Job im Ausland: Welches Land passt zu mir?

Das Wetter ist ein Grund auszuwandern. Aber ein noch besseres Argument ist, dass die eigenen Fähigkeiten im Ausland vielleicht mehr geschätzt werden als hier.

Flache Hierarchien in Norwegen, Zurückhaltung in Japan, Spontaneität in Barcelona: Wer wissen will, ob ein Land zu den eigenen Vorlieben passt, sollte sich mehr Informationen beschaffen als Postkartenfotos und Vorurteile.

Verkaufsverhandlungen bei Boccarones und Rotwein. Den Konzernchef vom ersten Tag mit Vornamen anreden. Ein geplatztes Projekt im nächsten Frühling noch einmal in Ruhe von vorne beginnen. Wer eine Zeit lang in Spanien, Schweden oder Singapur arbeitet, merkt schnell, dass sich die Art zu arbeiten in anderen Ländern so stark vom deutschen Büroalltag unterscheidet wie Schnitzel mit Kartoffeln von Maki-Sushi.

Arbeiten im Ausland ist ein Pluspunkt im Lebenslauf, das ist sowieso klar. Aber für viele Frauen ist der Job in der Ferne auch eine Art Befreiung: Endlich dürfen sie beruflich Eigenschaften zeigen, die sie hierzulande eher für wertlos gehalten oder sogar versteckt haben - und können genau damit punkten.

"Im Ausland muss man oft ganz andere Fähigkeiten beim Arbeiten abrufen", erklärt Katrin Hansen, Professorin für Betriebswirtschaftslehre der Fachhochschule Gelsenkirchen. Diese Mentalitäts-Unterschiede in verschiedenen Ländern lassen sich für die Karriereplanung nutzen: Frauen beispielsweise, die zum Querdenken neigen und so viele kreative Ideen ausspucken, dass es ihnen fast schon peinlich ist, kommen mit diesem Talent in Skandinavien weit - und lernen dort, stolz auf ihre Begabung zu sein. Denn dort gibt es, anders als hier, sehr flache Hierarchien, so dass jeder viel einfacher mitsprechen kann als in Deutschland.

Oft passt auch der Umgang mit Zeit in anderen Ländern besser zur eigenen Mentalität. In Japan zum Beispiel gibt es Sommer- und Winterprojekte. Wenn im Laufe einer Jahreszeit die Arbeit nicht abgeschlossen ist, lässt man sie ruhen bis zum nächsten Jahr. Wer die Stapel auf dem Schreibtisch so meditativ angeht, kommt hierzulande nicht weit. In Japan dafür vielleicht schon.

Wer es mit Pünktlichkeit nicht so hat, könnte nach Spanien oder Südamerika passen. Was heute nicht hinhaut, macht man dort morgen - so kann man auch mit eher chaotischem Zeitmanagement erfolgreiche Ladenbesitzerin oder Geschäftsführerin werden. Und Improvisationstalente bringen ihr Geschick vielleicht erst in Indien richtig zur Geltung. Sicher: Man muss auch aushalten können, wenn es anderswo bei der Arbeit kaum Pläne gibt, wenn Mentalität und Werte ganz anders sind als hier.


Um das Land zu finden, das wirklich zu den eigenen Fähigkeiten passt, sollte man sich im Vorfeld gut informieren, nach welchen Regeln wo gespielt wird. Und sich in einer stillen Stunde die Frage stellen: Was ist typisch deutsch - und was davon brauche ich zum Glücklichsein? Fragt man hier lebende Ausländer, ergibt sich allerdings ein wenig schmeichelhaftes Bild: gutes Zeitmanagement, das haben wir. Dazu kommt ein Gerechtigkeitssinn, der oft in Rechthaberei mündet, gekrönt von Unerbittlichkeit und einem permanenten Leistungsdruck. Nur die USA übertrumpfen uns noch in ihrem knallharten Leistungsdenken, ist sich auch Professor Hansen sicher. Auch Termineschieben, Umplanen oder das Aufgeben einer miserablen Idee fällt den Deutschen unendlich schwer.

