Beruflich umorientieren: Das rät der Experte

Viele Menschen wollen sich beruflich umorientieren, schaffen es aber nicht ihre Pläne in die Tat umzusetzen. Psychologe und Karrierecoach Tom Diesbrock hat in unserem Forum zwei Wochen lang die Fragen der Communitymitglieder beantwortet - hier können Sie einige Beiträge nachlesen.

Tom Diesbrock

Tom Diesbrock arbeitet als psychologischer Berater und Karriercoach. Außerdem schreibt er Ratgeber - zuletzt erschien sein Buch "Jetzt mal Butter bei die Fische! Das Selbst- coachingprogramm für Ihre berufliche Neuorientierung" (Campus Verlag). Er hat sich selbst mehrfach beruflich umorientiert und kennt daher die Ängste und Sorgen, die solche Entscheidungen mit sich bringen. Er weiß aber auch: Es lohnt sich, seine Träume umzusetzen!

Bitte beachten Sie, dass die Fragen und Antworten von der Redaktion gekürzt wurden. Hier können Sie die gesamte Beratung im Forum nachlesen.

Lücken im Lebenslauf

Frage:

Mein Problem ist, dass mein Lebenslauf recht bunt ist, einige Lücken hat und viele Arbeitszeugnisse nicht so toll sind. Ich bin fachlich gut, kann gut organisieren, bin analytisch stark und sehr flexibel- aber komme bei Bewerbungen nie weit. Wie überzeuge ich Personaler, die Bewerbung nicht direkt in den Papierkorb zu werfen?

Antwort von Tom Diesbrock:

Letztendlich wissen wir niemals, warum jemand auf seine Bewerbung eingeladen wird oder warum nicht. Ein beeindruckendes Kompetenz- und Erfahrungsprofil hilft dabei natürlich weiter - aber eine Garantie ist auch das nicht!

Ein "bunter Lebenslauf" an sich ist in meinen Augen nicht automatisch ein Killerkriterium! Und der Wert eines "lückenlosen Lebenslaufs" wird allgemein überschätzt.

Für mich ist die wichtige Frage: Wie erzählen Sie Ihre Geschichte? Wie machen Sie klar, warum Sie DIESEN Job wollen, an dieser Stelle Ihres Lebens und bei diesem Unternehmen? Wie überzeugend sind Sie dabei und wie viel Begeisterung und Engagement zeigen Sie?

Es reicht nicht aus zu zeigen, dass Sie "es können" - mindestens genauso wichtig ist, dass Sie es wollen. Wenn Ihnen Ihr Lebenslauf unangenehm ist und Sie meinen, damit schlecht dazustehen, kann es sein, dass Sie schon eine rechtfertigende oder entschuldigende Haltung einnehmen - und das ist niemals attraktiv! Was macht Ihr bunter Lebenslauf an Ihnen interessant? Was haben Sie dadurch gewonnen?

Lassen Sie doch mal mehrere Menschen Ihre Bewerbungen lesen, und fragen Sie sie, was dabei für sie rüberkommt - auch zwischen den Zeilen.

Der verrückte Berufswunsch

Frage:

Ich plane, meinen Traum zu verwirklichen und mich für meine Kunst zu engagieren. Das ist eine schwierige Branche, doch ich habe das Ziel, es als Autodidakt trotzdem zu schaffen, also zumindest eine halbwegs lebbare Einnahmequelle zu schaffen. Ich würde als ersten Schritt den jetzigen Job auf eine 2-Tages-Woche kürzen und schauen, dass ich dann so schnell wie möglich meine ersten richtigen Schritte in Galerien und Ausstellungen mache. Meine Fragen: Bin ich verrückt? Sollte ich das sein lassen? Oder ist dieser Schritt längst überfällig? Und vor allem: Wenn das Herz einem so klar sagt, dass man es machen muss - kann das dennoch eine Fehlentscheidung sein, oder wird es dann auch funktionieren?

Antwort von Tom Diesbrock:

Ja, vielleicht sind Sie verrückt - aber ohne verrückt zu sein, lassen sich Menschen nicht darauf ein, ihrem Herzen zu folgen. Dass die Existenz als Künstlerin nicht die "sicherste" ist, wissen Sie bestimmt auch, das muss ich Ihnen nicht erzählen. Aber wieso dürfte ich oder irgendein anderer Mensch Ihnen raten, Ihrem Wunsch NICHT zu folgen? Sie möchten doch eines Tages auf Ihr Leben zurückblicken und sagen können "Es war gut und richtig so!".

