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Ich will mehr Geld: Wie sich Frauen holen, was sie verdienen


Noch immer bekommen Frauen deutlich weniger Lohn und Gehalt als die Männer. Woran das liegt und wie sich's ändern lässt, weiß BRIGITTE-Mitarbeiterin Nadine Oberhuber.

Der kleine Unterschied zwischen Frau und Mann ist tatsächlich ganz schön groß. Pro Jahr ein paar tausend Euro. Im Schnitt. Am Anfang hatte Susanne ihr Gehalt nicht hinterfragt. Es war ordentlich, und sie war froh, dass es direkt nach dem Studium mit der Festanstellung bei der Unternehmensberatung geklappt hatte. Aber als sie sich mit Studienfreunden unterhielt, kam sie sich plötzlich vor wie ein Sonderangebot: besonders billig zu haben. Wieso verdienen die anderen eigentlich so viel mehr? Ist sie im falschen Unternehmen gelandet? Ist ihre Firma zu knickrig? Nein, eigentlich bezahlt ihr Arbeitgeber gut. Susannes Problem ist ein anderes: Sie ist eine Frau. Und deswegen wird sie schlechter bezahlt als männliche Kollegen.

Ungerecht? Ja - und ganz normaler Alltag in vielen deutschen Unternehmen. Trotz gut gemeinter EUGesetze, die gleichen Lohn für gleiche Arbeit vorschreiben. Obwohl die heutige Frauengeneration die wissensstärkste aller Zeiten ist, obwohl sie mittlerweile sogar besser ausgebildet antritt als die männliche Konkurrenz - auf dem Arbeitmarkt ist sie noch nicht einmal das Gleiche wert. Geschweige denn mehr. . . So ist das durchschnittliche Monatseinkommen der Frauen quer durch alle Branchen und Berufe immer noch um etwa ein Viertel niedriger als das der Männer. Hochgerechnet auf die Lebensarbeitszeit ergibt sich sogar eine Schwindel erregende Einkommensdifferenz von 40 bis 50 Prozent. Was sich dann natürlich auch bei der Rente auswirkt. Wer nach Ursachen sucht, findet viele.

Falle: Lücke im Arbeitsleben

Während Männer meist durchgehend als Vollzeit- Angestellte beschäftigt sind, unterbrechen Frauen ihren Job häufig für mehrere Jahre. Weil sie sich zu Hause um ihre Kinder oder um pflegebedürftige Angehörige kümmern. Deshalb ist ihr Gesamteinkommen am Ende des Arbeitslebens oft so viel niedriger. Ein paar Jahre weniger Berufspraxis können aber auch eine der Ursachen sein, weshalb Frauen in gleichen Positionen und Betrieben durchschnittlich 12 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ermittelt hat. Aber selbst wenn sich der weibliche Lebenslauf durch nichts vom männlichen unterscheiden sollte, gibt es Differenzen. Das haben Untersuchungen von "virtuellen Zwillingspaaren" aufgedeckt, mit identischen Ausbildungswegen und Jobverläufen. Schon im ersten Berufsjahr werden Frauen rund 300 Euro pro Monat billiger "eingekauft" als Männer. Und diese Kluft wächst. Während Chefs ihren männlichen Mitarbeitern unterstellen, ständig besser zu werden - und dies auch mit mehr Geld und ausbaufähigen Positionen honorieren -, halten sie eine ähnliche Entwicklung bei Frauen wohl nicht für möglich.

Falle: Wiedereinstieg im Teilzeitjob

Entweder finden Mütter nach der Berufsrückkehr keine qualifizierte Ganztagsbetreuung für ihre Kinder, oder sie wollen gar nicht voll wieder einsteigen - Fakt ist: Frauen haben meist kürzere Arbeitszeiten, übernehmen 80 Prozent aller Teilzeitjobs. Womit ihr durchschnittliches Monats- und Jahreseinkommen logischerweise weit unter dem der Männer bleibt. Doch selbst die Stundenlöhne von Teilzeit- und Vollzeitkräften klaffen noch auseinander, ermittelte Elke Holst vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): "Teilzeit wird generell schlechter bezahlt." Sind Mitarbeiter voll einsetzbar, lassen die Betriebe sich das offenbar extra etwas kosten.

