"Bessere Chancen durch Initiativbewerbungen"

Ihr wollt euch für ein Praktikum in England oder einen Job in den USA bewerben? Wir haben den Experten und Autor des Buches "Bewerben auf English" Jackie Pocklington im Interview gefragt, worauf es bei einer englischsprachigen Bewerbung ankommt

Ihr wollt euer Englisch ein bisschen trainieren? >> Hier habt ihr die Möglichkeit, das Interview mit Prof. Dr. Jackie Pocklington in englischer Fassung zu lesen.

Initiativbewerbungen

BYM.de: Sind Initiativbewerbungen in Großbritannien und in den USA üblich?

Prof. Dr. Jackie Pocklington: Aber natürlich. Es gibt nichts Schlimmeres, als darauf zu warten, dass eine freie Stelle bekannt wird, denn dann begibt man sich in einen harten Konkurrenzkampf. Bis zu 70 Prozent der Stellen auf dem Markt werden intern, durch Kontakte oder durch Initiativbewerbungen besetzt, bevor die restlichen 30 Prozent durch Annoncen öffentlich bekannt gemacht werden. Ist eine Stelle einmal öffentlich ausgeschrieben, konkurriert man mit einer Vielzahl von Mitbewerbern. Weitaus bessere Chancen auf eine Stelle ergeben sich, wenn man sich durch "Networking" oder eine Initiativbewerbung frühzeitig ins Rennen begibt. (Siehe Bewerben auf Englisch, Kap. 5 über Networking.)

Arbeitgeber

BYM.de: Auf welche Punkte achten englischsprachige Arbeitgeber bei einer Bewerbung besonders?

Prof. Dr. Jackie Pocklington:

- Zu allererst: Erfüllt ein/e Bewerber/in alle Voraussetzungen für die angebotene Stelle?

- Besitzt er/sie allgemeine professionelle Qualifikationen, wie Führungspotential, Verantwortungsbereitschaft, Ausdrucksfähigkeit, Gewandtheit im Umgang mit Computer und Internet?

- Stellt sich ein/e Bewerber/in professionell so dar, wie er/sie es in den Bewerbungsdokumenten angegeben hat?

- Ist er/sie für Teamarbeit geeignet und taktvoll im Umgang mit Menschen?

- Ist er/sie eine abgerundete Persönlichkeit mit vielseitigen Interessen?

Unterschiede

BYM.de: Was sind die größten Unterschiede zwischen einer deutschsprachigen und einer englischsprachigen Bewerbung?

Prof. Dr. Jackie Pocklington: Die Hauptunterschiede zwischen traditionellen deutschen und englischen Bewerbungen bestehen in der Funktion des Begleitschreibens (cover letter [US] / covering letter [UK]) und des Lebenslaufs (resume [US] / CV [UK]). Da sich der Stil deutscher Bewerbungen dem der amerikanischen Bewerbungen angleicht, verschwinden heute diese Unterschiede mehr und mehr.Der traditionelle deutsche Lebenslauf hatte ein weitgehend einheitliches, für alle Bewerbungen gleiches Format. Dem Anschreiben fiel die Aufgabe zu, auf die spezifischen Anforderungen der jeweiligen Stelle einzugehen. In englischen Bewerbungen ist es dagegen der Lebenslauf, der auf die einzelnen Anforderungen der Stelle zugeschnitten wird. Funktion des englischen Anschreibens ist nicht etwa, alle geforderten Qualifikationen ein weiteres Mal aufzulisten, sondern zwei oder drei der wichtigsten hieraus hervorzuheben, um für den beigefügten Lebenslauf Interesse zu wecken.

Auf der nächsten Seite: So vermeidet man Fehler beim Lebenslauf

Lebenslauf

BYM.de: Was unterscheidet das resume / CV vom deutschen Lebenslauf?

Prof. Dr. Jackie Pocklington: Was den Aufbau betrifft, so finden wir im resume oder CV im oberen Teil der ersten Seite Abschnitte, die in einem traditionellen deutschen Lebenslauf ungewöhnlich sind: "Objective" [Bewerbungsziel], eine Zeile, in der die angestrebte Stelle genannt wird, und einen Absatz "Summary" [Zusammenfassung], in dem die wichtigen Qualifikationen in Stichpunkten deutlich sichtbar aufgelistet sind.

In einem resume / CV ist in der Regel der Text so angeordnet, dass entscheidende Informationen sofort ins Auge springen. So sind etwa die Abschnitte "Arbeitserfahrung" und "Ausbildung" umgekehrt chronologisch angeordnet, d.h. man beginnt mit der Gegenwart und geht Schritt für Schritt in die Vergangenheit zurück. Dies geschieht aus gutem Grund: Gewöhnlich haben wir die für die Stelle entscheidenden Qualifikationen nicht in ferner, sondern in unmittelbarer Vergangenheit erworben.

Darüber hinaus beginnen wir in der Regel eine Zeile mit der wichtigsten Information, etwa mit der Position, die man in einer Firma inne hat, mit dem Namen der Firma oder mit der Ausbildungsstätte, denn das sind die Angaben, die den Leser zuerst interessieren. Die vielleicht weniger wichtigen Zeitangaben können am rechten Rand erscheinen. Auch werden Hinweiszeichen ("-", "*", "+", "?") eingesetzt, um Aufgabenbereiche und Leistungen in ihrer beruflichen Tätigkeit hervorzuheben.