Sie klingen recht selbstreflektiert. Und Ihre Idee, sich durch eine Teilzeitarbeit zu sichern, scheint mir sehr vernünftig. Was Sie anscheinend brauchen, ist Ermutigung - oder gar eine Erlaubnis? Wer sollte Ihnen die geben? Weder ich noch irgendjemand kann Ihnen sagen, dass Ihr Vorhaben gelingen oder scheitern wird. Wahrscheinlich werden Sie sehr unterschiedliche Meinungen hören - aber ich glaube, die sagen mehr über die Rat-Geber und deren Haltung zum Leben als über Ihr Projekt.

Ich möchte Ihnen nur einen Tipp geben: Nehmen Sie sich doch einen Zeitraum von einem oder zwei Jahren für dieses Projekt, und nehmen Sie sich vor, danach Bilanz zu ziehen und vielleicht die Weichen neu zu stellen. Und berechnen Sie sehr genau, wie viel Geld Sie benötigen werden und was Sie tun werden, um Ihr Einkommen zu sichern. Machen Sie unbedingt auch einen Plan für den Worst Case. Gerade wenn es um die Kunst und Dinge geht, deren Erfolg kaum zu planen ist, ist es wichtig, sich ein mentales und finanzielles Stützgerüst zu schaffen, das Ihnen Halt gibt.

Selbständig machen als Alleinerziehende

Frage:

Ich bin Biologin und Journalistin und arbeite Vollzeit als Projektmanagerin im Rahmen eines Zeitvertrags. Die Verlängerung Ende nächsten Jahres ist nicht gesichert. Ich bin alleinerziehend mit zwei pubertierenden Jungs und habe ein Haus. Das alles muss finanziert werden.

Am liebsten würde ein Feinschmeckerrestaurant eröffnen und als Krimiautorin arbeiten. Ich denke, das sind Dinge, die mir liegen und ich gerne anpacken würde. Aber ich weiß nicht, wie ich den Absprung schaffen soll. Ich bin Anfang 50, ewig habe ich in meinem Berufsleben nicht Zeit, etwas Neues anzufangen. Halten Sie meine Ideen für realistisch und wenn ja, welche Strategie sehen Sie, diese umzusetzen?

Antwort von Tom Diesbrock:

Ob eine Idee "realistisch" ist, wissen wir letztendlich erst, wenn wir alles getan haben, sie umzusetzen. Ich habe Probleme mit dem Wort, weil es meistens als Denkverbot verwendet wird, ohne wirklich zu überprüfen, wie es um die Chancen und Wahrscheinlichkeiten steht.

Dass Sie mit zwei Kindern nicht einfach alles hinschmeißen, kann ich gut verstehen. Bevor man sich für einen neuen beruflichen Weg entscheidet, sollten die Alternativen immer "prägnant" sein, d.h. sehr gut durchdacht, berechnet und alle Eventualitäten geplant. (dazu ein Lesetipp aus meinem Blog).

Bevor Sie sich dafür entscheiden, ein Restaurant aufzumachen, gibt es sicherlich sehr viel zu klären - von der Finanzierung über Räumlichkeiten bis zu den Feinheiten eines Konzepts. Und natürlich ein Businessplan. Um von Einnahmen aus Büchern leben zu können, müssen Sie davon eine ganze Menge verkaufen (das sage ich aus Erfahrung!) - eine Karriere als Autor sollte man in meinen Augen immer parallel zu einem Brot-und-Butter-Job angehen.

Suchen Sie möglichst viel Kontakte zu Menschen, die ähnliche Ideen schon erfolgreich umgesetzt haben. Und überlegen Sie sich doch, ob es andere Alternativen gibt, die leichter / schneller zu verwirklichen sind - vielleicht die "kleinen Geschwister" Ihrer Ideen, aus denen sich im Laufe der Zeit (wenn die Jungs aus dem Haus sind) Ihre großen Ziele entwickeln können?

Angst vor der Bewerbung

Frage:

Ich arbeite seit zehn Jahren als Verkäuferin. Vor einem Dreivierteljahr habe ich bei meiner Firma gekündigt. Seitdem halte mich mit Jobs als Verkäuferin über Wasser und nebenbei mache ich eine Ausbildung zur Gesundheitsberaterin, die zwei Jahre dauert. Jetzt merke ich aber, dass mir das Arbeiten im Verkauf wirklich Kraft raubt. Die Frage ist, sollte ich meine Einstellung zum Verkauf versuchen zu verändern? Oder sollte ich versuchen, auch ungelernt in mein Berufsfeld Gesundheit und Bewegung reinzukommen? Ich suche jeden Tag Stellenanzeigen im Internet durch, aber bisher traue ich mich nicht, mich zu bewerben. Meine Angst ist, dass alle anderen qualifiziert sind und ich eben nur diesen Wunsch habe, aber keine Qualifikation. Trotzdem denke ich, ich sollte diese Angst überwinden.

