Gleichberechtigung im Job: Darum bevorzugen Chefs die Männer

In Unternehmen sind Leistungsfähigkeit und Kompetenz besonders angesehen - Eigenschaften, die eher mit dem Bild eines männlichen als mit dem Bild eines weiblichen Mitarbeiters verbunden sind.

Ilga Vossen (33) hat im Rahmen einer Studie festgestellt, dass sich dieses Phänomen nicht nur auf die Aufstiegschancen, sondern auch auf die Arbeitsmotivation von Frauen negativ auswirkt. Die Sozialwissenschaftlerin erklärt im Brigitte.de-Interview, was sich in den Firmen - und in den Köpfen - ändern sollte.

Brigitte.de: Eine der Hauptaussagen Ihrer Studie ist: Viele Frauen meinen, dass sie und ihre Fähigkeiten nicht optimal zum Leitbild ihres Unternehmens passen. Für wen ist es denn überhaupt wichtig, dass Mitarbeiterinnen sich mit einem Leitbild identifizieren?

Ilga Vossen: Das liegt natürlich zunächst im Interesse des Betriebs, denn wenn ich gerne dort bin, engagiere ich mich auch mehr. Damit sind nicht nur die Job-Anforderungen gemeint. Auch dass Frauen über ihre eigene Abteilung hinaus Networking betreiben, ist für eine Organisation enorm wichtig, denn so entstehen Synergien und neue Ideen, die ihr nützen. Natürlich ist es auch für die Arbeitnehmerin wichtig, sich im Job wohlzufühlen - schließlich verbringt sie einen Großteil ihrer Zeit damit.

Brigitte.de: Was ist das Neue an Ihrer Herangehensweise? Dass es Frauen in männerdominierten Firmen schwerer haben, ist ja bekannt.

Ilga Vossen: In der Tat: Es gibt eine Fülle von Tipps für Frauen, wie sie besser im Job vorankommen können. Mein Blickwinkel war ein anderer: Ich habe mich auf die Organisationsform von Firmen konzentriert. Ich glaube, dass so, wie viele Unternehmen funktionieren, Frauen dort nur beschränkt aufsteigen können. Das liegt vor allem an den stereotypen Bildern von Mitarbeiterinnen, die Frauen wie Männer im Kopf haben.

Brigitte.de: Können Sie näher erläutern, auf welche Weise diese Bilder Frauen benachteiligen?

Ilga Vossen: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn Sie ein identisches Bewerbungsschreiben zweimal verschicken, mit dem einzigen Unterschied, dass einmal eine Frau, und einmal ein Mann unterschrieben hat, können Sie sicher sein, dass die weibliche Bewerbung weniger positiv bewertet wird - einzig aufgrund der Bilder, die Frauen und Männer als unterschiedlich fähig einstufen.

Brigitte.de: Was muss sich also ändern?

Ilga Vossen: Unternehmen müssen eine Organisationskultur schaffen, in der Männer und Frauen gleichberechtigt vertreten sind.

Brigitte.de: Und was heißt das genau?

Ilga Vossen: Eine solche Kultur legt gleichermaßen Wert auf das, was Frauen und Männer in das Unternehmen einbringen können. Sie muss mehr sein als ein Lippenbekenntnis. Teamorientierung und kooperatives Verhalten müssen echte Werte sein. Bislang sind solche Fähigkeiten weniger angesehen, das wurde schon in mehreren Studien nachgewiesen. Leistungsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen und Risikobereitschaft werden dagegen für ein Unternehmen als wichtiger bewertet.

Brigitte.de: Das sind Eigenschaften, die doch aber nicht nur von Männern verkörpert werden.

Ilga Vossen: Auch Frauen haben diese Fähigkeiten, sie werden bei ihnen aber weniger wahrgenommen - weil sie weniger passen zu dem typischen Bild einer Mitarbeiterin als zu dem eines Mitarbeiters. Deswegen ist eine Unternehmenskultur mit veränderten Werten so wichtig. Im Normalfall wird in Unternehmen unter Druck entschieden, und dann sind Klischees immer stärker, wie im Beispiel des Bewerbungsschreibens. Wenn es aber kein einheitliches - männlich orientiertes - Leistungsbild gibt, kann die Kraft der Bilder ausgehebelt werden. Dann werden Mitarbeiterinnen für ihre Fähigkeiten mehr wertgeschätzt - und können sich auch besser mit dem Unternehmen identifizieren.

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