Da bleibt die Flexibilität oft auf der Strecke. Also tatsächlich auswandern? Wenn der Gedanke einen nicht loslässt, hilft nur eines: ausprobieren. Stimmt die Chemie zwischen den eigenen Fähigkeiten und der Arbeitseinstellung im Land, bleiben viele gleich ganz da. Aber auch Frauen, die nach ein paar Jahren zurückkommen, haben ihr Selbstbewusstsein meist mächtig gestählt. Nicht nur, weil sie dank des Status als Ausländerin verantwortungsvollere Aufgaben bekommen haben. Auch nicht, weil sie in ein paar Monaten zur Weltbürgerin geworden sind. Besonders gut tut den meisten der neue, gelassene Blick: Kommt nach der Rückkehr in Deutschland wieder der große Stress, beziehen sie auf einer imaginären Landkarte den Standpunkt aus Kanada, Kuba oder Kalabrien. Und wissen: Das hier ist nicht das Maß aller Dinge. Gute Arbeit geht auch anders.


"Eigentlich bin ich eine schüchterne Person"

Ann-Kathrin Lorek, 29, Architektin, seit zwei Jahren in Oslo, zurzeit Projektleiterin.

"16 000 Stadionsitze habe ich in die Pläne für eine Fußballarena eingezeichnet. Danach ging ich zu meinem Chef und sagte: Jetzt will ich mehr machen. Das war nach einem halben Jahr in Norwegen, und ich merkte einfach: Hier kommt es an, wenn man alles einbringt, was man kann, und gleichzeitig bescheiden bleibt. Hier will der Chef, der sich gar nicht ständig als Chef aufführt, dass man Verantwortung übernimmt und mitdenkt. In diesem Umfeld fühlte ich mich so wohl, dass ich sofort zeigen konnte, was ich kann. In Deutschland hätte ich das nie gewagt, da ich eigentlich eine schüchterne Person bin - aber extrem auftaue, wenn ich merke, dass man Interesse an meiner Meinung hat.

Diese eher ruhige Art passt gut hierher. Wir setzten uns also zusammen. Mein Chef bot mir an, die Projektleitung für das Fußballstadion mit ihm gemeinsam zu machen. Wenn ich meinen ehemaligen Studienkollegen erzähle, dass ich ein Fußballstadion plane, fragen sie mich immer, ob ich nicht total gestresst bin von dem Mammutprojekt. Nö. Hier geht man trotzdem um vier nach Hause. Die Arbeit wird auch so fertig. Der Trick ist: Wenn die Zeit sehr eng wird, konzentriert man sich aufs Wesentliche. Der Plan wirkt dann etwas unfertig, für die Realisierung ist das aber nebensächlich. Für mich als Perfektionistin eine Wohltat - ich lerne hier Gelassenheit."


"Ich fühlte: Hier finde ich leicht meinen Platz"

Dr. Brigitte Steger, 43, Japanologin. War immer wieder für Forschungsprojekte in Japan. Seit einem Jahr lehrt sie an der Universität Cambridge.

"Klar, die japanische Gesellschaft ist voller Hierarchien und Regeln, man spricht so miteinander, dass der andere nie mit Ja oder Nein antworten muss. Man versteht sich aber hervorragend zwischen den Zeilen. Viele Ausländer leiden an der indirekten Kommunikation. Für mich war das nie ein Problem. Auch ich finde es nicht notwendig, Menschen dauernd mit Wahrheiten, Wünschen oder beruflichen Ansinnen zu konfrontieren, es hat Vorteile, wenn manche Dinge vage bleiben, das erleichtert harmonische Beziehungen. Vor meinem Studium war ich nie im Land, aber ich hatte sofort das Gefühl: Hier finde ich leicht meinen Platz. Ich bin an alles mit einer distanzierten Neugier herangegangen.

Eine Haltung, die mir liegt und hier gut passt. Die Japaner sind sehr bemüht, einem alles zu erklären, wenn man sie fragt. Sie wissen um ihren Ruf, begreifen alle anderen als normal und sich selbst als seltsam. Nicht nur, dass diese Art die Befragungen für meine Forschungsarbeit leicht machte - ich habe dadurch die Menschen viel schneller und besser kennen gelernt als anderswo. Gleich in der ersten Woche habe ich Leute getroffen, mit denen ich jetzt seit 17 Jahren eng befreundet bin. "Du bist wie eine Japanerin", haben mir Freunde und Kollegen in Tokio oft gesagt. Mich wundert das nicht: Schließlich ist diese Kultur zu meinem Beruf geworden."


"Karriereplanung wird hier nicht großgeschrieben"

Inga Gerstenberg, 34, Geschäftsführerin eines großen Internetportals für Baumaschinen, seit zehn Jahren in Valencia, Spanien.