Antwort von Tom Diesbrock:

Sie schreiben, dass Sie gerade eine Ausbildung zur Gesundheitsberaterin machen. Haben Sie denn einen Plan, was genau Sie danach tun werden? Wenn Sie wissen, wie es dann weitergeht, bedeutet Ihr derzeitiger Job ja nur einen Übergang. Dann würde ich Ihnen raten, dies durchzuhalten und sich ganz auf Ihre zukünftige Tätigkeit vorzubereiten und zu konzentrieren.

Wenn Sie noch nicht wissen, was nach Ihrer Ausbildung kommen soll, möchte ich Ihnen dringend raten, sich damit zu beschäftigen!

Sie sagen, dass Sie "Angst haben, unqualifiziert zu sein, und dass andere Ihnen voraus sind". Ist es nur Angst und ein Gefühl, oder kommen Sie auch zu dem Ergebnis, wenn Sie sich ruhig und vernünftig selbst einschätzen? Wenn es nur "gefühlte Inkompetenz" ist, sollten Sie sich wirklich mit dieser Angst auseinandersetzen und lernen, sich nicht von ihr steuern lassen. Ich weiß, das klingt einfach und ist es ganz sicher nicht - aber es ist möglich! Ich schätze Ansätze der Transaktionsanalyse dabei sehr, um zu lernen, von einem (ängstlichen) Kind-Ich-Zustand in eine konstruktive und selbstbewusste Haltung im Erwachsenen-Ich zu kommen.

Sich zu bewerben und gleichzeitig von dem Gefühl dominiert zu werden, nicht gut genug zu sein, ist in meinen Augen nicht sehr klug, weil man sich so kaum überzeugend präsentieren kann. Also, ran an die Angst und an das negative Selbstbild!

Keine Fortbildungen

Frage:

Ich trage mich schon seit zwei Jahren mit dem Gedanken und großen Wunsch den Job zu wechseln. Die Branche allgemein und das Arbeitsklima im speziellen gefallen mir gar nicht mehr. Neben den üblichen Ängsten etwas Neues zu wagen und keine Garantie zu haben, ob es woanders wirklich besser ist, hemmt mich vor allem der "Makel" in meinem Lebenslauf, dass ich seit über zwölf Jahren im gleichen Unternehmen tätig bin und keine Fortbildungen nachweisen kann. Dies wurde in der Firma weder gern gesehen noch irgendwie gefördert. Wie kann ich damit in meinem Lebenslauf oder Bewerbungsschreiben umgehen? Sollte ich da überhaupt drauf eingehen?

Antwort von Tom Diesbrock:

Was Sie als "Makel" bezeichnen, ist in meinen Augen nur dann ein Problem, wenn Sie es wirklich so empfinden und deshalb in Ihren Bewerbungen eine defensive, vielleicht sogar rechtfertigende Haltung einnehmen - denn das ist auf jeden Fall extrem unattraktiv.

Ob ein Lebenslauf "lückenlos", patchworkmäßig oder sehr stetig ist, hat für mich erst einmal wenig Bedeutung für den Erfolg einer Bewerbung - schließlich ist es IHR Leben, und dazu sollten Sie stehen. Es reicht aber niemals, sich nur darauf zu verlassen, dass Lebenslauf und Standardanschreiben ausreichen und das angesprochene Unternehmen sich daraus schon einen Reim machen wird. Es liegt an Ihnen, deutlich zu machen, woher Sie kommen und warum Sie heute, an diesem Punkt Ihrer Karriere, bei diesem Unternehmen arbeiten wollen und wie dies zu Ihren Zielen passt.

Sie haben zwölf Jahre zufrieden in einem Unternehmen gearbeitet und konnten sich in dieser Zeit weiterentwickeln - und jetzt ist es Zeit für Sie, den nächsten Schritt zu gehen. Punkt. Wichtig ist, dass Sie offensiv und auf Augenhöhe auf interessante Unternehmen zugehen. Und wie ich immer wieder betone: nicht unbedingt nur in Form einer Bewerbung auf ausgeschriebene Stellen - es ist immer sinnvoll, den Kontakt und das Gespräch zu Menschen und Unternehmen zu suchen!

Mehr zum Thema:

Tom Diesbrocks praxiserprobter Ratgeber "Jetzt mal Butter bei die Fische - Das Selbstcoachingprogramm für Ihre berufliche Neuorientierung" hilft dabei, Jobwechsel-Pläne in die Tat umzusetzen - von der Ideenfindung über den Umgang mit inneren Widerständen bis zur Entscheidung. (Campus Verlag, 239 Seiten, 19,99 Euro)

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