Richard David Precht freut sich über die Digitalisierung der Arbeitswelt

"Ein Leben ohne unangenehme Arbeit!" - das ist die Prognose von Richard David Precht
 für die Zukunft. Dass die Digitalisierung unsere Arbeitswelt auf den Kopf stellt, findet der Philosoph deshalb gar nicht schlecht.

Ein Frühlingstag in Düsseldorf. Trotz eiskaltem Wind kommt Richard David Precht nur mit dünner Jacke in das Restaurant im Unterbilker Kiez: "Ich wohne gleich um die Ecke." Er setzt sich, blickt einen mit freundlicher Neugier an - und bestellt einen Salat mit überbackenem Ziegenkäse. Als der Teller kommt, schiebt er das Grünzeug darauf sofort zur Seite: "Wollen Sie das vielleicht? Ich esse nicht so gern gesund."

BRIGITTE: Herr Precht, es gab mal eine Zeit in Ihrem Leben, da wäre selbst ein Salat für Sie purer Luxus gewesen.
Richard David Precht: Stimmt. 1994 war ich ein Jahr lang arbeitslos. 980 Mark Arbeitslosenhilfe gab es damals, 550 gingen für die Miete drauf, für Essen und Trinken blieben ungefähr fünf, sechs Mark pro Tag. Da geht man noch nicht einmal Kaffee trinken.

Wie kam es, dass Sie Ihren Job verloren?
Der Professor, bei dem ich eine Assistentenstelle hatte, war emeritiert worden. Natürlich bewarb ich mich sofort auf alle möglichen Jobs, es gab aber kaum Resonanz. Die Unsicherheit machte mich fertig. Ich dachte mir: Jetzt steuerst du auf deinen 30. Geburtstag zu, doch mit dem, was du studiert hast, wirst du nichts mehr werden. Du kommst unter die Räder!

Das klingt nicht besonders angenehm. Trotzdem feiern Sie Arbeitslosigkeit in Ihrem aktuellen Buch als große Chance. Warum?
Weil Pessimismus keine Lösung ist. Die wird unsere Arbeitswelt radikal verändern. Sehr viele Berufe werden wegfallen - nämlich alle, die ebenso gut oder besser von Maschinen erledigt werden können. Natürlich werden auch Jobs entstehen. Doch der Busfahrer, der durch ein selbstfahrendes Fahrzeug ersetzt wird, wird nicht plötzlich auf Big Data Analyst umschulen können, weil das gerade gefragt ist. Der wird arbeitslos. Mittelfristig wird das zu großem Frust führen. Wir werden noch mehr Parteienverdrossenheit erleben, Aggressivität gegenüber Migranten, Zulauf zu radikalen Parteien.

"Der Umbruch wird hart. Doch langfristig wird ein Menschheitstraum wahr!"

Was soll daran positiv sein?
Nichts. Das wird eine harte Zeit. Spannend wird es aber, wenn man die Richtung, in die sich unsere Arbeitswelt wandelt, insgesamt betrachtet: Viele von uns werden schon bald die Möglichkeit haben, ein Leben zu führen, in dem sie keine unangenehme Arbeit mehr machen müssen. Weil das die Maschinen übernehmen. Ein Menschheitstraum wird wahr!

Ob das der arbeitslose Busfahrer auch so sieht?
Nein, der fällt natürlich erst mal tief. Doch ich bin überzeugt: Schon bald wird er zumindest finanziell nicht mehr so hart auf dem Boden aufschlagen, wie es heute der Fall ist. Das bedingungslose Grundeinkommen für alle wird kommen. Anders ist der Umbruch der Arbeitswelt nicht zu bewältigen.

Beim bedingungslosen Grundeinkommen gibt es sehr verschiedene Konzepte. Welches befürworten Sie?
Eines, bei dem man mindestens 1500 Euro bekäme, auf jeden Fall aber mehr als das, was Hartz-IV-Empfängern derzeit inklusive Wohngeld und anderen Transferleistungen zusteht. Nur so hätte man wirklich den Kopf frei, um sich zu überlegen, was man jenseits der Erwerbsarbeit Sinnvolles mit seinem Leben anfangen will. Dieses Polster dürfte dann natürlich nicht über die Einkommenssteuer finanziert werden. Bezahlte Jobs wird es ja deutlich weniger geben. Ich halte eine Besteuerung des Geldverkehrs für sinnvoll. In der Schweiz hat man errechnet, dass schon 0,05 Prozent Steuern auf jede Finanztransaktion reichen würde, um jeden Schweizer mit einem Grundeinkommen von 2500 Franken auszustatten. Das ließe sich - mit gewissen Abweichungen -auch auf Deutschland übertragen.

Existenzsorgen hätte der Busfahrer dann wahrscheinlich nicht mehr. Aber vielleicht eine Identitätskrise? Arbeit bringt ja nicht nur Geld.