Überdies ist Teilzeitarbeit der "Karrierekiller Nummer eins", ergänzt Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff von der Universität Hamburg. Denn je höher die Stufe der betrieblichen Hierarchie, umso geringer die Chance, sie auch als Teilzeitkraft zu erreichen. Mit den entsprechenden finanziellen Konsequenzen.

Falle: die Berufsperspektive

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Einen Grund für die geringeren Verdienstchancen von Frauen sieht Professorin Bischoff auch in der Wahl von Ausbildungsberuf oder Studienfach. Die gut bezahlten und karriereorientierten Bereiche Wirtschaftswissenschaften, Ingenieurberufe und Naturwissenschaften sind zu drei Vierteln männlich besetzt. Frauen dagegen gehen oft nicht nur in schlechter bezahlte Ausbildungsberufe wie Friseurin, Arzthelferin oder Verkäuferin, sondern wählen häufig auch Studienfächer mit unklaren Perspektiven wie etwa Sozialpädagogik oder Geistes- und Kulturwissenschaften, die in der Wirtschaft meist kein Garant für spätere Top-Einkommen sind.

Das stimmt zwar, erklärt aber zum Beispiel nicht die Gehaltslücke von Susanne, der Unternehmensberaterin, die Betriebswirtschaft studiert hat. Auch Volkswirtschaftlerin Elke Holst vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ist die Begründung etwas zu pauschal: "Das ist typische Neoklassik: Frauen suchen sich eben das Falsche aus. Würden sie sich mehr bemühen, heißt es dann, wäre alles kein Problem. Das System funktioniert aber viel subtiler."

Falle: die eigene Ehe

"Frauen werden oft schlechter bezahlt, weil sie ja noch einen zweiten Arbeitsplatz haben: den Haushalt. Und ein zweites Einkommen: den Ehemann", sagt Elke Holst. Über solche Weltbilder von gestern kann und sollte man sich aufregen. Nützt aber wenig, solange das Ehegatten-Splitting oder die tarifliche Eingruppierung typisch weiblicher Tätigkeiten in niedrigere Lohnklassen das "konservativ- katholische System" zementieren, wie Holst das nennt. Wie lange aber wird es dauern, bis solche Rollenbilder endgültig der Vergangenheit angehören? "Fragen Sie nicht! Der Fortschritt ist eben eine Schnecke", klagt die DIW-Analystin.

Falle: nicht genug Mut zum Wechsel

Frauen könnten die Dinge allerdings auch selbst beschleunigen, meinen Expertinnen wie Elke Holst und Sonja Bischoff: Meist warten sie nämlich zu lange, bevor sie zum ersten Mal den Job wechseln. Je eher sie jedoch zum nächsten Arbeitsplatz weiterziehen, desto schneller steigt ihr Marktwert. Aussuchen sollten sie sich vor allem Unternehmen, in denen überwiegend Männer arbeiten. Denn je mehr weibliche Beschäftigte im Betrieb, umso niedriger das Gehaltsniveau. Außerdem fordern Frauen zu selten. Zum Beispiel bessere Positionen: "Es fehlt der Aufstiegswille", kritisiert Sonja Bischoff. Während 40 Prozent der Männer betonen, sie möchten unbedingt Karriere machen, sind es bei den Frauen nur etwa 30 Prozent. Weil viele in der Tretmühle aus Büro, Haushalt und Familie schon genug strampeln müssen und gar nicht wollen, dass sich das Rad noch schneller dreht. Und weil es sich für sie (noch) nicht lohnt. Denn Sonja Bischoff hat herausgefunden: "Mit steigendem Einkommen steigt auch der Aufstiegswille der Frauen." Sie müssten eben das Gefühl haben, dass sich mehr Arbeit wirklich auszahlt. Bisher haben sie es nicht.

