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Auszeit vom Job? Jetzt auf keinen Fall!


Kleine Kinder, die Wirtschaftskrise - ungemütliche Zeiten im Beruf. Da könnte man als Frau schon auf die Idee kommen, nach der Elternzeit gleich ganz zu Hause zu bleiben. Völlig falsch, findet BRIGITTE-Redakteurin Stefanie Hellge.

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Die Finanzkrise frisst Jobs, möglicherweise irgendwann auch meinen. Das macht mir Angst. Aber total entsetzt bin ich darüber, dass es im krisengeschüttelten Deutschland tatsächlich Menschen gibt, die sich freiwillig vom Arbeitsmarkt zurückziehen. Und das sind ausgerechnet Mütter. Auch aus meinem Bekanntenkreis.

Einige schreiben nicht mal mehr Bewerbungen, manche kehren gar nicht erst aus der Elternzeit zurück, mit der lapidaren Begründung: "Mit Kindern und Teilzeitwunsch habe ich doch eh keine Chance." Stattdessen richten sie sich gemütlich ein in einem Leben zwischen Haushalt und Spielplatz und überlassen den harten Alltag anderen.

Es ist tatsächlich hart mit Kindern und Teilzeitwunsch auf dem Arbeitsmarkt. Aber genau deshalb macht mich das Verhalten dieser Vermeidermütter so wütend. Anstatt ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und für einen angemessenen Platz in der Gesellschaft zu kämpfen, steigen diese Frauen einfach aus.

Um das ganz deutlich zu machen: Ich rede hier nicht von den Frauen, die bewusst entschieden haben, sich ausschließlich um Haushalt und Kinder zu kümmern. Und hier geht es ausnahmsweise auch mal nicht um die überflüssige Debatte, ob Hausfrauen, Teilzeit- oder Vollzeitmütter die besseren sind. Hier geht es darum, dass einige Mütter einen Anlass gefunden haben, einfach nicht mehr mitzuspielen. Und das mit vermeintlich reinem Gewissen: Die Krise ist ja schuld.

Kürzlich forderte Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Frauen sollten die Krise zum Kinderkriegen nutzen, und schlug vor, einen besseren Kündigungsschutz für den berufstätigen Partner zu initiieren - damit noch mehr Paare "zur Babypause in der Krise" motiviert würden. Wie entsetzlich! Worüber reden wir denn seit mindestens 40 Jahren, dass da ein kluger Kopf öffentlich die Zementierung uralter Rollenklischees vorschlagen kann, ohne dass ein Aufschrei durchs Land geht? Es macht mich schlichtweg fassungslos, dass er mit dieser absolut reaktionären Idee bei einigen Frauen offene Türen einrennt. Und noch bestürzender finde ich, dass es tatsächlich Frauen gibt, die glauben, dass sie mit der Rückbesinnung auf ihre traditionelle Rolle der Krise etwas Positives abgewinnen können.

Ich glaube diesen Frauen kein Wort! Ich glaube, sie halten die Wirtschaftskrise wie einen Schild hoch, damit niemand die Bequemlichkeit sehen kann, die sich eigentlich dahinter verbirgt.

Zum Teil kann ich die Frauen ja verstehen. Manchmal frage auch ich mich, warum ich mir das jeden Tag antue. Die Doppelrolle im Job und als Mutter. Warum ich meine Kinder oft gehetzt aus dem Kindergarten abhole und dann nur darauf warte, dass der Nachmittag vorbeigeht und sie endlich ins Bett gehen, damit ich einmal am Tag meine Ruhe habe.

Manchmal frage ich mich, ob meine Kinder nicht zu kurz kommen in all dem Durcheinander meines Alltags und ob mein Chef eigentlich weiß, wie ich heiße, und ob ich nicht doch noch mehr, noch länger und noch besser arbeiten müsste. Dann träume ich davon, wie ich morgens einfach liegen bleibe mit den Kindern. Wie wir uns in aller Ruhe anziehen und schön gemütlich frühstücken und uns dann überlegen, wie wir den Tag gemeinsam verbringen wollen. Niemand, der mir sagt, was ich tun soll, niemand, der mir kostbare Zeit stiehlt, die ich doch so viel sinnvoller mit meiner Familie verbringen könnte.