"Baumaschinen sind sexy. In Deutschland wäre mir das entgangen. Denn hier in Spanien bin ich noch offener geworden, als ich es in Deutschland sowieso schon war. Als man mir vor sechs Jahren angeboten hat, ein Internetportal für Baumaschinen wie Bagger, Hubwagen und Kräne aufzubauen, habe ich sofort gedacht: Ja klar, das ist eine Chance, in Spanien richtig Fuß zu fassen. Genau so hätten es meine spanischen Freunde auch gemacht. Karriereplanung wird hier nicht großgeschrieben, eher geht es darum, mit Freunden und Familie in einer Stadt zu bleiben und da etwas halbwegs Interessantes zu machen.

In Deutschland hätte ich noch gedacht: Du musst dich jetzt im Verlagswesen bewerben, das hast du doch studiert. Aber irgendwie entsprach mir diese spontane Art, auch einem ganz branchenfremden Job eine Chance zu geben. Wie gut: Ich bin heute Geschäftsführerin des kleinen Unternehmens. Kenne die Vorzüge, Nachteile und den Wert der riesigen Maschinen und stürze mich begeistert in die Verhandlungen mit den reichen Bauunternehmern. Das sind bodenständige Geschäftsleute, manchmal ein bisschen derbe. In Deutschland hätte ich meine diplomatischen Seiten mehr ausbauen müssen. Hier ist es nun wirklich nicht weiter auffällig, laut und temperamentvoll zu sein."


Auf einen Blick: Welches Land passt zu mir?

Überall sind andere Fähigkeiten und Talente gefragt. Statt den Finger wahllos auf die Weltkarte zu legen, kann man schon im Vorfeld gucken, wo man selbst am besten hinpasst:

Fair, freundlich und kollegial ist man in ... Thailand, Irland und Ägypten. In diesen Ländern stehen die alltägliche Hilfe und das faire Miteinander besonders hoch im Kurs. Wer also besonders gut mit den Kollegen zusammenarbeiten kann, gerne abgibt, aber auch andere um Rat fragt, ist hier richtig. Als Faustregel gilt übrigens: Je höher wirtschaftlich entwickelt ein Land ist, desto mehr nimmt die "Menschenorientierung" ab.

Wer selbst zeigen will, was er kann ... ist besonders in den USA und anderen sehr individualistisch geprägten Ländern wie Deutschland, Frankreich oder England richtig. Am anderen Ende der Skala stehen Indien, Japan und die arabischen Länder: Wer dort viel leistet, wird oft nicht einmal erwähnt. Gute Ergebnisse gehen kommentarlos in die Gesamtbilanzen ein.

Einen langsameren Arbeitsrhythmus und längere Pausen ... pflegt man in Spanien, Portugal, Südamerika. Jedenfalls gibt es in diesen Ländern ausgedehnte Mittagspausen, die nicht selten mit mehreren Gängen zelebriert werden. Muße gehört also zur Arbeit dazu, ebenso Geduld - denn auch die anderen gehen zum Mittagessen. Sogar in Österreich wird auf so eine Art Gemütlichkeit Wert gelegt. Weniger gearbeitet wird in diesen Ländern übrigens trotzdem nicht.

Der Chef ist ein Kumpel ... in den Niederlanden, Skandinavien und den USA. Mit den flachen Hierarchien kommt auch die Einladung, eigene Ideen in Projekte einzubringen - es muss einem aber auch liegen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Wer Wert auf eine autoritäre und hierarchische Führung legt, kann in Malaysia, Venezuela oder Japan gut zurechtkommen - Voraussetzung ist aber wohl, dass man dort selbst eine Führungsposition bekleidet.

Weniger Regeln und Pläne bei der Arbeit ... gibt es in Skandinavien, Jamaika, Indien, aber auch in England und den USA. Hier können diejenigen gut arbeiten, die selbst bei großem Chaos und Unplanbarkeiten gelassen bleiben - oder gerade dann sogar die besten Ideen entwickeln.

Zum Weiterlesen

Katrin Hansen: "Erfolgreiches Management beruflicher Auslandsaufenthalte. Ziele planen und Erwartungen abstecken", Cornelsen, 184 S., 14,95 Euro.

www.karriere-im-ausland.de Neues Internetportal mit zahlreichen Job-Angeboten und Tipps rund um den Auslandsaufenthalt.

www.raphaels-werk.de Beratung für Auswanderer. In Deutschland gibt es über 20 Beratungsstellen.

BRIGITTE Balance 03/08 Text: Anne Otto Fotos: iStockphoto.com, privat

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Anne Otto
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