Viel Spaß bei der Arbeit - oder besser nicht?

Mit Humor geht alles besser, heißt es. Auch die Arbeit. Doch leider hat jeder Kollege eine andere Vorstellung davon, was lustig ist.

In einer Folge der amerikanischen Fernseh-Sitcom "Parks and Recreation", die im Grünflächenamt einer Kleinstadt spielt, gibt es eine Szene, die die ganze Problematik von Humor im Job beschreibt.

In dieser Szene kommt der Chef der Abteilung, Ron Swanson, zu seiner Mitarbeiterin Leslie an den Schreibtisch und will ihr etwas mitteilen, was er einläutet mit den Worten (dieser Part geht leider nur auf Englisch): "Okay, here’s the situation...". Worauf Leslie spontan ein alter Rap-Song einfällt: "Oh-kay, here’s the situation, my parents went away on a week’s vacation...". Eine Kollegin fängt an zu lachen, ein anderer Kollege wippt mit dem Kopf, davon angestachelt rappt Leslie weiter, sie kennt den ganzen Text auswendig. Als sie endlich fertig ist und ihren Boss - der sich das Ganze stoisch angeschaut hat, ohne eine Miene zu verziehen - fragt, was er eigentlich von ihr wollte, erklärt er ihr unbewegt: "Oh, im Ramsett Park brennt jemand. Du musst da so schnell wie möglich hin."

Fazit: Witze am Arbeitsplatz sind prinzipiell eine heikle Sache. Genauer gesagt kann man in so viele Fettnäpfchen treten, dass der Karriereweg zur seifigen Rutschbahn gerät. Das Ding ist nämlich, dass Humor im Berufsleben, abgesehen vom Lustig-sein-Wollen, fast immer noch eine zweite Ebene dahinter hat.

Hier kommen die Fakten

1. Humor zementiert Hierarchien: Wer im Job noch ein bisschen vorankommen will, lacht besser auch über sehr flaue Witze des Chefs, macht aber selbst auf keinen Fall einen harmlosen Scherz auf seine Kosten.

2. Humor im Büro grenzt aus: Wenn das eingeschworene Team bei kryptischen Anspielungen und unsinnigen Stichworten ("Katzfutter!") jedes Mal aufs Neue in brüllendes Gelächter ausbricht, steht die neue Kollegin immer wieder aufs Neue dumm dabei; da nützt ihr auch die Erklärung nicht, dass bei der Weihnachtsfeier vor drei Jahren, die ja ohnehin total verrückt war, also da hat der völlig betrunkene Abteilungsleiter von seiner Katze erzählt, und da...

3. Humor im Büro wird benutzt, um Sexismus auszuleben und eigene Dummheit zu demonstrieren ("Was bist du denn für ’ne Emanze, alle anderen großbusigen Blondinen, zu denen ich das gesagt habe, fanden den Spruch lustig!").

4. Humor im Büro dient dazu, jemanden so zu beleidigen, dass er sich schlecht wehren kann, da ja alles "nur Spaß" war.

5. Humor im Büro wird benutzt, um sich bei Mittagessen-Gesprächen über Kosteneinsparungen in der Firma auszukotzen, und zwar gern mit zynischen Sprüchen über "die da oben", die dann wohl endlich auch auf ihren Viertferrari verzichten müssen. Was letztendlich aber nur dazu führt, dass nach dem Mittagessen alle noch deprimierter sind.

Und selbst wenn es im Büro tatsächlich mal heiter zugeht: Der neue Geschäftsführer mag es sowieso nicht, wenn Leute in der Arbeitszeit kichernd zusammenstehen, anstatt stumm vor ihren Computern zu sitzen.

Es gibt sogar schon Humor-Trainings für Firmen

Ist es darum nicht einfach besser, zu Hause und mit Freunden lustig zu sein? Wenn man Eva Ullmann glauben darf: auf gar keinen Fall. "Gemeinsamer Humor ist ein Zeichen von Vertrautheit. Und wenn im Team gar nicht miteinander gelacht wird, ist ganz sicher irgendwas faul"!, sagt Ullmann, Gründerin des "Deutschen Humorinstitutes" in Leipzig. Die Coaching-Firma mit dem selbstironisch gemeinten Namen bietet Humor- und Kommunikations-Trainings für Firmen an, in denen Teams und Vorgesetzte lernen sollen, ein wenig humorvoller miteinander und mit Kunden umzugehen. Dabei, sagt Oberhumoristin Ullmann, geht es nicht nur um mehr Spaß am und im Job für den Einzelnen - so selbstlos sind die meisten Unternehmen dann doch nicht -, sondern um handfeste wirtschaftliche Vorteile: Teams, die miteinander lachen können, arbeiten auch besser zusammen. Ein humorvoller Mitarbeiter wirkt auf Kunden, die etwas kaufen sollen, sympathischer als ein sauertöpfischer Griesgram. Wer Präsentationen halten oder anderen Menschen etwas beibringen soll, kann deren Aufmerksamkeitsspanne deutlich steigern, wenn er sie zwischendurch mal zum Lachen oder zumindest zum Schmunzeln bringen kann. Humor macht alles leichter, auch im Job.

