werde aktiv und melde mich bei Marion Knaths an. Marion Knaths ist Expertin für männliche Kommunikation. Ihre Firma "Sheboss" ist spezialisiert auf das Training weiblicher Führungskräfte. Knaths, ehemalige Spitzenkraft eines Textilkonzerns, will Frauen vermitteln, wie sie sich in männlichen Strukturen behaupten und im Spiel um die Macht mitmischen können.

Sieben Frauen sitzen an diesem Montagmorgen im Seminarraum eines Hamburger Hotels und wollen das Auftreten im Beruf lernen. Erfolgreiche Frauen. Managerinnen und Teamleiterinnen. Probleme mit Männern? Haben sie alle. Aus gutem Grund. "Frauen kommunizieren, um Verbindung zu halten", erklärt Marion Knaths gleich zu Anfang, "sie kommunizieren lösungsorientiert und vernetzt." Das mag im Einzelfall oder in reinen Frauenteams zu schönen Ergebnissen führen, Karriere macht man damit leider nicht. Die Regeln einer Organisation würden von der Führungsspitze aufgestellt, so Knaths. Und weil die sich in den meisten Unternehmen immer noch vorwiegend aus Männern zusammensetze, gälten die Grundregeln der männlichen Kommunikation.

Nun denn: Willkommen in der Sandkiste. Oder in der Steinzeit. In unserem Seminarraum jedenfalls gilt in den nächsten Stunden das Gesetz des Stärkeren. "Regel Nummer eins: Rangordnung vor Inhalt", verkündet Marion Knaths.

Ganz praktisch bedeute das zum Beispiel, dass es völlig witzlos sei, in einer Konferenz mit Männern innerhalb der ersten zehn Minuten auch nur einen einzigen inhaltlichen Beitrag zum Thema zu leisten. "Das interessiert niemanden", so Knaths, "denn jetzt wird erst mal die Rangfolge verhandelt." Neues Auto, sagenhafter Geschäftsabschluss, lautes Getöse und Getrommel - das ganze Gequatsche im Vorfeld, das Frauen gemeinhin als Zeitfresser empfinden, dient in Wahrheit dazu, eine wetterfeste Hierarchie aufzustellen.

"Sie haben Probleme mit einem Mann in Ihrem Team? Fassen Sie ihn an!"

Als Frau kann man dabei wahlweise mitmischen oder die Einkaufsliste fürs Wochenende schreiben, wichtig ist nur, dass man mitkriegt, wer auf Rang eins gelandet ist und dass es losgehen kann. Was glücklicherweise kein Problem ist, "denn ab jetzt", sagt Knaths, "richten sich alle Männer im Raum wie Kompassnadeln nach Norden zur Nummer eins aus".

Auch wenn es ihnen widerstrebt - die Frauen im Raum sollten das ebenfalls tun. Denn wenn die Nummer eins einem Wortbeitrag zuhört, tun es alle anderen Anwesenden auch. Und wenn die Eins nickt, nicken die restlichen Sandkastenkumpels mit. Dazwischenfunken wird die Konkurrenz praktischerweise auch nicht. Denn wenn Sie den Ranghöchsten mit Ihrem Vortrag fesseln, hat keiner den Mumm, reinzuquatschen. Wenn Sie außerdem noch ordentlich breitbeinig-männlich sitzen und Ihre Arme raumgreifend über die Stuhllehnen legen, sind Sie quasi unangreifbar. "Würden Sie bitte bis Mittwoch das Protokoll schreiben?", fragt Marion Knaths, und jede der sieben Frauen in unserem Seminarraum wäre umgehend bereit, diese undankbare Aufgabe zu übernehmen. Wenn Knaths diesen Satz ausspricht, ist klar, dass es sich nicht um eine Frage handelt. Wenn ich ihn ausspreche, und dazu hat sie mich gerade aufgefordert, bleibt der gewünschte Effekt aus. Ich sage: "Würden Sie bitte bis Mittwoch das Protokoll schreiben?", meine Stimme geht dabei hoch, und meine mangelhafte Stimmführung kompensiere ich durch einen finsteren Gesichtsausdruck. Latente Gewaltbereitschaft führt im Job nicht weiter, ich muss den Satz dreimal wiederholen, bis er wie die freundliche Handlungsanweisung einer souveränen Führungskraft klingt.

Auch im Umgang mit Mitarbeitern helfen männliche Kommunikationsstrategien, und viele davon sind nonverbal. "Sie wollen einen Mann zum Schweigen bringen? Hören Sie auf zu nicken. Sie wollen in einer wichtigen Konferenz Ihre Rangstellung deutlich machen? Hören Sie auf zu lächeln. Und wenn Sie Schwierigkeiten haben, sich gegenüber einem forschen jungen Mann in Ihrem Team durchzusetzen, fassen Sie ihn an!" Ich zucke zusammen, ebenso meine Sitznachbarinnen, wir fangen schallend an zu lachen, aber Marion Knaths meint es ernst: "Der junge Mann bekommt die Unterlagen ausgehändigt, dann fasst man ihm auf die Schulter und sagt noch mal, dass die Änderungen bis morgen fertig sein müssen. Er wird pünktlich liefern."

"Sie wollen ihn zum Schweigen bringen? Hören Sie auf zu nicken"

"Wer einen anderen berührt, dringt in dessen persönlichen Raum und somit in seinen Machtbereich ein", erklärt unsere Seminarleiterin. Auch unter Gleichrangigen sei das eine beliebte Technik, um Status zu verhandeln, und das üben wir jetzt. Ich solle sie mit Handschlag begrüßen, sagt Marion Knaths. Ich stehe auf und gebe ihr mit einem freundlichen "Schön, Sie zu sehen" die Hand. Sie nickt freundlich und legt ihre andere Hand auf meinen Unterarm. Sofort fühle ich mich unbehaglich und, ja: unterlegen. Jetzt heißt es kontern, sagt Knaths, und mit meiner freien Hand auf ihre Schulter klopfen, spätestens beim Weggehen. Ich tue es und fühle mich sofort wohler, das Ungleichgewicht ist aufgehoben.

Als ich am Dienstagmorgen wieder in die Redaktion komme, bin ich voller Tatendrang. Ich gehe in das Zimmer meiner Kollegin Julia, klopfe ihr zur Begrüßung auf die Schulter, dann lasse ich mich breitbeinig auf einen Stuhl fallen und sage: "Du musst bis Ende der Woche das Konzept fertig machen." Sie schaut kurz vom Bildschirm auf und sagt: "Hast du Schokolade? Ich sterbe vor Hunger. Ich hab verschlafen und nix gefrühstückt." Ich stehe auf, gehe in mein Büro, hole Schokolade und sage: "Nimm reichlich." Ich bin sehr erleichtert. Lösungsorientierte weibliche Kommunikation. Eine gute Sache.

Text: Christine Hohwieler Foto: Getty Images Ein Artikel aus der BRIGITTE 17/09
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