Ein erfülltes Leben kann man doch auch ohne bezahlten Job führen! Nehmen wir an, der Busfahrer kann nicht nur Bus fahren, sondern er restauriert auch gern Möbel. Das könnte er in seiner wiedergewonnenen Zeit nun tun, darin Sinn finden - und im kleinen Stil sogar Geld verdienen. Die meisten Menschen werden sowieso sagen: 1500 Euro reichen mir nicht. Ich suche mir einen Job, mit dem ich mir etwas dazuverdienen kann. Da es weniger Erwerbsarbeit gibt, würden sie vielleicht nur eine Teilzeitstelle finden oder eine phasenweise Anstellung. Dank Grundeinkommen wäre das aber okay. Und den Rest der Zeit könnten sie nutzen, um das zu tun, was sie wirklich interessiert.

"Unsere Kinder sollten nicht programmieren lernen. Sondern: menschlich zu bleiben"

Welche bezahlten Jobs gäbe es überhaupt noch, wenn die Maschinen so viel übernehmen?
Handwerker zum Beispiel oder anspruchsvolle Dienstleistungsberufe wie Projektmanager oder Logistiker. Vor allem aber Empathie-Berufe. Also Tätigkeiten, in denen es auf die Beziehung ankommt, die man zu jemandem aufbaut. Ob als Krankenschwester, Tauchlehrer oder Sozialarbeiterin. Denn das können die Maschinen nicht.

Empathie ist ja eine Fähigkeit, die - zumindest noch derzeit - eher Frauen zugeschrieben wird. Haben Frauen in Zukunft somit die besseren Karten?

Ich glaube grundsätzlich, dass Frauen von der Digitalisierung stärker profitieren als Männer. Muskeln, Körperkraft - alles, was den Männern jahrtausendelang einen Vorteil verschaffte, hat schon jetzt kaum mehr Bedeutung. Und wenn der Status der Erwerbsarbeit dank Grundeinkommen relativiert wird, wird für einige Männer der Anreiz fehlen, etwas zu reißen. Frauen sind da im Durchschnitt ehrgeiziger. Und auch kontaktfreudiger. Ich fürchte, einige Männer werden in den Spielwelten des Internets verschwinden und vereinsamen. Das wird es geben und gibt es jetzt schon. Aber das ist sicher nicht die Mehrheit.

Die Männer könnten ihre Rolle auch neu definieren.
Ja, das wäre natürlich schön. Denn das Grundeinkommen bietet hier interessante Chancen. Wer heute als Mann keinen regulären Job hat, gilt als Loser. Auch mit den Frauen wird’s dann schwer. Mit Grundeinkommen wäre das etwas anders. Als junger Mann, wie ich es Mitte der 1990er-Jahre war, könnte man dann leichter sagen: Ach weißt du, Geld ist mir eben derzeit nicht so wichtig. Aber guck mal, ich kann ganz toll Bass spielen.

Sie haben einen 15-jährigen Sohn. Welchen Tipp für die Zukunft geben Sie dem denn?

Beruflich soll er das machen, was ihn interessiert. Und er soll sich dieses Interesse bloß von keinem vermiesen lassen. Dann wird er immer etwas finden.

Was interessiert ihn denn?
Sport, speziell Fußball. Er könnte sich vorstellen, Sportreporter zu werden.


O je, nicht gerade krisensicher. Der Medienbranche geht’s derzeit nicht so gut.
Sportreporter wird es immer geben. Ich will doch nicht, dass ein Computer das Spiel für mich kommentiert! Abgesehen davon: Ich würde meinem Sohn nie zu einem bestimmten Job raten, nur weil die momentane Arbeitsmarktsituation das nahelegt. Als ich 1984 Abitur machte, hieß es, wir sollten unbedingt Maschinenbau studieren. Als wir uns sieben Jahre später zum Klassentreffen sahen, war die Hälfte von denen, die diesem Rat gefolgt sind, arbeitslos. Weil es plötzlich eine Ingenieursschwemme gab. Dasselbe werden wir vermutlich bei den Informatikern erleben. Denn die künstliche Intelligenz birgt das Versprechen, dass die Maschinen sich irgendwann selbst programmieren. Wer deshalb schon allen Grundschülern Programmieren beibringen will, dem fehlt einfach völlig das Bewusstsein dafür, was in unserer Gesellschaft gerade passiert.

Was sollten Kinder stattdessen lernen?
Alles, was man braucht, um in einer Welt zu überleben, in der der Arbeitsbegriff viel flexibler sein wird als heute und in der unser Tun deshalb vor allem intrinsisch motiviert sein muss. Man muss in der Lage sein, auch ohne den Anreiz von Geld langfristig Ziele zu verfolgen. Und man muss mit anderen Menschen gut klarkommen, nachdenklich und neugierig bleiben. Kurz: typisch menschlich sein.

Weil das das Einzige ist, in dem uns die Maschinen keine Konkurrenz machen können?

