Bildungsstreik: Die brotlose Bohème protestiert

Weg mit den Studiengebühren, freie Bildung für alle: In ganz Deutschland gehen Studenten und Schüler auf die Barrikaden. Protestieren sie damit an der Realität vorbei?

Warum in dieser Woche die Bildung bestreikt wird

Das Ziel: Mehr Bildung für alle

Seit zwei Tagen wird in Deutschland für die Bildung gestreikt. So zumindest nennen es die Studenten und Schüler, die sich in bundesweiten Aktionen zusammengetan haben und einen leisen Versuch des Protestes gegen das Establishment versuchen. Bachelor und Master sind für sie Werkzeuge des Teufels - sie wollen das gute alte Diplom und den Magister zurück. Weg mit den Studiengebühren, freie Bildung für alle. Mehr Studienplätze, weniger Zulassungsbeschränkungen, und die Wirtschaft möge sich bitte nicht mehr einmischen. Finanziell unabhängig wollen die Studierenden sein und das ohne Kredite. Bildung soll nicht nur der Elite und den oberen Zehntausend vorbehalten sein. Das stimmt - aber wer hat so viel Pinkepinke, wer hat so viel Geld? Eine Lösung haben die Initiatoren des Bildungsstreiks nicht. Nur die Feststellung: "Der Staat pumpt Milliarden in marode Banken, statt notwendige Reformen für ein emanzipatorisch ausgerichtetes Bildungssystem zu finanzieren."

Ein Haufen 50-Cent-Münzen

Schuld an der ganzen Misere ist der Bologna-Prozess (siehe Kasten), der vor zehn Jahren begann. Bildung sei zur Ware verkommen und nur den Bedürfnissen des Marktes angepasst, so eine Kritik an der Hochschulreform. Dass dieser Markt genau der ist, der den Studenten am Ende die Jobs gibt, wird dabei schnell vergessen.

Vorbei die Zeiten, in denen das Studium noch zur Selbstfindung diente, man sich treiben lassen und seine Schwerpunkte selber setzen konnte. Der Langzeitstudent, der sich als Lebenskünstler, als Bohemien versteht, gehört zu einer aussterbenden Spezies. Nichts gegen Selbstfindung, aber jahrelanges Studieren auf dem Rücken der Gesellschaft (natürlich gibt es auch Ausnahmen, die ohne einen zeitfressenden Nebenjob nicht studieren könnten), um dann Wirtschaft, Solidarität und Steuerkasse den symbolischen Mittelfinger zu zeigen? Das ist definitiv kein anzustrebendes Dasein.

Viel Leistung, wenig Zeit

Das haben Unternehmen und Politik ähnlich gesehen und den Bologna-Prozess ins Leben gerufen. Was seitdem zählt, ist viel Leistung in möglichst wenig Zeit. Das bekommen auch die psychologischen Beratungsstellen der Universitäten zu spüren und verzeichnen einen deutlichen Zuwachs an Studierenden, die emotionale Unterstützung benötigen. "Der klar vorgegebene Studienverlauf schürt Ängste, zurückzubleiben und den Anschluss an die anderen zu verlieren", so Hans-Werner Rückert, Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin.

Tatsächlich bietet die neue Form des Studierens keine Möglichkeit einer Verschnaufpause. Nicht nur Studenten sehen Fehler und Handlungsbedarf. Einheitsbreiige Studiengänge, internationale Standards und das Studium bitte pronto absolviert. Der emeritierte Berliner Politikwissenschaftler Peter Grottian sieht nicht nur die Probleme der Studenten: "Professoren leiden auch unter der McDonaldisierung der Studiengänge durch das Bachelor-Master-System und sollen selbst ihre Wut, gemeinsam mit ihren Studenten, beim Streik zum Ausdruck bringen."

Inwieweit die Proteste die Umstrukturierungen des Bologna-Prozesses überhaupt noch modifizieren können, vermag niemand zu sagen. Was sich ebenso noch zeigen muss: Ist der Bachelor tatsächlich so schlecht, wie er geredet wird? Anerkannt bei der Wirtschaft, international vergleichbar - das klingt zumindest in Bezug auf den Arbeitsmarkt nicht verkehrt. Doch steigende Besuchszahlen in psychologischen Beratungsstellen und deutschlandweite Proteste zeigen die Kehrseite der Medaille. Überforderte Studenten können nicht das Ergebnis einer Reform zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit sein. Wie auch in vielen anderen Fällen muss hier ein Mittelweg gefunden werden, denn Bildung für alle ist ein ehrbares und zugleich ehrgeiziges Ziel.

Text Catharina Swantje Muuß
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