Im Club der Männer

Sie kämpfen sich durch - die wenigen Frauen in Aufsichtsräten und Vorständen großer Unternehmen. Wie fühlen sie sich? Was erleben sie? Wer Internes preisgibt, riskiert den Job. Trotzdem sprachen einige Spitzenfrauen mit BRIGITTE-Mitarbeiterin Gaby Mayr

Die Unerschrockene

Rechtsanwältin Karin Schubert ist eine energische Mittsechzigerin. Sie war Ministerin in Sachsen-Anhalt und Senatorin in Berlin, seit drei Jahren sitzt sie im Aufsichtsrat eines großen Energiekonzerns.

"Richtig geschockt" sei sie schon vor der ersten Sitzung gewesen, erzählt Karin Schubert, als sie zur Vorbereitung ein dürres Papier erhielt. Sie solle einfach zustimmen, wurde ihr bedeutet. Die frühere Richterin für Wirtschaftsdelikte forderte detaillierte Unterlagen an, stattdessen bekam sie Besuch in ihrer Kanzlei am Ku'damm: "Da standen die Herren des Vorstandes vollzählig vor der Tür und wollten mir alles erklären. Mündlich." Der Anwältin reichte das allerdings nicht. Schließlich erhielt sie die gewünschten Unterlagen und entdeckte darin prompt allerlei Ungereimtheiten.

Bei den Sitzungen des Aufsichtsrates, das lernte Karin Schubert rasch, sind Fragen nicht üblich. Oft herrscht stilles Einvernehmen zwischen Kontrolleuren und Kontrollierten, die Herren kennen sich, auch aus anderen Aufsichtsräten. Oder sie haben in den Firmen wie beim Bäumchen-wechsle-dich ihre Stellen getauscht. Aufsichtsratsvorsitzende sind häufig ehemalige Vorstandsmitglieder des Unternehmens, das sie am Ende ihrer Karriere kontrollieren sollen. Man macht sich nicht gegenseitig das Leben schwer.

Wenn es etwas zu besprechen gibt, nutzen die Herren gern die Entspannungsphase nach dem Squash oder die Zeit bei einer gepflegten Partie Golf. "Ich spiele zwar auch Golf, aber mir hat noch kein Kollege angeboten mitzuspielen", erzählt Karin Schubert. Bei Arbeitsessen, die der Vorbereitung dienen sollen, geht sie gern an den Tisch, an dem sich die entscheidenden Männer zwanglos zusammengefunden haben - "dann erstirbt das Gespräch". Karin Schubert muss lachen, als sie sich an die Szenen erinnert. "Erst mal ist Sendepause, und dann suchen sie angestrengt nach einem Thema, denn man ist schließlich höflich."

Karin Schubert sitzt für das Land Berlin auf der Anteilseignerbank, die Rolle der unbequemen Fragestellerin teilt sie sich mit einer Aufsichtsrätin von der Arbeitnehmerseite. "Die Männer werden vorher eingebunden", beobachtet die Anwältin. Wie das funktioniert, beschreibt ein Gewerkschafter, der mit den Gepflogenheiten vertraut ist, weil er lange Zeit Aufsichtsratsmitglieder geschult hat: "Großzügige Freistellungen von der Arbeit, große Firmenwagen und opulente Vergütungen" gehören zu den Gaben, mit denen die Firmenleitung den in der Regel männlichen Arbeitnehmervertretern die kritiklose Zustimmung zu ihrer Geschäftspolitik schmackhaft mache.

Weil Karin Schubert will, dass die Aufsichtsräte endlich ihre gesetzlich vorgeschriebene Kontrollaufgabe erfüllen, engagiert sie sich bei der Initiative "Mehr Frauen in die Aufsichtsräte" (FidAR).

Männer unter sich

Birgit Steinborn sitzt als Betriebsrätin im obersten Gremium von Siemens. Männer, so ihre Erfahrung, diskutieren gern abstrakt - und verlieren dadurch oft die Menschen aus dem Blick

Klaus-Joachim Gebauer erzählt vom System VW. Er hat im Auftrag des Arbeitsdirektors Peter Hartz ab Mitte der 90er Jahre für führende Betriebsräte Gefälligkeiten organisiert. Einige der Gewerkschafter saßen auch im Aufsichtsrat des Unternehmens. Wegen Untreue wurde Gebauer 2008 zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt, seine Betriebsrente hat er verloren.

Die Wohltaten, die für Wohlverhalten sorgten, bestanden vorzugsweise aus sexuellen Dienstleistungen: gemeinsame Rotlichtsausen, "Lustreisen" um den halben Globus und für den Weltbetriebsratsvorsitzenden Klaus Volkert eine Geliebte in Brasilien. Die Reiseprogramme gab es immer in drei verschiedenen Ausführungen, erzählt Gebauer: "Eins fürs Sekretariat, ein tatsächliches - und eins für die Ehefrauen."