Falle: Hauptsache harmonisch...

Frauen sollten also schleunigst damit anfangen, mehr Gehalt zu verlangen, rät deshalb auch Cornelia Topf, Trainerin und Autorin des Buches "Gehaltsverhandlungen für freche Frauen": "Frauen tappen zu oft in die Harmoniefalle: Sie sind zufrieden, wenn sie einen Job machen, der sie erfüllt, und wollen nicht auffallen. Sie hoffen, dass der Chef ihre Leistung von allein bemerkt und ihr Gehalt erhöht." Macht er aber nicht, winkt Gehaltscoach Martin Wehrle ab: "Nur wer fordert, wird gefördert. Frau wird nicht nur schlecht bezahlt - sie lässt sich auch schlecht bezahlen! Diese umgekehrte Sichtweise befreit aus der Ohnmacht. Frauen haben die Initiative selbst in der Hand." Also ran an die Gehaltsverhandlung! Der Fortschritt ist eine Schnecke - machen wir ihm Beine.

So bekommen Sie was Sie verdienen!

Sagen Sie, was Sie wollen Spätestens alle eineinhalb Jahre sollten Angestellte beim Chef vorstellig werden. Diejenigen, die länger warten, erwecken den Eindruck, als leisten und verdienen sie auch nicht mehr, als sie bekommen. "Fünf bis zehn Prozent sind schon drin, allein wegen des Inflationsausgleichs", sagt Cornelia Topf. Und so banal es klingen mag: Bereiten Sie sich auf jede Gehaltsverhandlung gut vor! Was die Verhandlungs- Expertin immer wieder schockiert: "Die meisten wissen überhaupt nicht genau, was ihre Arbeit wert ist." Also vorher, zum Beispiel im Internet, Gehaltsspiegel vergleichen, Freundinnen und Kollegen fragen oder sich bei Branchenverbänden informieren.

Bleiben Sie standhaft "Gehaltswünsche von Frauen lassen sich leichter abschmettern", weiß Martin Wehrle aus seiner Erfahrung als Personalchef in einem Großunternehmen. "Chefs appellieren gern an die soziale Ader: Ihr Gehalt soll doch gerecht sein im Vergleich zu den Kolleginnen . . . Dass ein höheres Gehalt die ganze Gehaltsstruktur nach oben zieht und somit auch den Kolleginnen Gehaltssprünge erleichtert, behält der Chef lieber für sich." Ein weiteres beliebtes Argument: "Ich müsste Ihre Gehaltforderung vor der Geschäftsleitung vertreten - und welchen Ärger würde ich mir angesichts der jetzigen Auftragslage einhandeln!" Dabei vertritt ein guter Chef nicht nur die Interessen der Geschäftsleitung, sondern auch die seiner Belegschaft. Doch für viele Frauen ist das erste "Nein" in der Gehaltsverhandlung schon die endgültige Entscheidung. Männer dagegen wissen: Nun geht's erst richtig los!

Nicht jammern, sondern punkten Es gibt Sätze, die Vorgesetzte wenig interessieren und sie auch absolut nicht davon überzeugen, dass Sie mehr Gehalt verdient haben. Diese gehören dazu: Sie wissen doch, das Leben wird immer teurer! Erst haben wir das Haus gebaut und jetzt noch die Kinder... Meine Mutter kommt ins Pflegeheim, das können wir uns sonst nicht leisten... Frau Meier aus der anderen Abteilung verdient auch mehr... Dann gehe ich eben zur Konkurrenz ...

Was Vorgesetzte dagegen überzeugt: Wenn Sie ihnen schwarz auf weiß vorlegen können, dass Sie eine Stütze Ihrer Abteilung sind, in den vergangenen Monaten mehr geleistet haben als vorher und dass sie dank Ihnen selbst Erfolge verbuchen können. Eine solche Bilanz ist gar nicht so schwer, wenn Sie regelmäßig ein Leistungstagebuch führen, in dem besondere Erfolge, Sonderaufgaben oder Projekte festgehalten werden. Welche Kunden haben Sie gewonnen oder besonders zufriedengestellt? Wo haben Sie der Firma Ausgaben erspart? Welche außergewöhnlichen Aufgaben haben Sie gemeistert?

