Frauen als Vorgesetzte: Ist es wirklich schwieriger mit ihnen?

Wir wollen mehr Frauen in Top-Positionen. Wenn sie uns dann aber tatsächlich als Vorgesetzte gegenübersitzen, empfinden wir sie als Bedrohung. Was läuft da schief?

Okay, die Vorurteile, die Frauen gegenüber Durchstarterinnen wie Marissa Mayer oder Sheryl Sandberg haben, kennen wir inzwischen: zu perfekt. Optisch und auch sonst. Die Mayers und Sandbergs dieser Welt sind nicht nur Chefin, sondern auch noch Mutter und Ehefrau. Und irgendwie kriegen sie das alles verdammt gut hin. Inklusive Styling. Genau das macht sie verdächtig.

Andererseits ist aber die Mehrheit der Frauen dafür, dass mehr Frauen Führungspositionen übernehmen. Zur Not muss das eben eine Quote regeln. Es gibt nur ein kleines Problem: Nur jede Zehnte fände es gut, wenn eine dieser Frauen ausgerechnet ihre Vorgesetzte wäre. Das hat die Marktforschungs-Gesellschaft GfK kürzlich in einer Studie ermittelt. Und das bezieht sich nicht nur auf die Vorstandssessel, sondern auf alle Führungsebenen, auch die mittleren.

Warum tun sich ausgerechnet Frauen so schwer damit, weibliche Führungskräfte zu akzeptieren? Es liegt nicht daran, dass sie einem hoffnungslos altmodischen Rollenbild hinterhertrauern, in dem Männer Chefs waren, weil sie Männer waren, und Frauen einfach nur Befehle abarbeiteten. Es liegt vielmehr am Verhältnis der Frauen untereinander. Frauen mögen keine starken Frauen.

Frauen empfinden Konkurrenz als unnatürlich

Es gibt inzwischen ganze Bücher, die sich mit dem unterschiedlichen Gebaren der Geschlechter im Arbeitsalltag beschäftigen. Männer, das haben die Autoren Michael Gurian und Barbara Annis in ihrem Buch "Leadership and the Sexes" festgestellt, denken eher vertikal. Sie haben kein Problem mit Hierarchien. Ein Mann merkt beispielsweise während des Marathonrennens, dass ihm die Puste ausgeht. Er blickt sich um, ob er einen Bekannten entdeckt, dem er seine Wasserflasche vermachen kann. Oder wenigstens einen aus seiner Region, zur Not auch einen aus seinem Land. Hauptsache, einer von uns gewinnt. Frauen denken dagegen eher horizontal. Während des Rennens sorgen sie dafür, dass die Gruppe immer schön zusammenbleibt und sich auch alle wohl fühlen. Versucht eine, den Pokal als Einzelkämpferin zu gewinnen, stellt ihr eine andere ein Bein. Es ist aber nicht so, dass Frauen schlechtere Menschen sind als Männer. Die Misere ist ein Erbe der Evolution. Weibliche Säuger versuchen das Überleben ihres Nachwuchses zu sichern, indem sie sehr beziehungsorientiert agieren. Konkurrenz empfinden sie als unnatürlich. Wer ausbricht, gehört nicht mehr dazu.

Lange Zeit wollten es vor allem die Feministinnen nicht wahrhaben, doch "Frauen, die auf der Karriereleiter nach oben steigen, werden von anderen Frauen nicht als Komplizin gesehen, sondern als Bedrohung", schreibt die Autorin Nan Mooney in ihrem Buch "I can't believe she did that". 100 Arbeitnehmerinnen hat die Amerikanerin zu dem Thema befragt und festgestellt, dass es mit der Solidarität nicht weit her ist. Von kindischem Gezicke bis zu handfestem Mobbing ist alles geboten. Die Boshaftigkeit ist offenbar so verbreitet, dass daraus gleich ein neuer Wirtschaftszweig entstanden ist. Mit interfemininen Konflikten beschäftigen sich inzwischen Bücher und natürlich Seminare.