Seine Aufgabe: "Es sollte eine Rundum-sorglos-Atmosphäre entstehen." Auch bei Beschwerden musste Gebauer aktiv werden: "Für den Fall, dass ein Mädchen nicht so funktionierte, haben sie mich auch nachts angerufen und gesagt, die taugt ja überhaupt nichts, und dann musste eine andere ran, Nachschub." Am nächsten Morgen war die Qualität der Sex-Arbeiterinnen das Gesprächsthema am Frühstückstisch.

In der Kanzlei seines Rechtsanwalts Wolfgang Kubicki in Kiel erzählt Gebauer, dass jüngere Betriebsräte das widerspruchslose Abnicken aller Vorgaben der VW-Führung schon mal infrage stellten. Die Führung erkaufte ihr Schweigen, indem sie Kritiker zu Mitwissern machte: "Volkert hat gesagt, die nehmen wir mit rein ins Programm, die sollen auch was erleben." Nur ein Einziger sei nie dabei gewesen. Frauen haben die dubiosen Zusammenkünfte nicht gestört. "In den unteren Rängen gab's auch Betriebsrätinnen, aber die Spitzen waren alles Männer", erinnert sich Gebauer.

Prostitution als Schmiermittel für Spitzenmänner in der Wirtschaft war in diesem Ausmaß eine VW-Spezialität. Aber ein wenig Rotlicht beleuchtet auch anderswo die Geschäfte - wenn auch nicht so häufig wie vor 40 Jahren. Der mit guten Kontakten in Wirtschaftskreise ausgestattete FDP-Politiker Wolfgang Kubicki erzählt, "dass die Vorstandsvorsitzende eines großen Unternehmens ihren Marketingleiter rausgeschmissen hat, weil der noch nach der VW-Affäre Mitarbeiter seines Unternehmens zu entsprechenden Besuchen eingeladen hat und das abrechnen wollte".

Die Veteranin

Vertrieb sei nichts für Frauen, bekam Birgit Steinborn von ihren Kollegen zu hören, als sie bei Siemens als Kauffrau begann. Denn zu Verkaufsverhandlungen gehöre der Besuch bestimmter Etablissements.

Das war vor 25 Jahren. Kurz nach ihrem 30. Geburtstag saß die frischgebackene Betriebsrätin als einzige Frau im Personalausschuss und musste sich von älteren Kollegen und Führungskräften des Konzerns anzügliche Herrenwitze anhören.

Seitdem hat die Gewerkschafterin, die inzwischen auf der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat Platz genommen hat, einen "Kulturwandel" im Unternehmen festgestellt. In Ansätzen jedenfalls. Anzüglichkeiten erlebt sie nicht mehr. Sie weiß aber, dass der korrekte Umgang auch mit ihrem Aufstieg zu tun hat. Sie sitzt jetzt oben - und Männer achten sehr auf Hierarchien.

Vor zwei Jahren berief Siemens-Chef Peter Löscher mit Barbara Kux erstmals in der 160-jährigen Firmengeschichte eine Frau in den Vorstand. "Herr Löscher ist sehr von seinen Erfahrungen in den USA geprägt, er hat keine Angst vor Frauen in Führungspositionen", sagt Betriebsrätin Birgit Steinborn. Im Siemens-Aufsichtsrat sind sie mittlerweile zu viert - neben zwei weiteren Frauen von der Arbeitnehmerseite wurde Nicola Leibinger-Kammüller als erste Frau auf Seiten der Anteilseigner berufen. Männer, so Birgit Steinborns Erfahrung, diskutierten gern abstrakt und würden dadurch die Folgen ihrer Entscheidungen für die Menschen oft aus dem Blick verlieren. "Die Arbeit im Aufsichtsrat findet auf 10000 Meter Flughöhe statt", kritisiert die Gewerkschafterin.

Die Top-Managerin

"Mit Leidenschaft" macht Birgit Schäfer ihre Arbeit. Sie ist Vorstandsmitglied - und sie will es bleiben. Deshalb möchte sie auf keinen Fall mit ihrem richtigen Namen zitiert oder erkannt werden. Schäfer überlegt jede Antwort sorgfältig, formuliert vorsichtig, einige Fragen lässt sie lieber unbeantwortet.

Birgit Schäfer sitzt als einzige Vorstandsfrau zwischen zwei Männergenerationen. Die älteren Herren sind verunsichert, wie sie sich gegenüber der Kollegin verhalten sollen. Sie verstehen es, einer Dame gentlemanlike die Tür aufzuhalten, aber mit einer Frau milliardenschwere Entscheidungen abzustimmen fällt ihnen schwer. Die Jüngeren kennen Frauen zwar schon aus Zeiten des Studiums, aber eine Konkurrentin, die niemals in der Herrentoilette neben ihnen stehen wird, beunruhigt sie. Mitunter führe das zum Verlust jeder Beißhemmung, sagt Birgit Schäfer.

Dennoch habe sie Spaß an der Aufgabe, sagt sie. Sie genieße es, eigene Ideen zu verwirklichen. Macht um der Macht willen oder als Statussymbol interessiere sie nicht. "Ich ziehe keine Motivation aus der Tatsache, dass alle rechts rum gehen, weil ich ,rechts rum' sage." Das unterscheidet sie von vielen Männern in den Führungsetagen, und auch aus diesem Grund wünscht sich Birgit Schäfer mehr Frauen in Spitzenjobs.

