Jobpause: Einfach mal nicht mehr arbeiten - es lohnt sich!

Nicht mehr arbeiten, eine Auszeit nehmen, Luftholen - danach sehnen sich viele. Vier Frauen erzählen, wie der Traum gelingen kann.

"Auf dem Wasser lernte ich loszulassen"

Julia-Marie R., 35, Projektleiterin bei einem Medienunternehmen in Hamburg, segelte sechs Monate, statt zu arbeiten.


Vorher: Kontrollfreak, Druck im Job

Die Lösung: beim Segeln ins Gleichgewicht kommen

Jetzt: fokussiert auf das Wesentliche


Den ganzen Tag draußen verbringen, barfuß laufen - so stellte ich mir ein Sabbatical vor. Weil allein reisen für mich nicht in Frage kam, bewarb ich mich bei einem Segelcamp auf Mallorca. Ich bin ein sehr kontrollierter Mensch und dachte, beim Segeln würde es mir gelingen loszulassen. Es wurde eine perfekte Zeit: Ich nahm und gab Unterricht, und ich segelte so viel wie nie zuvor in meinem Leben. Auf dem Wasser fühlte ich mich wie beim Spielen in der Kindheit: selbstvergessen, glücklich und völlig eins mit dem, was ich tat.

Beim Segeln wird nicht diskutiert, sondern gehandelt, ich lernte, mich auf meinen Instinkt zu verlassen. Wind und Wasser und Strömungen - sonst zählte nichts. Das war für mich die Entdeckung der Entschleunigung. Alles fühlte sich verlangsamt an, ich bin sogar langsamer gelaufen. Und ich hatte das Gefühl, so ist es genau richtig. Das war es wohl auch, denn ich bin sehr glücklich und zufrieden zurückgekommen.

Ich bin überrascht, wie sehr mich mein Sabbatical verändert hat. Ich habe eine Unbekümmertheit in mir entdeckt, die ich nie für möglich gehalten hätte. Ich nehme mir Zeit für alles und spüre Druck nicht mehr so stark. Blabla-Runden akzeptiere ich weniger, ich will nur das Wesentliche besprechen - und das wird auch angenommen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich meine Kolleginnen und Freunde mit mir verändert hätten, als hätte ich alle angesteckt. Nach sechs Monaten auf dem Wasser fühle ich mich geerdet. Egal, was ist, ich habe endlich das Gefühl, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Und dieses Gefühl hält an.

"Ich spürte, dass da noch etwas anderes wartet"

Sonja Endlweber, 38, Unternehmensberaterin, brauchte nur zwei Wochen, um ihr Leben komplett zu ändern. Bereut hat sie es keine Sekunde.


Vorher: Karriere ohne Leidenschaft

Die Lösung: Reiten durch Nordamerika bis nach Alaska

Jetzt: frei und glücklich



Ich glaube, die besten Entscheidungen sind die, die man aus dem Bauch heraus trifft. Zumindest war das bei mir der Fall. Vor sechs Jahren habe ich meine Karriere als Unternehmensberaterin an den Nagel gehängt und bin gemeinsam mit Günter Wamser zu einer Reise mit Pferden quer durch Nordamerika aufgebrochen.

Ich war damals gerade von einem Projekteinsatz in Kambodscha zurückgekehrt und stolperte zufällig über eine Ankündigung von Günters Diavortrag. Ich ging hin und wusste sofort: Da will ich mit. Ich schrieb eine E-Mail mit dem Betreff "Ich komme mit". Er war ganz und gar nicht begeistert. Doch mit meiner Hartnäckigkeit konnte ich ihn schließlich überzeugen. Innerhalb von zwei Wochen kündigte ich, räumte meine Wohnung, kaufte zwei Pferde und verliebte mich - an die genaue Reihenfolge kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Günter und ich kannten uns so gut wie gar nicht, als wir aufbrachen, doch ich war bereit, jedes Risiko in Kauf zu nehmen. 

