Darf man im Büro weinen?

Alle schreien nach Soft Skills. Aber darf man deswegen auch im Büro weinen?

Meine Vorbereitung war perfekt. Ordentlich angezogen, mit besten Argumenten bewaffnet und mit einem undurchdringlichen Pokerface ausgestattet ging ich in ein Gespräch, das mir wichtig war und das ich überfällig fand: Ich wollte eine Gehaltserhöhung. Und ich hatte auch eine verdient. Als ich die Summe aussprach, die mir vorschwebte, sah ich mein Gegenüber die Augenbrauen heben. Dann auflachen. Und während mir von der anderen Seite des Schreibtisches lauter Gegenargumente entgegengehalten wurden ("Du bist doch noch jung. Vielleicht in ein paar Jahren. Wir müssen ans Gehaltsgefüge denken"), merkte ich, wie mir das Pokerface verrutschte. Wie sich meine Wut und meine Enttäuschung zu einem massivem Kloß in meinem Hals formierten, wie mir die Nase zu kribbeln und die Augen zu brennen begannen und schließlich Tränen liefen. Ich hatte nicht nur keine Gehaltserhöhung bekommen, ich hatte auch gleich noch meine Würde verloren. Die Chefin schaute betroffen, ich dankte schniefend für das "konstruktive Gespräch", rannte aufs Klo, verbrachte dort die Mittagspause und fragte nie wieder nach mehr Geld.

Schön blöd von mir. Denn was war denn schon groß passiert? Ich hatte mir hinter die Fassade gucken lassen und eine menschliche Reaktion gezeigt. Eigentlich kein Grund, sich zu schämen. Fußballer dürfen doch auch hemmungslos weinen, wenn in der Nachspielzeit doch noch der Traum vom Finale platzt. Schauspieler dürfen es sogar vor Ergriffenheit tun, wenn man ihnen einen Preis verleiht. Warum also fühlen sich Tränen im Büro, vor Kollegen, vor dem Chef an wie der absolute Super-GAU? Ungefähr so, als wäre der schlimmste Albtraum wahr geworden: ins Büro zu gehen und festzustellen, dass man vergessen hat, sich anzuziehen. Wer weint, macht sich nackt. Wer heult, kapituliert. Wer sich nicht im Griff hat, der wird auch nicht ernst genommen. Und ganz offenbar ist das in der Arbeitswelt vor allem ein Frauenproblem.

Jungen und Mädchen weinen noch gleich viel

Bis zum Alter von zwölf Jahren weinen Mädchen und Jungs in etwa gleich oft und gleich viel, doch ab der Pubertät laufen bei Frauen dreimal so häufig die Tränen wie bei Männern. In einer Umfrage der amerikanischen Buch-Autorin Anne Kraemer ("It’s Always Personal: Navigating Emotion in the New Workplace") gaben 41 Prozent der Frauen an, schon mal im Job geweint zu haben, bei den Männern waren es nur neun Prozent. Interessanterweise fühlten sich alle Frauen danach noch schlechter, während die Männer eher so etwas wie Erleichterung verspürten.

Warum Frauen so viel häufiger weinen als Männer, ist wissenschaftlich umstritten. Einen körperlichen Grund scheint es nicht zu geben. Viel wahrscheinlicher ist, dass Männer und Frauen früh lernen, negative Emotionen unterschiedlich auszudrücken. Jungs sollen nicht weinen, gesellschaftlich ist es für sie viel akzeptierter, Wut durch aggressives, lautes Verhalten zu äußern. Bei kleinen Mädchen ist es umgekehrt - Weinen ist okay, Hauen und Schreien eher nicht. Leider ist es mit der Akzeptanz weiblicher Gefühlsregungen vorbei, sobald wir die Arbeitswelt betreten. Ein männlicher Chef, der mit der Faust auf den Tisch haut, cholerisch wird und mit Aktenordnern schmeißt, ist zwar nicht besonders beliebt, wird aber dennoch häufig genug als Führungskraft akzeptiert. Eine Chefin, die aus den gleichen Gründen vor ihren Angestellten weint, wird belächelt und nicht mehr für voll genommen. Falls sie es überhaupt je bis zur Chefin bringt.

Alle sind ein bisschen betroffen und hilflos

Schon klar: Niemand möchte mit Robotern zusammenarbeiten, die sich nie hinter die Fassade schauen und sich von nichts berühren oder erschüttern lassen. Wir leben ja nicht umsonst in einem Berufskosmos, in dem "Soft Skills" und "Authentizität" wichtiger sind denn je. Und trotzdem erstirbt sofort jedes Gespräch und endet jede Diskussion, wenn jemand am Arbeitsplatz weint. Alle sind ein bisschen betroffen und hilflos und fragen sich, was denn nun zu tun ist: die Kollegin trösten, in den Arm nehmen - oder ignorieren?