Der Vorstandsvorsitzende presst die wöchentlichen Spitzentreffen in ein Korsett starrer Reglementierungen: "Das hat einen sehr, sehr formalen Charakter, und ich wundere mich immer noch, wie strikt der Zeitrahmen eingehalten wird. Man ist sehr getrieben." Kein persönliches Wort, auch nicht nach der Sitzung, keine Frage nach den Kindern, kein Satz über den Urlaub. Auch das kann eine Strategie sein. Denn wer sich strikt unpersönlich gibt, kann eigene Schwächen überdecken und Macht sichern. Ob formale Strenge allerdings hilfreich fürs Krisenmanagement wie nach dem internationalen Finanzcrash ist, erscheint fraglich.

Birgit Schäfer hat einmal in den USA an einem Treffen der "Women on Wall Street" teilgenommen. 5000 Business-Frauen waren versammelt, zu Erfahrungsaustausch und gegenseitiger mentaler Stärkung. Beeindruckt hat die deutsche Vorstandsfrau, wie erfahrene US-Kolleginnen allesamt "den Partner, der sie unterstützt" als ihr Erfolgsrezept nannten.

Die Pionierin

Mehr als 5000 Beschäftigte hat die Berliner Stadtreinigung. Sie sorgen dafür, dass die Hauptstadt nicht in Hundekot versinkt und nach Mega-Partys schon bald alles wieder blitzt. Ihre Vorstandsvorsitzende ist Vera Gäde-Butzlaff. Sie stamme aus "kleinen Verhältnissen", erzählt die 55-Jährige, aber schon als Jugendliche war für sie klar: "Bevor ich Zahnarzthelferin werde, werde ich Zahnärztin." Sie studierte dann aber doch lieber Jura, wurde Verwaltungsrichterin.

Vera Gäde-Butzlaff versucht, familienfeindliche Arbeitszeiten abzubauen. Dauerpräsenz am Arbeitsplatz - ein beliebter Zeitvertreib unter Männern - ist für sie keine Karrierevoraussetzung: "Wenn man's mal nüchtern betrachtet, sind viele Allzeit-bereit-Termine gar nicht nötig." Wenn sie Spitzenposten zu vergeben hat, setzt Gäde-Butzlaff Headhunter ein. Das ist üblich, Führungskräfte werden nicht per Stellenanzeige gesucht, sondern von "Kopfjägern" bei der Konkurrenz abgeworben. Anfangs wunderte sich die Stadtreinigungschefin allerdings darüber, dass ihr nur Männer angeboten wurden, bis sie begriff: Die Headhunter sind sehr häufig Männer, und "die sprechen nur die an, die sie schon immer in ihren Karteien haben". Männer eben. Vera Gäde-Butzlaff machte klar, dass ihr Betrieb Wert auf die Bewerbung von Frauen legt. Nun sind ein Drittel der Führungskräfte weiblich - sogar drei der neun Betriebshöfe, von denen aus morgens die Müllwagen und Reinigungstrupps starten, werden jetzt von Frauen geleitet.

Die Zukunft

"Unternehmen mit drei oder mehr Frauen in leitenden Management-Funktionen erzielen im Durchschnitt bessere Ergebnisse als Firmen ohne Frauen an der Spitze", stellte das Wirtschaftsprüfungsunternehmen McKinsey schon 2007 in seiner Studie "Women matter" fest. Als erstes deutsches Unternehmen scheint die Telekom die Zeichen der Zeit erkannt zu haben: Bis 2015 will sie 30 Prozent ihrer Führungsposten mit Frauen besetzen. Nachahmer sind nicht in Sicht. Unruhe ist allerdings spürbar. Mitglieder des Deutschen Juristinnenbundes bringen derzeit auf Hauptversammlungen die Vorstände ins Schwitzen: Sie fragen gezielt nach Aufstiegschancen für Frauen in Spitzenjobs. Bis Mitte Juni sind insgesamt über 70 Auftritte geplant.

Macht - immer noch männlich

Der Vorstand führt das Unternehmen, der Aufsichtsrat kontrolliert den Vorstand: So steht es im Gesetz. Im Aufsichtsrat sitzen je zur Hälfte Vertretungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer - Frauen haben in beiden Gremien Seltenheitswert. In Aufsichtsräten stellen sie nur knapp zehn Prozent, und dies auch nur dank der Mitbestimmung und Quotenregelung in den Gewerkschaften. In den Vorständen sind gerade mal 4 von 441 Spitzenposten der 100 umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands mit Frauen besetzt. Weil Männer ihre Macht nicht freiwillig teilen, setzen immer mehr Länder auf eine Quote. Während in Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Österreich entsprechende Gesetze in Arbeit sind, will die Bundesregierung in Deutschland davon nichts wissen. Norwegen verfügte als erstes Land 2006 unter großem Protest aus dem Unternehmerlager per Gesetz, dass mindestens 40 Prozent der Plätze in Aufsichtsräten von Frauen besetzt werden müssen. Das Gezeter ist verstummt, die Wirtschaft läuft.

Ein Artikel aus BRIGITTE 11/10
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