Denken Sie wie Ihr Chef Gehen Sie von einer Regel aus, die Ihnen vermutlich nicht schmeckt, die aber leider oft noch gültig ist. Formuliert hat sie Cornelia Topf: "Männer überschätzen sich und unterschätzen Frauen. Frauen unterschätzen sich und überschätzen Männer." Sollte das auch für Sie zutreffen, machen Sie zumindest was draus. Martin Wehrle weiß: "Die vermeintliche Schwäche von Frauen - das Einfühlungsvermögen - ist auch ihre große Stärke." Denn: "Männer argumentieren oft zu sehr aus der eigenen Sicht. Frauen können sich besser in ihren Chef versetzen. Also wissen sie auch, welche Ziele er verfolgt und wie sie ihn durch ihre Leistung dabei unterstützen." Argumente, die die Ambitionen des Chefs betonen, funktionieren am besten. Er will zum Beispiel die Online-Geschäfte seines Unternehmens ausbauen? Signalisieren Sie Ihr Interesse, bei der Umgestaltung der firmeneigenen Website mitzuarbeiten. Dann erscheint die Gehaltserhöhung nicht so sehr als Ausgabe, sondern als Investition.

Erfolg lässt sich lernen Am besten fassen Sie drei Gehaltsziele ins Auge: ein Maximalziel, mit dem Sie die Verhandlung eröffnen, ein Minimalziel, unter das Sie sich nicht drücken lassen. Und schließlich ein Alternativziel, zum Beispiel eine Prämie, einen Dienstwagen, Weiterbildungskosten oder einen Zuschuss zur Kinderbetreuung. Eine erfolgsabhängige Vergütung ist durchaus erstrebenswert, findet Cornelia Topf: "Frauen nehmen lieber das Fixgehalt. Männer wählen dagegen häufiger die variable Vergütung und fahren besser dabei."

Auch wenn's zunächst schwer fällt - eine gewisse Hartnäckigkeit bei der Gesprächsführung muss sein, rät Martin Wehrle. Deshalb keine Konjunktive verwenden wie: "Ich würde mich freuen, wenn ich eine Gehaltserhöhung bekäme." Was höflich wirken soll, kommt oft als Unsicherheit an. Besser sind klare Aussagen, die nicht im hohen Ton einer Frage enden dürfen. Dabei auch auf die Stimme achten, also nicht flüstern, sondern möglichst tief und betont sprechen. Und den Körper nicht vergessen: Eine offene Gestik symbolisiert Selbstbewusstsein. Wer dagegen pausenlos mit einer Haarsträhne spielt und den Blickkontakt häufig unterbricht, signalisiert persönliche Schwäche und wird umso schneller abgewiesen.

Helfen Sie sich - und anderen Nicht in die "Sozialfalle" tappen, sondern immer bedenken: Durch ein hohes Gehalt schaden Sie niemandem. Die Firma geht nicht gleich pleite - im Gegenteil, es kostet das Unternehmen viel mehr, eine neue Mitarbeiterin einzustellen und einzuarbeiten, wenn Sie aus lauter Frust über das Gehalt die Kündigung schreiben. Außerdem heben Sie das Gehaltsniveau für alle an und erleichtern anderen Frauen somit denselben Sprung.

Buchtipps

Cornelia Topf: "Gehaltsverhandlungen für freche Frauen" (Verlag Redline Wirtschaft, 17,90 Euro), www.metatalk-training.de

Martin Wehrle: "Geheime Tricks für mehr Gehalt" (Econ-Verlag, 20 Euro), www.gehaltscoach.de

Hesse/Schrader: "Garantiert mehr Gehalt. Erfolgreich verhandeln - mehr verdienen" (Eichborn, 14,90 Euro), www.hesseschrader.de

BRIGITTE Heft 4/2007

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