Tränen beeinflussen das Miteinander, man kann sie nur schwer ignorieren, die Natur hat das aus gutem Grund so eingerichtet. Wer weint, hisst die weiße Fahne und kapituliert. Und wer kapituliert, den greift man auch nicht weiter an. Das macht die Zusammenarbeit mit Kollegen, die nah am Wasser gebaut sind, so schwierig: Darf man noch weiter konstruktiv kritisieren und diskutieren, wenn das dem Gegenüber sofort die Augen feucht werden lässt? Muss man als Vorgesetzte immer darauf Rücksicht nehmen, dass jemand Kritik an der Sache grundsätzlich als Kritik an seiner Person missversteht?

Dass uns Tränen so verunsichern, ist auch ein Grund dafür, dass wir ihnen finstere Motive unterstellen. Es wird ja gern behauptet, Frauen nutzten Tränen ganz bewusst zur Manipulation. Um Männer, respektive Chefs, weichzukochen, um Mitgefühl zu erheischen. "Heult Hillary sich zurück ins Weiße Haus?", fragte beispielsweise die renommierte "New York Times", nachdem Hillary Clinton bei einem Wahlkampf-Auftritt die Tränen gekommen waren. Reine Strategie sei das gewesen, unterstellte man ihr. Ein Trick, um menschlicher zu erscheinen, Sympathiepunkte zu sammeln. Als einige Monate später Obama und sein Stab vor einem Bildschirm der Erschießung Osama Bin Ladens beiwohnten meinten Reporter auf dem Foto dieser Szene Tränen in Clintons Augen gesehen zu haben. Die ließ sofort dementieren: Sie habe nur mit einer Allergie zu kämpfen gehabt. Gott bewahre, irgendwer könnte glauben, die damalige Außenministerin des mächtigsten Landes der Welt könnte angesichts einer Erschießung von Gefühlen übermannt werden!

Tränen sind kein Zeichen der Schwäche

Schade eigentlich, denn ist es nicht genau das, was wir uns alle von weiblichen Führungskräften erhoffen? Dass sie in der Sache genauso kompetent und unnachgiebig sind wie Männer, aber deshalb trotzdem nicht zu kaltschnäuzigen Machtmaschinen werden? Was für eine Sensation wäre es, wenn Angela Merkel im Koalitionskrach mal die Tränen kämen, und kein Pressesprecher müsste das eilig dementieren!

Bis es so weit ist, könnten wir ja alle schon mal im Kleinen damit anfangen, Tränen nicht als ein Zeichen von Schwäche zu sehen und unsere nah am Wasser gebauten Kolleginnen (und Kollegen) von ihrem "Heulsusen"-Stigma zu befreien. Menschen reagieren nun mal unterschiedlich auf Frust, Wut oder Enttäuschung. Manche schwitzen, manche schwitzen, manche verstummen, manche werden laut, manchen kommen die Tränen. Nichts, was man kultivieren muss, aber auch nichts, wofür man sich schämen sollte.

Und wenn dann noch jede von uns verinnerlicht, dass Kritik und Widerspruch im Job in aller Regel kein Angriff auf uns als Person sind, es also meist keinen Grund gibt, in Tränen auszubrechen, dann könnte man sich auf diese simple Formel einigen: Wer im Job weint, braucht kein Mitleid, sondern ein Taschentuch und eine Minute, um sich wieder zu sammeln. Um dann ruhig und auf Augenhöhe weiterzudiskutieren.

Wenn ich heute an mein verheultes, beschämtes Ich auf der Büro-Toilette denke, dann wünschte ich mir, die Sache wäre folgendermaßen abgelaufen: Meine Chefin hätte mir ein Taschentuch gereicht, ich hätte tief durchgeatmet und ihr dann erklärt, dass ihre amüsierte Reaktion auf meinen Wunsch nach einer Gehaltserhöhung mindestens so unangebracht sei wie meine Tränen. Dass ich in ein paar Monaten wieder bei ihr auf der Matte stehen würde, wieder ausgestattet mit guten Argumenten, diesmal aber mit eigenen Taschentüchern und wasserfester Mascara. Dass ich eine Gehaltserhöhung verdient hätte. Und dass sie - sollte sie mir eine gewähren - sehen könnte, wie wunderbar ich auch vor Freude weinen könne. Das passiert mir nämlich auch ziemlich oft.

Text : Alena Schröder
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