Besonders groß wird die Rivalität, wenn das Thema Familie ins Spiel kommt. Eine Frau ist im Beruf nie einfach nur eine Frau. Sie ist Mutter, Nicht-Mutter, Alleinerziehende, Single. All das spielt eine Rolle - auch oder vor allem unter Frauen. Der eigene Lebensentwurf wird zum einzig wahren erhoben, indem jeder andere herabgesetzt wird. Eine Kollegin wurde von ihrer alleinstehenden Chefin jahrelang gepiesackt, indem diese sie besonders gern nach 18 Uhr noch einmal ins Büro zitierte, wenn sie genau wusste, dass ein Elternabend oder eine Theatervorführung anstand. Erst seit sie selber Mutter ist, geht sie jeden Tag pünktlich um 17 Uhr nach Hause.

Frauen sind im Job freundlich zueinander. Ausgeteilt wird im Verborgenen

Gesprochen haben die beiden darüber erst, als sie nicht mehr zusammengearbeitet haben. Denn das ist so eine Sache: Frauen kritisieren Frauen nicht gern und lassen sich auch nicht gern von ihnen kritisieren. Offene Aussprache grenzt an weiblichen Verrat: Wir müssen doch zusammenhalten. Frauen sind zu Frauen in der Firma deshalb meistens nett und freundlich. Ausgeteilt wird im Verborgenen, durch Sticheleien, Ausgrenzung, Schweigen. Heikle Themen besprechen viele deshalb lieber mit Männern, weil sie von ihnen gar kein Verständnis oder Trost erwarten. Kommt es doch dazu, ist die Freude groß. Ansonsten bleibt es bei einer sachlichen Auseinandersetzung. Ohne Verletzung.

Bis vor ein paar Jahren war die Sache relativ einfach. Frauen, die es nach ganz oben schafften, mussten irgendwie wie Männer sein und wurden deshalb eher bemitleidet als beneidet: "Ach die, die ist doch nur so weit gekommen, weil sie Eiswürfel pinkeln kann!"

Doch dann trat ein neuer weiblicher Führungsstil aufs Parkett - Kundenbindung statt Insider-Geklüngel, Weiterbildung statt Dienstwagen -, und das alte "Feindbild" taugte nicht mehr. Plötzlich stehen an der Spitze von Konzernen Superweiber wie Marissa Mayer oder Sheryl Sandberg, für die flexible Arbeitszeiten vor allem bedeuten, dass sie einfach immer und überall arbeiten können, die ein Kind mal kurz zwischen zwei Vorstandssitzungen bekommen und nebenbei noch ein Unternehmen wieder nach vorn bringen, in Branchen, in denen Frauen normalerweise nur zur Ausstattung der Messestände gebraucht werden. Natürlich ist das toll und nicht verwerflich, doch als Vorbild taugen diese Überfliegerinnen nur bedingt. Sie machen anderen Frauen Angst, denn "welche Frau will sich freiwillig so überfordern?", fragt Gabriele Schambach, Coach und Expertin für Genderfragen. "Wirkliche Gleichberechtigung wird es erst geben, wenn es auch mittelmäßige Frauen in Vorstandsetagen gibt", so Schambach. Und genau das ist der Knackpunkt: Frauen wollen nicht per se keine weiblichen Chefs - Frauen wollen Frauen als Chefs, die normal sind. Mal gut, mal schlecht, nicht schön, aber auch nicht hässlich, mal müde, mal munter, die Kinder haben oder auch keine - und die vor allem auch mal über sich selbst lachen können.

Und wie kommen Sie mit Chefinnen klar? Schreiben Sie uns!

Brigitte Huber, Chefredakteurin der BRIGITTE

Liebe Leserin, lieber Leser, Sie haben es eben gelesen: Nur jede zehnte Frau hat gerne eine weibliche Vorgesetzte. Mich erfüllte die Zahl mit leisem Grauen. Kann das sein? Im Jahre 2013? Was läuft denn hier schief? Der Essay unserer Autorin bietet viel Stoff zum Nachdenken - und zum Diskutieren. Am liebsten mit Ihnen: Was denken Sie über das Thema? Ich würde mich sehr freuen, Ihre Meinung zu erfahren - entweder hier in den Artikel-Kommentaren oder per Mail an infoline@brigitte.de.

Ihre Brigitte Huber, Chefredakteurin

Text: Nina Kloeckner Illustration: Malika Favre BRIGITTE 25/2013
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