Kapitalismus für Anfängerinnen

Die meisten Frauen interessieren sich nicht für Wirtschaft. Das Gute: die meisten Männer auch nicht. Falls Sie demnächst bei einem Abendessen neben einem Mann sitzen, der Ihnen die Finanzkrise erklären will - hier einige Antworten.

Er: Ich finde, es ist eine Frechheit, dass nun die Steuerzahler einspringen müssen, nur weil die Bankmanager Mist gebaut haben.

Sie: Wie wahr! Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert, wie es jetzt immer wieder heißt. Aber was ist die Alternative? Wenn die Regierungen eine große Bank pleitegehen lassen, wäre es zu einer Kettenreaktion von Bankrotten gekommen, in der Trillionen Dollar hätten abgeschrieben werden müssen.

Er: Mir doch egal. Ist ja eh alles virtuell.

Sie: Könnte man meinen. Aber wenn die Banken weniger Geld haben, werden Kredite teuerer. Und wenn Kredite teuerer werden . . .

Er: So what! Unser Haus ist abbezahlt, und auf unsere Eigentumswohnung haben wir einen festen Zinssatz für 20 Jahre.

Sie: Aber Ihr Blumenhändler braucht vielleicht einen Kredit, weil er seinen Laden renovieren will. Oder Ihr Autohändler. Kredite, entschuldigen Sie die Metapher, sind das Lebensblut des Kapitalismus. Und je teurer Geld wird, desto höhere Kosten haben die Unternehmen. Das ist wie mit dem Öl. Und wenn's ganz schlimm kommt, gibt es eine Massenarbeitslosigkeit, und es wird noch weniger konsumiert, und dann haben wir eine Weltwirtschaftskrise, wie sie 1929 begonnen hat, ausgelöst übrigens auch durch einen Börsencrash, mit allen schrecklichen Folgen . . . aber ich will Sie nicht langweilen.

Er: (halbherzig) Sie langweilen mich nicht!

Sie: Jedenfalls mit allen schrecklichen Folgen, die der Schwarze Freitag und die anschließende Weltwirtschaftkrise für die Welt hatte. Glauben Sie, dass Hitler auch ohne die Weltwirtschaftkrise an die Macht gekommen wäre?

Er: Hm. . . arbeiten Sie bei einer Bank?

Sie: Äh . . . nein?! Wie kommen Sie darauf? Ich bin Kosmetikerin. Muss man bei einer Bank arbeiten, um sich für die dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts zu interessieren? Die Weltwirtschaftskrise ist das Trauma der Ökonomen! Im Grunde diskutieren sie seither nur darüber, wie eine ähnliche Katastrophe zu verhindern sei. Wussten Sie, dass sowohl Ben Bernanke als auch Alan Greenspan einen großen Teil ihrer wissenschaftlichen Arbeiten über die Große Depression geschrieben haben?

Er: (schüttelt den Kopf).

Sie: Haben Sie aber. Weiß kaum einer. Von Bernanke gibt es sogar eine ganze Aufsatzsammlung: "Essays on The Great Depression". Nicht ganz leicht zu verstehen, aber ich hab's mit Gewinn gelesen. Lesen Sie eigentlich Englisch?

Er: Doch. Ja.

Sie: Gibt's bei Amazon.

Er: (schweigt) . . .Und was mache ich jetzt mit unseren Ersparnissen? Bundesschatzbriefe?

Sie: Schwer zu sagen. Bringen wenig Zinsen, und wenn die Inflation ansteigt . . .

Er: Inflation? Jetzt machen Sie mir Angst.

Sie: Na ja. Was meinen Sie denn, woher wir die Milliarden nehmen, mit denen wir jetzt den Banken unter die Arme greifen.

Er: Schulden?

Sie: Schulden. Oder sie drucken neues Geld.

Er: Sie drucken Geld.

Sie: Sie senken den Leitzins. Damit pumpen sie neues Geld in den Finanzkreislauf. Alle wichtigen Zentralbanken haben gerade den Leitzins gesenkt. Das heißt, es wird neues, billiges Geld geschaffen. Es gibt eine volkswirtschaftliche Theorie, die sagt, dass Inflation entsteht, wenn Zentralbanken mehr Geld ausgeben, als ein Land an Wirtschaftsleistung produziert. Es gibt aber auch andere Theorien. Doch ich will Sie nicht langweilen.

Er: Und wie überstehe ich die Inflation?

Sie: Ein Haus ist schon ganz gut, wenn die Lage stimmt. Gold und andere Sachwerte könnten auch helfen. Und wenn die Daimler- Aktie dann nur noch drei Euro kostet, liquidieren Sie Ihr Gold und kaufen Aktien, die dann ein paar Jahre später 100-mal so viel wert sind: Verbrauchsgüter, Nahrungsmittel, Aldi. Dann sind Sie zumindest später mal reich.

Er: Im Ernst?

Sie: Man weiß es vorher nicht. Das ist Kapitalismus. Vielleicht geht der Kelch ja auch an uns vorüber. Bis zur nächsten Krise.

Er: Aber es wird doch wohl künftig irgendjemand zu verhindern wissen, dass die Banken noch mal so leichtfertig . . .

Sie: Davon können Sie ausgehen. Der wilde Kapitalismus Friedman'scher Prägung ist gerade sehr aus der Mode gekommen.

Er: Friedman?

Sie: Friedman. Milton Friedman. Einer der einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Pferdeflüsterer von Thatcher und Reagan. Hat gesagt, dass der Markt die Probleme der Gesellschaft am besten regelt und am besten in Ruhe gelassen werden sollte. Also haben sie eine ganze Menge staatlicher Regelungen abgeschafft, die diese Krise vielleicht hätten verhindern können. Aber in Zeiten, in denen Banken von Staaten gerettet werden müssen, sind diese neoliberalen Thesen natürlich nicht sehr angesagt.

Er: Sind Sie jetzt eigentlich links?

Sie: Schwer zu sagen. Fragen Sie mich in zwei Jahren noch mal. Nehmen Sie Nachtisch?

BRIGITTE-Mitarbeiterin Heike Faller ist keine Wirtschaftsredakteurin. Sie arbeitet zur Zeit an einem Buch über ihr Jahr unter Spekulanten. Es erscheint im Sommer bei der DVA.

Text: Heike Faller Fotos: Susanne Ludwig Ein Artikel aus der BRIGITTE 24/08
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