Die Krise - ein willkommenes Argument, um abzutauchen

Doch ich weiß genau: Den Preis für diese Bequemlichkeit zahlen andere. Zum Beispiel die Männer dieser Frauen. Neulich saß so ein Exemplar bei uns in der Küche. Den Tränen nah, weil die Last, der Alleinversorger zu sein, ihm die Luft abschnürt und in seiner Firma die nächste Entlassungswelle ansteht. "Ich würde so gern auch mal für eine Weile aussteigen", sagte er. Aber als Mann fehlen ihm die Argumente. Für Frauen dagegen sind Kinder schon immer ein gutes Argument gewesen, damit sie sich reinen Gewissens von der Härte des Alltags verabschieden können. Gepaart mit der vermeintlichen Chancenlosigkeit in der Wirtschaftskrise wird das zum Totschlagargument.

Ich finde es verlogen, wie manche Frauen sich durch die verschiedenen Rollenbilder winden, wie es ihnen gerade ins Lebenskonzept passt. Klassisch lassen sie sich von ihren Männern versorgen, modern und durchaus feministisch erwarten sie jedoch von genau diesen Männern, als gleichberechtigte Mitspielerinnen im Alltag wahrgenommen zu werden.

Nicht alle Männer sind davon überzeugt, dass Frauen auf dem Arbeitsmarkt ein gleich hohes Ansehen genießen sollten. Vor allem dann nicht, wenn sie Chefs sind. Der Grund dafür ist Angst, gerade jetzt, wo es auf jeden einzelnen Leistungsträger ankommt - und in Frauen mit Kindern sehen viele nicht mehr als einen Risikofaktor. Genau deshalb ist es wichtig, Flagge zu zeigen, damit Mütter im Zuge der Krise nicht noch mehr vom Arbeitsmarkt gedrängt werden.

Bloß: Wenn diese selbst lieber zu Hause bleiben, wird die Mutter mit Jobwunsch für Personalchefs zum Randphänomen. Wir sollten nicht vergessen: Nicht wenige Chefs haben selbst eine Frau, die nicht arbeitet. Der Mann verdient gut, für seine Gattin ist Arbeit oft bloß ein Zeitvertreib zur Selbstverwirklichung. Ihre Aufgabe sind das Haus und die Kinder. Und genau mit diesem Rollenbild geht der Chef täglich in seinen Betrieb. Selbstverständlich schließt so ein Chef von seiner Frau auf andere, und wenn sich Mütter - wie praktisch - jetzt sogar freiwillig vom Berufsleben verabschieden, bestätigt sich sein Bild jeden Tag aufs Neue: Die Kernkompetenz von Frauen liegt im Kinderkriegen.

Ein Lebensmodell, in dem Geldverdienen keine Rolle spielt, funktioniert allerdings nur prima, solange eine Ehe hält. Also im Schnitt 7,3 Jahre. Inzwischen wird jede zweite Ehe geschieden, und das neue Unterhaltsrecht verlangt, dass beide Partner nach der Trennung selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen. Das dürfte schwierig werden für eine Frau, die schon seit mehreren Jahre weg ist vom Arbeitsmarkt. Es soll ja Ehen geben, die tatsächlich ewig halten, und Mütter, die auch mit Hartz IV glücklich leben, aber für alle anderen gilt: Zähne zusammenbeißen und durch. Auch wenn der Teilzeitjob stresst, unterirdisch bezahlt wird und nach Abzug von Steuern nach dem Ehegattensplitting so lächerlich wenig übrig bleibt, dass sich Arbeiten finanziell kaum lohnt.

An diesen absurden Zuständen in Deutschland wird sich nur dann etwas ändern, wenn Frauen unter Beweis stellen, was sie leisten können. Abtauchen und darauf warten, dass der Sturm vorbeizieht, ist gerade jetzt die schlechteste Idee.

Stefanie Hellge, 38, ist verheiratet und hat zwei Kinder, sechs und vier Jahre alt. Beide Male blieb sie nach der Geburt zehn Monate zu Hause. Anschließend arbeitete sie freiberuflich, halbtags oder ganztags - je nachdem, was sie mit dem jeweiligen Arbeitgeber verhandeln konnte. Derzeit hat sie eine 75-Prozent-Stelle. Bedingt durchs Ehegattensplitting fließt die Hälfte ihres Nettoeinkommens in die Kinderbetreuung.

Text: Stefanie Hellge Foto: Getty Images Ein Artikel aus der BRIGITTE 16/09

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