Perfektionismus: Weniger ist mehr

Wer immer perfekte Ergebnisse abliefert, hat Erfolg im Job? Irrtum, meint Autorin Simone Janson. Warum Perfektionismus der Karriere eher im Weg steht und was man dagegen tun kann, erklärt sie im Interview.

BRIGITTE.de: Sie sagen: Die einen sind perfekt, die anderen haben Erfolg. Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Simone Janson: Perfektionisten sind eher ängstliche Typen, die versuchen, es allen recht zu machen und nicht mit dem nötigen Selbstbewusstsein bei der Sache sind. Was sie antreibt, ist die Angst, etwas nicht gut genug zu machen. Daraus resultieren dann eine Menge anderer Probleme. Zum Beispiel arbeiten sie ineffizienter, weil sie so hohe Ansprüche haben, dass sie ihre Sachen nicht fertig bekommen.

BRIGITTE.de: Aber im Berufsleben wird doch von uns erwartet, dass wir uns richtig reinhängen.

Janson: Es gibt Untersuchungen, dass auch Top-Manager einige Stunden am Tag Zeit totschlagen, indem sie zum Beispiel im Internet surfen. Niemand kann immer durcharbeiten und Höchstleistungen bringen. Anfangs empfindet man Stress noch als positiven Eustress, der motiviert. Nach einer Weile schlägt er aber um in den negativen Distress: Man wird zwanghaft angetrieben und hat Angst vor den Konsequenzen, wenn man mal etwas "Unproduktives" tut. Unter diesem Stress ist das Gehirn nach einer Weile einfach nicht mehr leistungsfähig.

BRIGITTE.de: Wenn alle Kollegen abends länger bleiben und sich Stress machen - dann hält der Vorgesetzte mich doch wahrscheinlich für faul, wenn ich da nicht mitmache.

Janson: Laut Studien kommt es bei der Beurteilung von Mitarbeitern nur zu 10 Prozent auf die Leistung an, zu 30 Prozent auf das Image im Unternehmen, aber zu 60 Prozent auf den Bekanntheitsgrad im Unternehmen. Perfektionisten scheitern oft daran, dass sie sich nur auf die Leistung konzentrieren und das Selbstmarketing nicht so wichtig finden.

BRIGITTE.de: Aber schätzt nicht jeder Chef Mitarbeiter, die sorgfältig arbeiten und pünktlich ihre Ergebnisse abliefern?

Janson: Ja, das schon. Aber Karriere machen Perfektionisten allein damit noch nicht. Denn in der Regel sind sie nicht besonders kritikfähig und tun sich mit Entscheidungen schwer. Weil sie ständig Angst vor dem Scheitern haben, sind sie meist nicht die typischen charismatischen Führungspersonen.

BRIGITTE.de: Wo fängt denn der Perfektionismus an, uns im Weg zu stehen?

Janson: Die Grenzen sind natürlich fließend - letztlich muss jeder selbst definieren, wann ihm sein Perfektionismus eher schadet als nützt. Ein typisches Warnsignal ist der Tunnelblick: Die Erledigung von Aufgaben wird zwanghaft, und man hat keinen Blick mehr dafür, was rechts und links passiert. Übertriebener Perfektionismus ist eine Persönlichkeitsstörung.

BRIGITTE.de: Kann man sich Perfektionismus dann überhaupt wieder abgewöhnen?

Janson: Ganz abgewöhnen wahrscheinlich nicht. Man muss schon versuchen, nach seinen eigenen Ansprüchen zu leben - sonst wird man sich über jede Kritik an seiner Arbeit ärgern. Aber man muss lernen, dass man manchmal Abstriche machen muss.

BRIGITTE.de: Das klingt aber sehr theoretisch. Da Sie sich selbst als Perfektionistin bezeichnen – wie bekommen Sie denn Ihren eigenen Perfektionismus in den Griff?

Janson: Ich habe am Anfang meiner Tätigkeit als freie Journalistin immer viel mehr gegeben, als erwartet wurde. Ich erntete viel Lob, aber bekam natürlich nicht mehr Geld. Rein ökonomisch gesehen wahr die Mehrarbeit also unsinnig! Einfach nur das Notwendige zu machen, war für mich aber auch nicht die Lösung, schließlich wollte ich, dass man mit meinem Namen gute Arbeit verbindet. Also ist mein Ziel, dass ich dafür auch vernünftig bezahlt werde. Aufträge, die meinen Aufwand nicht honorieren, lehne ich einfach ab!

BRIGITTE.de: Wie schaffen Sie es, nein zu sagen?

Janson: Wichtig dabei ist, dass man entschieden seinen Standpunkt vertritt. Mir hilft es, wenn ich mir sehr erfolgreiche Leute ansehe und überlege, wie die sich durchgesetzt haben. Und dabei stelle ich oft fest, dass die nicht unbedingt nur bessere Leistungen erbringen als andere, sondern sich vor allem besser verkaufen können und mutiger sind. Hingegen gibt es viele Leute, die sich mit ihrem Fachgebiet zwar hervorragend auskennen, aber aus Vorsicht und Unsicherheit Schwätzern das Feld überlassen. Das ärgert mich - und ich möchte mit meinem Buch dazu beitragen, das zu ändern.

Simone Janson schreibt als Journalistin über Karrierethemen und bloggt unter www.berufebilder.de über die moderne Arbeitswelt. Aktuell ist von ihr erschienen: Die 110%-Lüge Wie Sie mit weniger Perfektion mehr erreichen. Redline Verlag 17,90 Euro.

Interview: Swantje Wallbraun

Wer hier schreibt:

Swantje Wallbraun
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