Entlassungen: "Kündigt allen, nur nicht mir!"

Wenn Entlassungen anstehen, sollte es die Jungen oder die Alten treffen. Aber bitte nicht die Sandwich-Generation zwischen 35 und 50, fordert die Wirtschaftsjournalistin Bettina Weiguny, 39. Egoistisch - oder hat sie vielleicht recht?

Bettina Weiguny

Neuerdings seziere ich meine Kollegen. Mit einem Blick, in Sekundenschnelle. Und addiere die Sozialpunkte, die sich aus Alter, Betriebszugehörigkeit, Familienstand etc. ergeben. Warum? Weil das Gerücht betriebsbedingter Kündigungen seit Monaten durch die Gänge wabert. Seither loten wir alle aus: Wer darf bleiben, wer muss gehen, wenn die Kurzarbeit nicht mehr hilft, die Wirtschaft doch noch nicht anspringt? Trifft es dann zuerst die Alten oder die Jungen? Die Langgedienten, die über viel Know-how verfügen, aber viel Geld kosten? Oder entlassen sie die Jungen, die wenig Erfahrung haben, dafür aber Biss, Kraft, Ehrgeiz und das alles für wenig Geld bieten?

Oder, und das ist meine Furcht, trifft es uns? Die wir in der Mitte sind, weder jung noch alt. Alle zwischen 35 und 50 Jahre, für die man den Begriff der "Sandwich- Generation" erfunden hat, weil wir von zwei Seiten gedeckelt werden: Wir arbeiten für die Renten und Pflegeheime unserer Eltern und die Ausbildung unserer Kinder zugleich. Knapp 20 Millionen Frauen und Männer zählen zu dieser Gruppe, die sich gerade eine halbwegs stabile Existenz aufgebaut hat, mit Kindern, eigener Wohnung oder Raten fürs Haus im Grünen. Der amerikanische Ökonom Lester Thurow meinte, wir müssten den Klassenkampf neu definieren: "Nicht mehr "Arm gegen Reich", sondern "Jung gegen Alt"."

Aber das stimmt so nicht. Die Front verläuft anders: Jung und Alt haben sich gegen die Mitte verschworen. Mathematisch gesehen gehören die "Sandwicher" zu den großen Verlierern, da sind sich alle Experten einig. In 20 Jahren sind die Rententöpfe leer, die Pflegeversicherung ist kollabiert, das Gesundheitssystem zusammengebrochen - auch ohne Weltwirtschaftskrise. Und wenn im Freundeskreis bislang noch niemand für die Pflege seiner Eltern aufkommen muss, dann ist das Glück, weil diese ausgesorgt haben oder noch gesund sind. Doch das kann sich schon bald ändern. Und dann müssen wir einspringen. Falls aber dieses Jahr Schluss ist im Job, funktioniert das nicht. Dann geht auch die Rechnung mit dem Generationenvertrag bei der Rente nicht mehr auf.

Bei der letzten großen Entlassungswelle sind wir ungeschoren durchgeflutscht. Das war nach New Economy und den Anschlägen vom 11. September 2001. Die Kündigungen sind da meist in den Nachbarbüros eingeschlagen, bei den Kollegen Jung und Alt. Deshalb gibt es heute nicht mehr allzu viele Arbeitnehmer Ende 50, die man für einen Vorruhestand gewinnen könnte. Und die wenigen, die theoretisch dafür infrage kämen, hocken auf ihren Arbeitsplätzen, obwohl jeder von ihnen einen von uns retten könnte oder sogar anderthalb (sie verdienen ja viel mehr als wir). Dabei ist ihr Risiko noch überschaubar: Schlimmstenfalls müssen sie zwei, drei Jahre überbrücken bis zur Rente, sich auf einige Nullrunden einstellen, vielleicht auf die eine oder andere Kürzung. Aber ihre Kinder sind erwachsen, das Haus ist abbezahlt.

Und die Jungen? Die kämpfen besonders eifrig beim Chef um ihren Job. Niemand bestreitet, dass sie sich mit weniger begnügen müssen als alle, die ein, zwei Jahrzehnte vor ihnen angefangen haben. "Unbefristet", das ist für sie ein Fremdwort. Statt dessen hangeln sie sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag, wie ihre Zukunft aussieht, weiß niemand. Aber sie sind jung. Kurzzeitjobs halten zwangsläufig flexibel.

Wir dagegen gelten schon jetzt als unvermittelbar auf dem Arbeitsmarkt. Wer auf die 45, 50 zugeht, hört leider wenig Aufmunterndes im Jobcenter. Und ehrlich gesagt: Ich verstehe nichts von Twittern und Skypen, mir erschließt sich diese neue Kommunikationswelt nicht. Die jungen Kollegen dagegen reden von nichts anderem. Also: Packt das Auto voll und zieht um nach Berlin, Köln oder Paris. Sucht einen Job, ein Zimmer, ein neues Abenteuer. Nein, um die jungen Kollegen ist mir nicht bange, um die älteren auch nicht - die einen sind hungrig, die anderen satt.

Nur um uns mache ich mir Sorgen. Wir sind 15 Jahre zu alt, um jung zu sein, und 20 zu jung, um uns aus dem Arbeitsleben zu verabschieden. Und: Wir sind keine Helden, waren es nie. Dazu sind wir nicht erzogen worden. Wir sind die Wohlstandskinder der 70er, 80er Jahre. Wir sind mit der Eigenheimzulage groß geworden, mit Bafög. Wir haben uns an die Kindergelderhöhungen gewöhnt, nehmen dankend die Abwrackprämie mit und das Geld der Schwiegereltern für die Renovierung des Hauses. Uns ging es nie richtig dreckig. Wie sollen wir damit klarkommen, wenn es uns jetzt an den Kragen geht?

Also, lasst uns unsere Jobs! Dann behaltet ihr unsere Erfahrung, die über Jahre im Job gewachsen ist und die ihr nicht von heute auf morgen ersetzen könnt. Lasst uns durchrutschen. Unbeschadet. Wie immer. Dafür ziehen wir euch dann auch weiter durch, Jung und Alt, bis zum Schluss.

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Text: Bettina WeigunyFoto: privat Ein Artikel aus Heft 22/09
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