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Die Stimme macht's


Da haben Sie stundenlang an Ihrer Rede gefeilt. Und dann hört keiner richtig zu. Ihre tollen Ideen - einfach verpufft. Weil's nicht nur drauf ankommt, was Sie sagen, sondern wie Sie sprechen. Mit unseren Tipps finden Sie die optimale Tonlage.

Gemeinderatssitzung in einer norddeutschen Kleinstadt. Erster Tagesordnungspunkt ist der Ausbau einer Straße, die an einem Wohngebiet entlangführt. Der Bauausschuss hat das Projekt geprüft und seine Empfehlung ausgesprochen. Die Abstimmung scheint reine Formalität. Bis sich Irene zu Wort meldet, eine 32-jährige Grundschullehrerin und Newcomerin in der Kommunalpolitik. Mit lauter, eindringlicher Stimme wettert sie gegen die Straßenerweiterung, schildert die Gefahren für kleine Kinder, appelliert an das Umwelt-Gewissen der anderen Ratsvertreter. Plötzlich schlägt die Stimmung um. Schon nach wenigen Minuten ist die Atmosphäre aufgeladen, Applaus von den Zuschauern im Sitzungssaal. Was eine sichere Mehrheit zu haben schien, wird vorerst vertagt. Zunächst soll ein Gutachten den tatsächlichen Bedarf ermitteln.

Wie hat Irene das geschafft? Sicher, die Rhetorik war brillant, ihre Argumentation bestechend. Aber erst der warme und volltönende Klang ihrer Stimme sorgte dann auch für das nötige Vertrauen in ihre Person.

"Viele Menschen sind sich dieser Wirkung nicht bewusst", sagt die Kommunikations-Trainerin Margit Hertlein. Dabei macht es einen großen Unterschied, ob jemand schrill oder im tiefen Brustton der Überzeugung spricht, ob die Stimme dünn oder kraftvoll klingt. Der Verkäuferin, die ein Kleid begeistert anpreist, kaufen wir das teure Stück sofort ab. Der gelangweilt schnarrende Autohändler bleibt dagegen auf seinen Karossen sitzen. Experten gehen davon aus, dass unsere Wirkung auf andere nur zu sieben Prozent vom Wort-Inhalt abhängt, zu 40 Prozent dagegen vom Klang und der Art zu sprechen.

Gefühle kann man hören

"Die Stimme ist das wichtigste Persönlichkeitsmerkmal. Denn sie gibt Aufschluss über die aktuelle Gefühlslage", sagt der Kommunikationswissenschaftler Walter Sendlmeier von der TU Berlin. Wer gelangweilt ist, redet beispielsweise langsamer und neigt dazu, Silben zu verschlucken. Bei Angstzuständen wird die Stimme plötzlich sehr viel höher. Das strapaziert die Stimmbänder, engt den Kehlraum ein. Die Stimme klingt dünn und gepresst, die Satzmelodie wird monotoner. Unsere Gesprächspartner registrieren in Bruchteilen von Sekunden, ob wir wütend oder ängstlich, traurig oder fröhlich sind. "Da laufen uralte Kommunikations-Muster ab", sagt Walter Sendlmeier. Eine tiefe Stimme etwa signalisiert Autorität, Seriosität und Führungsanspruch. "Ich habe die Dinge im Griff. Bei mir bist du sicher", lautet die emotionale Botschaft. Wer hoch spricht, wirkt dagegen unsicher und kann sein Anliegen kaum überzeugend vertreten. Ein positiver Trend: Die weibliche Stimme, weiß Walter Sendlmeier, hat sich in den letzten 40 Jahren deutlich gesenkt. Der hohe Kleinmädchen-Ton ist aus der Mode gekommen. In Politik und Wirtschaft gefragt sind deshalb Frauen mit dem sonoren Alt von Ex-"Tagesschau"-Sprecherin Dagmar Berghoff oder ZDF-Nachrichtenfrau Gundula Gause.

Am besten ist es, das natürliche Potenzial voll auszuschöpfen: "Die Stimme ist kein Schicksal, sondern sie ist steuerbar", sagt Margit Hertlein.

So nutzen Sie die Kraft Ihrer Stimme

Mit etwas Pflege und regelmäßigem Training kann jeder lernen, den richtigen Ton zu treffen. Die folgenden Übungen zeigen Ihnen, worauf es dabei ankommt; außerdem erfahren Sie, was Sie sonst noch beachten sollten.