Eineinhalb Jahre sollte die Reise gehen. Heute, sechs Jahre später, sind wir immer noch unterwegs. Und aus heutiger Sicht fällt es mir schwer nachzuvollziehen, warum ich die Karriere in der Unternehmensberatung gewählt habe. Ich glaube, damals war ich tatsächlich davon überzeugt, dass Selbstverwirklichung im Beruf der einzige Weg zu einem erfüllten Leben ist. Aber ich spürte immer, dass es da draußen noch mehr geben musste, und erinnere mich noch sehr gut daran, wie es sich anfühlte zu kündigen: als wäre ich nach langer Gefangenschaft entlassen worden. Ich spazierte tagsüber durch mein Wohnviertel in Wien, und mir wurde schlagartig bewusst, dass ich hier zwar zehn Jahre gewohnt, aber nie gelebt hatte.

Als ich damals meiner Mutter von meinem Plan erzählte, lachte sie zunächst nur. Doch sie kannte mich zu gut und gab die Hoffnung endgültig auf, dass ich eines Tages sesshaft werden würde. Natürlich spielt Geldverdienen auch in meinem jetzigen Leben eine gewisse Rolle. Ich schreibe Bücher und mache Vorträge über unsere Reise. Doch das ist eine Arbeit, die mir Freude macht und mir immer Zeit zum Träumen lässt.

"Nach der Kündigung fing mein richtiges Leben an"

Yasemin H., 38, zwei Kinder, verzichtete auf ihre Karriere und auf viel Geld - für ein Leben als Hausfrau und Mutter.


Vorher: sehr große Sehnsucht nach Familie

Die Lösung: Kündigung, der Mann verdient das Geld

Jetzt: absolut erfüllt zu Hause mit den Kindern


Die Wende kam an einem Freitagabend. Ich stand auf der Heimfahrt lange im Stau, kam erst nachts zu Hause an. Ich fühlte mich erschöpft und ausgebrannt wie selten zuvor. Wo war meine Lebensfreude? Mein Mann fragte besorgt, was eigentlich los sei mit mir. Da brach es aus mir heraus. Dass mich der Stress im Job zermürbt und dass ich mich nach Kindern sehne. Noch an diesem Abend entschieden mein Mann und ich, dass wir eine Familie gründen und ich meinen Beruf als Prüfungsleiterin aufgebe.

Mein Chef nahm meine Kündigung ohne Regung zur Kenntnis. Ich war 30, als ich meine Karriere hinschmiss. Damals standen mir alle Türen offen. Ich verdiente viel, aber sah meinen Mann seltener als die Kollegen. Dabei sehnte ich mich nach entspannten Abenden zu zweit. Je mehr Kraft der Job einforderte, desto größer wurde mein Verlangen, etwas Sinnvolles zu tun, Spuren zu hinterlassen.

Mein richtiges Leben fing schon zwei Monate später an. Ich wurde schwanger! Es war wie eine Erlösung. Heute sind meine Söhne fünf und sieben Jahre alt. Jeden Handschlag, den ich für sie tue, jede Fahrt zum Fußball, Tennis und Musikunterricht, jeden Kuchen, den ich backe, genieße ich aus vollem Herzen. Diese Leichtigkeit und Unbeschwertheit, ich habe sie lange vermisst. Ja, ich mochte auch den Austausch mit den Kollegen, aber eine Umarmung meiner Kinder bedeutet mir viel, viel mehr. Anders als unsere Freunde mit doppeltem Einkommen kann ich mir heute keinen MaledivenTrip leisten. Wir buchen halt die Pauschalreise in die Türkei. Ich habe Geld und Karriere gegen Freiheit getauscht. Wenn mich meine berufstätigen Freundinnen besorgt fragen, ob mich das Hausfrauendasein nicht langweilt, muss ich wirklich lachen. Ich leiste heute genauso viel wie damals im Businesskostüm mit Vollzeitjob. Der Unterschied ist: Heute bin ich unersetzbar.

"Ich wollte später mal nichts bedauern"

Ulrike Walter, 48, Arbeitsplatz-Coach, ging für vier Monate nach New York


Vorher: immer von Amerika geträumt

Lösung: eine Auszeit in New York

Jetzt: mit neuer Kraft weiterarbeiten


Von Amerika habe ich schon als Kind geträumt. Als meine Mutter Ende 2011 starb, wusste ich sofort, dass es für mich Zeit wurde, meinen Traum zu verwirklichen. Denn ich wollte später mal nichts bedauern.