Genau. Leider kann man gerade eine entgegengesetzte Entwicklung beobachten: Wir pressen immer mehr Bereiche unseres Lebens in das technische Schema von Problem und Lösung. Sie haben irgendein Wehwehchen oder gerade keinen Partner? Dann haben Sie ein Problem! Und das muss gelöst werden! Für so ein Schema ist das menschliche Leben aber viel zu komplex. Zum Glück. Diese Komplexität müssen wir bewahren.

Haben Sie das Gefühl, dass die Digitalisierung Sie selbst schon verändert hat?

Mein Kommunikationsverhalten auf jeden Fall. Die Zahl der Nachrichten und Anrufe, die ich bekomme, hat sich extrem erhöht. Wenn ich konzentriert an etwas arbeiten will, schaue ich nur noch alle vier Tage in meine Mails. Weil ich weiß, dass mich das Lesen und Beantworten so viel Energie kosten würde, dass ich keine Konzentration mehr zum Schreiben hätte.

Sie verweigern sich also bewusst.
Nicht als Haltung. Instinktiv und aus Selbstschutz. Daher bin ich auch in keinem sozialen Netzwerk. Ich leide ja jetzt schon darunter, dass ich wegen meiner vielen Vorträge sowohl meinen Sohn wie auch meine Lebensgefährtin zu selten sehe. Wäre ich dazu noch ständig im Netz - ich würde gar nicht mehr leben.

Was sagt denn Ihr Sohn dazu, der ist doch sicher ein klassischer Digital Native?
Nö. Der ist genauso drauf wie ich. Mit 12 hat er zwar ein Handy gekriegt, das ist aber ganz oft ausgestellt, auf SMS antwortet er manchmal drei Tage lang nicht. Dafür reden wir dann sehr intensiv, wenn wir uns sehen. Ich glaube, er hat an mir und seiner Mutter einfach wenig Technikaffnität miterlebt. Kinder nehmen ja nicht an, was man ihnen sagt, sie machen nach, was man ihnen vorlebt.

Mit dieser Abstinenz liegen Sie ziemlich im Trend. Schon vor dem Datenskandal um Facebook wurde die Kritik an den großen Digitalkonzernen immer lauter. Inzwischen rufen sogar Silicon-Valley-Größen dazu auf, soziale Netzwerke zu meiden.
Zu Recht. Das Geschäftsmodell dieser Firmen - der Handel mit personenbezogenen Daten - verletzt unser Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Doch ich fände es fatal, wenn man es den Nutzern überließe, sich davor zu schützen. Das muss der Staat machen. Zum Glück tut er das jetzt auch.

Sie meinen die Europäische Datenschutzgrundverordnung, die ab Ende Mai gilt?

Ja. Die wird die Selbstbestimmung im Umgang mit personenbezogenen Daten sehr stärken. Vielleicht wird sie das aktuelle Geschäftsmodell der Digitalkonzerne sogar langfristig unmöglich machen. Den Konzernen ist das aber vermutlich egal. Die sehen ihre Zukunft sowieso eher in bezahlten Dienstleistungen wie selbstfahrenden Autos.


Beruhigt Sie das denn?

Nicht unbedingt. Wenn wir solche Autos zum Beispiel ethisch programmieren, also einen Algorithmus bestimmen lassen, ob ein Wagen im Zweifel lieber eine alte Dame totfährt oder ein Kind, führt das zu völlig zynischen Entscheidungen. Maschinen sollten manchmal besser dümmer bleiben, als es technisch möglich wäre. Es gibt aber noch eine größere Gefahr, über die leider kaum gesprochen wird.

Welche Gefahr meinen Sie damit?
Die digitalen Technologien sind massive Energiefresser. Die Produktion der Bitcoin-Währung verbraucht schon jetzt fast so viel Energie wie die gesamte dänische Volkswirtschaft. Wenn wir nicht wollen, dass unsere Erde völlig überhitzt, müssen wir uns deshalb bei jedem technischen Fortschritt fragen: Wie viel Strom verbraucht das eigentlich? Sonst nützt uns das beste Grundeinkommen nichts. Dann bringt uns die Digitalisierung am Ende um.

Der Welterklärer

Richard David Precht, Jahrgang 1964, ist Autor und Philosoph, als Honorarprofessor lehrt er an der Leuphana Universität Lüneburg und der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. 2007 hatte er seinen Durchbruch mit dem Bestseller "Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?". Seither waren die meisten seiner Bücher zu philosophischen und gesellschaftspolitischen Themen Verkaufshits. Seit 2012 hat er eine Talkshow im ZDF. In seinem aktuellen Buch "Jäger, Hirten, Kritiker" (288 S., 20 Euro, Goldmann) ruft er dazu auf, die Gestaltung der Digitalisierung nicht den großen Konzernen zu überlassen: "Die Zukunft wird von uns gemacht!"

Richard David Precht live erleben -  am 27. September beim großen BRIGITTE-Tag!

Mehr Infos und Anmeldung: https://academy.brigitte.de/

Brigitte 11/2018

Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt
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