Gekonnt atmen

Beim richtigen Einatmen senkt sich das Zwerchfell, der Bauch wölbt sich. Während Luft in die Lungen strömt, weiten sich Brust und Rücken und vergrößern so den Resonanzraum. Beim Ausatmen werden die Ton erzeugenden Stimmlippen (Stimmbänder) in Bewegung gesetzt.

- Diese Zwerchfell-Atmung mehrmals am Tag üben. Nutzen Sie dazu kurze Pausen, etwa im Auto vor der Ampel oder im Supermarkt, wenn Sie an der Kasse warten.

Deutlich artikulieren

An der Stimmbildung sind zahlreiche Muskelpartien im Gesicht beteiligt. Machen Sie beim Sprechen den Mund auf und formen Sie die Vokale mit den Lippen. Dadurch vergrößert sich der Resonanzraum, Ihre Stimme gewinnt an Klang, die Aussprache wird deutlicher. Bei "o" und "u" die Lippen betont runden. Bei "a" oder "ei" den Mund weit öffnen. - Für eine bessere Artikulation sorgt diese Übung: Legen Sie die Zungenspitze hinter die oberen Schneidezähne und sprechen Sie dabei mehrmals langsam den folgenden Satz: "Übung macht mir richtig Spaß."

Gerade halten

Ein krummer Rücken und eingefallene Schultern behindern die Atmung und führen zu Anspannungen. Damit engen wir unsere Resonanzräume ein und beeinträchtigen die Schwingung der Luft. Die Stimme verliert an Volumen. Dagegen hilft eine aufrechte Körperhaltung, aber auch Offenheit für sinnliche Reize. - Atmen Sie, so oft sich die Gelegenheit bietet, den Duft einer Blume oder eines guten Essens ein. Genießen Sie das Ausatmen mit einem lauten "Mmm" oder "Ah".

Tief sprechen

Die Indifferenzlage, in der man sachlich und unaufgeregt spricht, finden Sie durch das so genannte "Einzählen" heraus. - Gehen Sie über einen Flur oder durch den Wald und zählen mit jedem Schritt laut bis zehn. Dann wieder von vorn anfangen und dabei immer langsamer werden. Wer regelmäßig übt, erinnert sich auch in Stress-Situationen an seine untere Stimmlage und kann sie leicht abrufen, zum Beispiel während eines Vortrags.

Richtig betonen

Ein häufiger Fehler beim Sprechen: laut anfangen und dann immer leiser werden. Betonen Sie einzelne Wörter. Das macht jede Rede lebendiger und steigert die Wirkung. Am Ende eines Satzes unbedingt den Ton absenken. Heben Sie statt dessen die Stimme, haben die Zuhörer das Gefühl, es ist noch nicht alles gesagt.

Wirkungsvoll telefonieren

Lächeln Sie, wenn Sie den Hörer aufnehmen. Das macht die Stimme weicher. Setzen Sie sich aufrecht hin, oder noch besser: Stehen Sie auf. Das vergrößert den Resonanzraum im Körper, die Stimme klingt voller. Falls Sie unter Zeitdruck sind, bieten Sie besser einen Rückruf an. Sonst klingen Sie hektisch oder gar genervt. Und konzentrieren Sie sich immer ganz auf das Telefonat. Wer nebenher im Internet surft, wirkt unaufmerksam.

Professionelle Hilfe annehmen

Ausgebildete Atem-, Sprech- und Stimmlehrer finden mit einer Stimmanalyse heraus, welches akustische Potenzial in einem steckt. Bei einem wöchentlichen Sprechtraining können Sie eine falsche Atem- und Sprechtechnik bereits in sechs Monaten korrigieren. Die Honorare betragen mindestens 66 Euro pro Stunde. Diejenigen, die im Job besonders auf die Stimme angewiesen sind, können das Geld als Werbungskosten oder - bei Selbständigen - als Betriebsausgaben von der Steuer absetzen. Bei einer krankhaften Stimm- oder Sprechstörung wie zum Beispiel ständiger Heiserkeit, Reizhusten oder bei Artikulationsfehlern werden die Therapiekosten von den Krankenkassen übernommen.

Weitere Infos:

Deutscher Bundesverband der Atem-, Sprech- und Stimmlehrer/innen, Holstenwall 12, 20355 Hamburg, Tel. 040/35713800, Fax 040/35713803,

Buchtipps: - Margit Hertlein, "Frauen reden anders. Selbstbewußt und erfolgreich im Jobtalk" (Rowohlt, 7,50 Euro)

- Jochen Waibel: "Ich Stimme. Das Stimmhaus-Konzept für die Balance von Stimme und Persönlichkeit" (EHP, 19 Euro)


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