No risk, no fun! Warum Teilzeit in Wahrheit ein ziemlich guter Deal ist

Frauen werden gern daran erinnert, dass sie ungebremst in die Altersarmut schlittern, wenn sie ihren Job reduzieren. Was dabei übersehen wird: Der Gewinn an Lebensqualität in den Jahrzehnten davor.

Ein Teilzeit-Job schenkt uns das Kostbarste, was wir haben im Leben: Zeit

Die Warnung, die wir mantraartig zu hören bekommen, lautet in etwa so: Das Damoklesschwert der Altersarmut hängt an einem seidenen Faden über euch, weil ihr unentgeltlich eure Kinder betreut und gelegentlich sogar den von Eva Herman auf ewig diskreditierten Apfelkuchen backt, statt von morgens bis abends einem bezahlten Job nachzugehen. Und das, während die Kindsväter Karriere und genug Geld machen, um auch jenseits der 80 noch Champagner und Austern schlürfen zu können.

Ja, das ist ein Problem und es ist auch zutreffend, dass Teilzeitarbeit zumindest Mitschuld am Gender Pay Gap hat: Frauen haben deutlich weniger Geld zur Verfügung als Männer, und das ist schlecht, vor allem im Alter, wenn statt des Gehalts nur noch eine Minirente überwiesen wird.

Was bei der ganzen Schwarzmalerei allerdings unter den Tisch fällt: Teilzeit heißt nicht automatisch Altersarmut, aber automatisch mehr Lebensqualität, denn sie schenkt uns Unbezahlbares: Zeit.

Deshalb lautet meine Forderung: Teilzeit für alle statt Teilzeitfalle (auch für die Männer)!

Ich selbst arbeite seit der Geburt meines Sohnes vor 14 Jahren in Teilzeit, und das soll auch so bleiben, sofern ich es mir leisten kann. Klar habe ich heute weniger Geld als damals im 40-Stunden-Job, aber ich vermisse nichts. Ich habe schon lange keine Lust mehr, mir noch mehr Sachen zu kaufen, was soll ich mit dem Zeug? Was mir an Materiellem wichtig ist, habe ich: eine zentral gelegene Wohnung (zur Miete), ein altes Fahrrad, das mir keiner klaut, ein paar Klamotten, die ich mag, und genügend Reisen in Planung, damit ich immer was zum Vorfreuen habe.

Freiheit ist unbezahlbar, Endlos-Konsum bringt's nicht: Wozu mehr verdienen als nötig?

Und wer weiß schon, ob ich das Rentenalter überhaupt erreiche? Ob es in 20 Jahren noch eine Rente gibt? Ich halte es für fahrlässig, gar nicht vorzusorgen und darauf zu hoffen, dass schon alles irgendwie gut gehen wird. Aber ich halte es auch für falsch, sein Leben dranzugeben und sich komplett zwischen Job und Familie aufzureiben, nur um eine gute Rente zu erwirtschaften oder anders gesagt: die Gegenwart einer imaginierten Zukunft zu opfern, von der eh keiner weiß, ob sie stattfindet oder wie sie aussehen wird. 

Immer öfter höre ich von jungen Frauen, die im Job ihr Recht auf Teilzeit einfordern, ohne ein Kind als Alibi vorschieben zu können (weshalb das leider auch oft nicht klappt). Sie wollen ihr Arbeitspensum reduzieren, weil sie mehr vom Kostbarsten haben wollen, das unsere Stress- und Hetzgesellschaft zu bieten hat: Zeit für ihr Leben und/oder ihre Lieben. Sie wissen: Konsum ist eher Fluch als Segen, Freiheit unbezahlbar. 

Weniger ist mehr, nicht nur bei der Arbeitszeit: Minimalismus, Tiny Homes, Frugalismus sind aufkeimende Trends, die uns Menschen und - nebenbei - auch dem Planeten guttun. Ein bisschen mehr vom Weniger kann uns allen wirklich nicht schaden.

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