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Erben: Zu reich für die Freunde, zu arm für die Bank

50.000 Euro geerbt – einfach super, könnte man meinen. Aber BRIGITTE-Mitarbeiterin Nora Schönberg hat damit ein Problem. Sie ist plötzlich zu reich für die Freunde, zu arm für die Bank

Natürlich ist das ein Luxusproblem. Fast fünf Millionen Menschen in diesem Land sind arbeitslos – viele von ihnen wissen nicht, wie sie die Miete bezahlen sollen und ob sie jemals wieder in Urlaub fahren können. Also sollte ich mich gefälligst freuen, dass mein Vater mir 50.000 Euro hinterlassen hat. Aber genau da fängt mein Problem schon an.

So blöd sich das jetzt auch anhört: Der Betrag ist zu hoch, um ihn auf die Bank zu bringen. Außerdem gibt es furchtbar wenig Zinsen, und mein Freistellungsbetrag ist auch schon ausgeschöpft. Es ist aber auch zu wenig Geld, um damit zum Beispiel ein schönes Haus zu finanzieren.

Klare Sache, sagt mein Steuerberater: kleine Wohnung kaufen, Kredit aufnehmen, vermieten, Steuern sparen. Die folgenden Wochen machen mich ziemlich einsam. Meine beste Freundin ist gerade arbeitslos geworden und weiß nicht mal, ob sie in ihrer Mietwohnung bleiben kann. Sie will mit mir weder über Kreditzinsen noch über Immobilienpreise diskutieren. Mein Lebensgefährte flippt aus, nur weil ich ihn bitte, mit mir eine Wohnung zu besichtigen. Wohnung kaufen? Da wittert er offenbar sofort weibliche Nestbau-Aktivitäten, und das geht auch dem modernsten Alpha-Mann gegen die Natur. Dabei dachte ich bisher, in unserer modernen Beziehung spiele Geld keine Rolle, wer gerade flüssig ist, bezahlt. Denkste. Jetzt erst wird klar, dass er es immer schon kränkend fand, wenn ich mit meinen Artikeln mal mehr Geld verdiente als er mit seinen Fotos.

Also regle ich die Sache allein. Sitze mit einem Finanzberater am Tisch, der seinen großen Mercedes auf meinen kleinen Parkplatz quetscht und missmutig an meinem unaufgeräumten Küchentisch Platz nimmt. Sorgenvoll schaut er meine Steuererklärung an und sagt, das sei aber wenig Umsatz gewesen im letzten Jahr. Das müssten wir für die Bank "frisieren". Mein Eigenkapital nützt für die Kreditaufnahme nämlich gar nichts, wenn ich nicht genug Einkommen nachweisen kann. Die nächsten beiden Nächte kann ich kaum schlafen. Bin ich denn wirklich so arm? Ich schwimme zwar nicht im Geld, aber bisher hat immer alles gerade so hingehauen. Bis zu diesem verfluchten Erbe, das mich zu reich macht für meine Freunde. Aber zu arm für die Darlehens-Kriterien einer Bank.

Wenig Umsatz, wenig Umsatz. Panisch nehme ich in den folgenden Tagen Aufträge für drittklassige Zeitungen an, kaufe im Supermarkt nur noch den No-Name-Joghurt und holländische Tomaten. Bis mein Sohn sich beschwert, dass es keinen frisch gepressten O-Saft mehr gibt. Da schalte ich auf Trotz, setze ihn ins Auto und fahre in sein Lieblings-Steakhaus in der Stadt. Die sollen uns alle mal, jetzt hauen wir das Geld auf den Kopf!

Aber am nächsten Tag holt mich das Problem wieder ein. 50.000 Euro im Steakhaus verbraten, das geht nicht ohne Eiweißvergiftung. Und außerdem – was hätte dazu mein sparsamer Papa gesagt? Und spricht aus der tadelnden Stimme des Finanzhais nicht in Wahrheit der Vater, der sagt: Mädchen, hättest du bloß einen richtigen Job gelernt! Dann wärst du jetzt auch kreditwürdig.

Mein Liebster hat längst auf Sarkasmus geschaltet. Ich soll mein Geld einer Wohltätigkeits-Organisation spenden, sagt er, und ihn bitte in Ruhe lassen mit dem Thema. Wahrscheinlich hat er Recht, denn ich sehe am selben Abend zufällig eine Reportage über Lotto-Millionäre. Drei Fälle, davon zwei tragisch – Ehe zerbrochen, Freunde verloren, Neider ohne Ende. Nur einer ist glücklich: Er hat seine Million in eine Stiftung gesteckt und sonnt sich in Ruhm und Ehre.

Aber was soll ich denn mit 50.000 Euro stiften? Einen Krippenplatz? Einen Hektar Regenwald? Das hätte er bestimmt nicht gewollt, der Papa. Ach, hätte er sich bloß von dem Geld einen Jaguar gekauft. Oder die bessere Kabine auf der "Queen Mary 2" gebucht. So bleibt mir nur eins: Ich lege das Geld vorerst an, bis mein Kind 18 ist und studiert oder ins Ausland geht oder sich an einem riskanten Joint-Venture beteiligt. Wär jetzt bloß blöd, wenn mir was passiert. Dann hätte er das Problem mit dem Erbe. Und das wünsche ich ihm echt nicht.

Text: Nora Schönberg BRIGITTE Heft 05/2006

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