Der Haken ist nur: Der eigene Humor ist nun mal sehr individuell und abhängig von Persönlichkeit, Charakter, Intelligenz und Wertvorstellungen. Und worüber soll man bloß mit dem Kollegen scherzen, der unter Humor etwas völlig anderes versteht als man selbst?

"Wenn wir von mehr Humor im Job sprechen, geht es nicht darum, Witze zu erzählen oder schlagfertige Sprüche auswendig zu lernen", sagt Eva Ullmann. "Es geht darum, im Job ernst genommen zu werden und trotzdem eine heitere Gelassenheit zu bewahren".

Muss man über alle Witze des Chefs lachen?

Die sichere Bank für den Arbeitsplatz sei daher der "soziale Humor": ein bisschen Selbstironie, wenn einem ein Fehler unterlaufen ist, aber ohne selbstabwertend zu sein. Ein Cartoon, eine kleine Anekdote in Powerpoint-Präsentationen. Harmlose Scherze, die keinem weh tun und keinen schlecht dastehen lassen. Sehr freundlich verpackte Kritik und Konfliktbewältigung, Kaliber: "Ich sehe, Sie zwei streiten sich gerade, soll ich schon mal die Boxhandschuhe holen?" Wenn eine Kollegin sehr nervt, weil sie zum hundertsten Mal über dieselbe kleine Angelegenheit sprechen möchte, kann man sie als Maximalmaßnahme "liebevoll spiegeln", wie Eva Ullmann es nennt: "Man kann ihr Verhalten etwas übetreiben und etwas sagen wie: Ja, ich weiß, darüber kann man gar nicht genug reden. Sollten wir morgen noch mal machen. Übermorgen auch. Nächste Woche wieder. Warten Sie mal, ich trage in meinen Kalender die Termine für die nächsten Monate ein." Aber immer schön freundlich und einfühlsam dabei bleiben.

Zugegeben: Diese Art von Humor produziert keine Brüller. Aber es ist zweifellos besser als Anschnauzer, Geschrei und schlechte Laune.

Alle anderen Arten von Humor - tiefschwarze Bemerkungen, Ironie, Spott, Sarkasmus, Anzüglichkeiten, Veräppelungen, kleine Sticheleien, nicht jugendfreie Anekdoten aus dem eigenen Leben - sind natürlich, Originalität und Pointe vorausgesetzt, deutlich lustiger. Aber im Berufsleben leider nur bedingt empfehlenswert, sagt Eva Ullmann: "Das kann ich mit meinen Lieblingskollegen machen, die ich sehr gut kenne und bei denen ich einschätzen kann, was für sie unter der Gürtellinie ist. Sonst nicht." Was übrigens beinhaltet, dass diese Kollegen nicht nur die persönliche Gürtellinie kennen, sondern auch beachten. Weil sie nett sind und lustig. Eigentlich fast schon so etwas wie Freunde.

Und wer solche Kollegen hat, hat das große Los gezogen. Aber erwarten kann man das nicht.

Der harmlose, nicht aneckende soziale Arbeitsplatzhumor dagegen ist zwar im gewissen Sinn der kleinste gemeinsame Nenner des Humors, aber er steht für einen respektvollen, freundlichen Umgang miteinander. Und um dazu selbst beizutragen, kann man ruhig auch mal über gut gemeinte Dilbert-Cartoons schmunzeln, selbst wenn es nur aus Höflichkeit ist. Oder über übermütige Rap-Einlagen, auch wenn sie gerade fehl am Platz sind.

Denn am allerschlimmsten ist es, wenn keiner auch nur mehr versucht, gut gelaunt zu sein.

"Ich habe mal in einer Agentur gearbeitet, in der wirklich nie überhaupt jemand gelacht hat. Außer über die schlechten Witze des Chefs natürlich", sagt Eva Ullmann. Sie fand es so schlimm, dass sie gekündigt hat. Und nein, auch ein professionelles Humortraining hätte da wohl nicht mehr geholfen. Kein Witz.

Text: Sonja Niemann
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