Meine beiden jetzt erwachsenen Töchter habe ich allein erzogen, ich habe immer viel gearbeitet. Mitte 2012 habe ich durch einen Zugriff auf meine finanziellen Reserven meinen Plan verwirklicht: Eine Auszeit in New York. Ich bewarb mich bei "CITY Arts", einem Non-Profit-Projekt, das weltweit mit Kindern und Künstlern arbeitet. Und sie wollten mich! Im Organisieren bin ich gut - kurz vor der Abreise packte ich alle Bürounterlagen in Kisten, meine Wohnung vermietete ich unter. Meinen Kundinnen und Kunden schickte ich eine Mail, dass ich für meinen Traum ein paar Monate weg sei. Dann ging es los.

New York City ist Reizüberflutung pur, aber die Good Vibrations spürte ich ganz deutlich. Ich genoss es, durch die Straßen zu laufen, zu fotografieren, einfach nur zu gucken. Aber am meisten haben mir die Kontakte zu Menschen gegeben, mit denen ich zu tun hatte. Ich arbeitete als Mitvierzigerin ehrenamtlich bei "CITY Arts", mit den 20- und 30-Jährigen zusammen.

Sie fanden toll, dass ich in diesem Alter meinen Traum verwirklichte. Auch fanden sie mich cool, da ich einfach natürlich und authentisch war. Natürlich habe ich auch in New York oft geheult, ich trauerte sehr um meine Mutter, aber es war eine kreative Trauer. Ich hatte mich bewusst bei alleinstehenden Frauen eingemietet, diese Frauen hatten selbst schon Verluste hinter sich. Die Gespräche mit ihnen haben mir sehr geholfen und das hat uns auch sehr verbunden.

Seit diesem Abenteuer ist die Welt für mich kleiner geworden, ich bin dankbar, erfüllter, angstfreier und weiß, dass ich die Kraft habe, meine Wünsche wahr zu machen."

Du planst eine Auszeit? So wird es eine gute Zeit

Im Job: Frage nach, ob es bereits Vereinbarungen gibt. Gute Ansprechpartner sind Betriebsräte oder die Personalabteilung. Lass dir einen Termin bei deinem Vorgesetzten geben. Definiere deine Gründe und Ziele für das Sabbatical. Präsentiere mögliche Lösungen, wie deine Aufgaben während deiner Abwesenheit erledigt werden könnten.

Finanzierung: Wie hast du dir die Finanzierung vorgestellt? Du kannst beispielsweise Urlaubstage ansparen, auf Lohnzusatzleistungen verzichten oder auf einen Teil deines normalen Gehalts, das du dann während des Sabbaticals ausbezahlt bekommst. Das ist eine einfache Variante, da so deine Sozialversicherungsbeiträge weiter bezahlt werden.

Krankenversicherung: Falls du eine private Krankenversicherung hast, solltest du prüfen, ob du durch einen eventuellen Lohnverzicht unter die Beitragsbemessungsgrenze rutscht. Eine Anwartschaft kann hier sinnvoll sein. Falls du dich komplett selbst finanzierst, musst du mit deiner Krankenversicherung wegen einer freiwilligen Mitgliedschaft sprechen. Auch die Deutsche Rentenversicherung berät dich kostenfrei.

Kosten reduzieren: Rechne nach: Wohin will ich reisen? Was kosten die Tickets und was die Unterkunft? Wie hoch sind die Lebenshaltungskosten? Sobald sich die Pläne konkretisieren, gilt es natürlich, die laufenden Kosten so weit wie möglich zu reduzieren. Kündige rechtzeitig nicht benötigte Mitgliedschaften und Abonnements.

Rückkehr: Fange nach deiner Rückkehr nicht gleich wieder an zu arbeiten, sondern gönne dir Zeit, um dich wieder zu akklimatisieren.

Protokolle: Claudia Kirsch, Silia Wiebe
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