Als Überschrift des Lebenslaufs erscheint der Name (Font-Größe 16-18), ans Ende des Dokuments werden weder Datum, noch Unterschrift gesetzt. Amerikanische Firmen ziehen es vor, wenn internationale Bewerbungen ohne Foto und Angaben zu Alter oder Familienstand eingereicht werden, um einer potenziellen Klage wegen Diskriminierung aus Gründen der Rasse, des Geschlecht oder des Lebensalters vorzubeugen.

Anschreiben

BYM.de: Welche Punkte müssen auf jeden Fall in das Anschreiben?

Prof. Dr. Jackie Pocklington:

- Die Stelle, auf die man sich bewirbt muss genannt werden

- Die Quelle, aus der die Information über die freie Stelle stammt (eine Anzeige oder eine Kontaktperson), eine Erklärung, dass man sich für die Stelle und für die Firma interessiert (über die man sich gut informieren muss)

- Eine Kurzbeschreibung der entscheidenden Qualifikationen

- Eine Bitte um einen Termin, um mit der Firma persönlich oder telefonisch in Kontakt zu treten

Auf der nächsten Seite: So vermeidet ihr grobe Fehler bei der Bewerbung

Fehler

BYM.de: Welche Fehler werden am häufigsten gemacht?

Prof. Dr. Jackie Pocklington:

- Der/Die Bewerber/in übersieht die Möglichkeiten des "Networking" und der Initiativbewerbung. Dies zählt zu den schlimmsten Fehlern.

- Man übersetzt einfach eine deutsche Bewerbung ins Englische. Viele Formulierungen stimmen dann nicht mehr ganz. Darüber hinaus weisen, wie wir gesehen haben, englische und deutsche Bewerbungsdokumente Unterschiede auf.

- Man versäumt es, den Lebenslauf individuell auf die Anforderungen der jeweiligen Stelle zuzuschneiden und ihn so zu gestalten, dass der Leser mühelos die stellenrelevanten Qualifikationen entdecken kann.

- Man versäumt es, sich gut vorzubereiten. Dazu gehören Erkundungen über sich selbst (über eigene Interessen, Ziele, Qualifikationen und "soft skills"), Erkundungen über den Markt, die Firma und die betreffende Stelle, auf die man in den Bewerbungsdokumenten und im Interview eingehen muss. Auch Antworten auf typische Interviewfragen müssen vorbereitet werden. - Man fügt der Bewerbung Dokumente, Bescheinigungen, Zeugnisse und Empfehlungsschreiben bei, die zu diesem Zeitpunkt nicht relevant sind. Diese werden nur auf Verlangen zugesandt, aber zum Vorstellungsgespräch natürlich mitgenommen.

- Man versäumt es, die Bewerbungsdokumente von einer Person mit guten Englischkenntnissen prüfen zu lassen.

Chancen

BYM.de: Haben deutsche Bewerber, deren Bewerbung sprachliche und inhaltliche Fehler aufweist, trotzdem eine Chance?

Prof. Dr. Jackie Pocklington: Natürlich wird eine englische Bewerbung, die von einem deutschen Muttersprachler gestaltet wurde, nicht perfekt sein. Perfektion erwartet in diesem Fall der Leser auch nicht. Dennoch sollten Sie sich alle Mühe geben, gut formulierte und gestaltete Bewerbungen einzusenden. Eine professionelle Bewerbung in gutem Englisch von einem Nicht-Muttersprachler wird Aufmerksamkeit, ja vielleicht Erstaunen erregen, und kann durchaus Ihre Chancen verbessern. Zur Gestaltung einer solchen Bewerbung brauchen Sie Hilfe. Wir raten in unserem Buch "Bewerben auf Englisch" (siehe Buchtipp), einen Muttersprachler oder zumindest einen Freund mit sehr guten Englischkenntnissen zu bitten, Korrektur zu lesen. Auf das Interview kann man sich gut vorbereiten, da viele Fragen voraussehbar sind. Dies gibt die Möglichkeit, den Ausdruck zu verbessern, um Qualifikationen eindrucksvoll darzulegen und Vertrauen zu gewinnen.

Wie stehen also die Chancen? Natürlich haben Sie als Deutsche gute Chancen zu einem Interview geladen zu werden oder gar die angestrebte Stelle angeboten zu bekommen.

Viel Glück beim Bewerben.

Der Autor

Prof. Dr. Jackie PocklingtonProf. Dr. Jackie Pocklington lehrt seit 1988 an verschiedenen deutschen Universitäten und unterrichtet Wirtschaftsenglisch und technisches Englisch an der TFH Berlin. Der Anglist hat sich auf die Gebiete Bewerbungstechniken und Präsentationstraining spezialisiert (Bild: www.cornelsen.de)

Buchtipp

Bewerben auf Englisch:

Leitfaden mit Tipps und Mustern für den erfolgreichen Eintritt in den internationalen Arbeitsmarkt (with CD-ROM). Jackie Pocklington, Patrik Schulz, Erich Zettl. Cornelsen Verlag Scriptor, Berlin, 2007.

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