Heldinnen des Alltags

Genervt von langsamen Kassiererinnen, tratschenden Friseurinnen und pampigen Kellnerinnen? BRIGITTE-Autorin Alena Schröder hat in ihrem neuen Buch den Alltag von Frauen in Serviceberufen beleuchtet und Heldinnen des Alltags gefunden.

Geiz? Nie wieder! Ich werfe mit Trinkgeld mittlerweile um mich.

Auf der Suche nach den "wahren Heldinnen des Alltags" habe ich 26 Frauen interviewt, die alle in so genannten typischen Frauenberufen arbeiten. Das heißt vor allem: in schlecht bezahlten Jobs im Dienstleistungssektor. Ich dachte: Diese Frauen sind so nah an anderen Menschen dran wie sonst kaum jemand, die haben sicher einiges zu erzählen. Was ich nicht bedacht habe, ist, wie stark diese Geschichten mein Welt- und mein Selbstbild zerstören würden.

Es fing ganz harmlos an, ein Gespräch mit einer Friseurin. Seit ich weiß, dass die Kundinnen in meinem Schickimicki-Stadtteil deutlich weniger Trinkgeld geben als die Kundinnen in der Filiale eines als Hartz-IV-Moloch verschrienen Randbezirks, dafür aber gern kostenlose Haarschnitte für ihre hyperaktiven Dreijährigen einfordern und am liebsten "selber föhnen", um auch hier noch ein paar Euro zu sparen, verausgabe ich mich förmlich beim Trinkgeldgeben. Ich runde nicht mehr auf - ich verdopple!

Seitdem bin ich ein gern gesehener Kunde in allen Cafés, Kneipen und Friseursalons meines Viertels, dafür aber auch chronisch pleite. Ich bin Butter in den Händen meiner Bankberaterin, die mir mit rhetorischer Finesse Versicherungen schmackhaft macht, von denen ich ganz genau weiß, dass ich sie garantiert nicht brauche. Aber ich weiß auch, dass die Frau ihren Arbeitsplatz riskiert, wenn sie ihre monatliche Verkaufsquote nicht schafft. Und auch die nötige Härte bei Honorarverhandlungen ist mir abhanden gekommen, seit mir klar ist, dass ich für manchen Text mehr Geld bekomme als eine Hebamme für eine 16-stündige Hausgeburt.

Nie ist meine Wohnung sauberer und aufgeräumter als am Tag, bevor meine Putzfrau kommt - ich weiß nämlich jetzt, was sie möglicherweise alles über mich weiß und wie sehr ich auf ihre Milde und Diskretion angewiesen bin. Ich gehe im Supermarkt nicht mehr ans Handy, um mich ja nicht gemein zu machen mit all denen, die Kassiererinnen mit automatischen Geldwechselmaschinen verwechseln und nur wortlos ihr Kleingeld hinpfeffern. Ich erschrecke muffelige Bahnschaffnerinnen mit einem beherzten "Auch Ihnen noch eine gute Fahrt!", ich lausche andächtig, wenn Flugbegleiterinnen ihre Notfall-Vorführungen machen, die ich natürlich auswendig mitsprechen könnte. Ich bin auch nach 20 Minuten in der Warteschleife noch ausgesprochen reizend zu Callcenter- Agentinnen und pfeife "Lovely Rita Metermaid", wenn ich sehe, dass mir eine Politesse einen Strafzettel hinter den Scheibenwischer klemmt.

Wer erst einmal eine plastische Vorstellung davon bekommen hat, wie es ist, den ganzen Tag wahlweise ignoriert oder beschimpft zu werden, der kann nicht anders. Seit ich weiß, dass der internationale Blumenhandel einer Mafia gleicht und ich meine billigen Supermarkttulpen eigentlich auf einer Sondermülldeponie entsorgen müsste, sehe ich in meiner Floristin eine tapfere Kämpferin gegen Ausbeutung und Umweltzerstörung. Ich lese den Wirtschaftsteil meiner Zeitung mit anderen Augen, seit mir klar ist, dass die Geschicke unseres Landes von Männern gelenkt werden, die ohne ihre Sekretärinnen nicht mal in der Lage wären, einen Flug zu buchen, und dass die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise Pipifax sind gegen die Möglichkeit eines globalen Streiks aller Chefsekretärinnen.

Ohne all die guten Geister könnten wir sofort einpacken

Ich schaudere bei dem Gedanken, dass mir auch die teuerste private Zusatzversicherung im Notfall nicht einmal halb so viel nützen wird wie die Fürsorge und die Berufserfahrung einer engagierten Krankenschwester. Mein Umfeld macht sich ernsthaft Sorgen um mich, seit ich eine Prostituierte interviewt habe, die so sinnlich und verführerisch war und mit so viel Herzenswärme über ihre Stammkunden sprach, dass ich jeden Mann verstehen kann, der in den Armen dieser Frau die Mittagspause verbringt - und sei er auch noch so verheiratet. Mein Mann reagierte verstört, als ich ihn nach meinem Gespräch mit der Leiterin eines Frauenhauses stürmisch umarmte und sprach: "Ich bin so froh, dass du mich nicht schlägst!"

Ob es Ihnen bei der Lektüre dieses Buches ähnlich gehen wird? Möglicherweise erschrecken Sie über die Erkenntnis, wie abhängig wir alle von den guten Geistern sind, die unsere Kinder erziehen, unsere Eltern pflegen, unseren Dreck wegmachen und unsere schlechte Laune ertragen. Möglicherweise werden Sie nie wieder unbefangen ein Hotel oder eine Drogerie betreten oder bei einer Beschwerde-Hotline anrufen. Andererseits lernen Sie ein paar simple Tricks, mit denen Sie sofort zur absoluten Lieblingskundin in allen Geschäften Ihrer Umgebung werden - auch wenn es Sie finanziell ruiniert. Ich habe Sie jedenfalls gewarnt!

Mehr über das Leben an der Dienstleistungsfront im neuen BRIGITTE-Buch "Wir sind bedient. 26 Frauen über harte Jobs und irre Kunden" von Alena Schröder (256 S., 8,95 Euro, Diana)

Text: Alena Schröder
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.