Gesetzlicher Mindestlohn: Einfach mal machen!

Arbeitgeber verhandeln heute über Mindestlöhne für Friseure - und das heißt vor allem: für Friseurinnen. Wir finden: Nicht weiter Haare spalten, sondern handeln. Und gucken, wie gut das in anderen Ländern funktioniert.

Gesetzlicher Mindestlohn. Warum streiten wir eigentlich immer noch darüber? Seit Jahren ist das Thema Mindestlohn in jedem Wahlkampf wieder ein großes Thema, und jedes Mal gibt es panische Warnungen: Man dürfe den freien Markt nicht beschneiden - und Deutschland sei nicht mehr wettbewerbsfähig, wenn in handverlesenen Branchen plötzlich Fixpreise gezahlt werden müssten. Das Argument der Mindestlohn-Gegner: Der Markt wird sich schon etwas bei gedacht haben, dass Friseurinnen zwischen drei und fünf Euro pro Stunde verdienen.

Es gibt ein Land, in dem sich der freie Markt noch freier entfalten kann: die USA. Da wird dem Arbeitnehmer nichts geschenkt. Pendlerpauschale, 30 Tage Urlaub im Jahr oder gar staatlich unterstützte Elternzeiten finden sich dort ebenso wenig wie ein umfassendes Gesundheitssystem (das von Kritikern ohne Ironie als "Sozialismus" bezeichnet wird). Kein großzügiger Sozialstaat, die USA, "Kündigungsschutz" heißt dort oft "Hire&Fire".

Ein Haufen 50-Cent-Münzen

Japan? Indien? Haben auch einen Mindestlohn.

Aber: Dieser US-Markt ist auch so frei, sich seit 1938 einen Mindestlohn zu erlauben. Nicht für irgendwelche Berufsgruppen, sondern für alle. In den USA darf kein Job vergeben werden, für den weniger als aktuell 7,25 Dollar gezahlt werden. Das ist die nationale Untergrenze, die einzelnen Staaten dürfen das für sich auch noch höher heben (im Staat Washington liegt der Mindestlohn etwa bei 9 Dollar).

Auch in Japan werden Mindestlöhne gezahlt. Und: in Indien. Ja, das Indien, an das wir immer mit schlechtem Gewissen denken, wenn wir uns günstige Textilien kaufen, in unserer Wahrnehmung eines der großen Ausbeuter-Länder. Unsere deutsche Wirtschaft hingegen soll es sich immer noch nicht leisten können, Menschen, die harte Arbeit verrichten, so viel Geld zu verprechen wie ein Teenager fürs Babysitting erhält?

Also, Deutschland: Es ist Zeit, etwas zu tun. Lasst uns nicht bloß um Friseurinnen streiten, sondern beschließen: "Ab sofort wird hier keine Kloschüssel mehr saubergewischt, ohne dass es dafür diese Hand voll Euro gibt. Immer noch lächerlich wenig, aber weniger auf keinen Fall, versprochen."

Dafür zahlen wir unseren Politikern sogar gerne die etwa hundert Euro Stundenlohn, die sie im Schnitt erhalten - "Beraterverträge" nicht mitgerechnet. Denn, klar: Wer arbeitet, soll bezahlt werden. Da sind wir uns doch alle einig.

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Schätz-O-Mat: Wie niedrig sind die Niedriglöhne? Sie schuften in Vollzeit und kommen trotzdem kaum über die Runden: Menschen, die für Niedriglöhne arbeiten. Schätzen Sie doch mal, wie viel eine Friseurin oder eine Kellnerin verdienen.

Henning Hönicke

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