Selbständigkeit: Warum warten, bis die Kündigung kommt?

Immer mehr Betriebe lagern ganze Abteilungen aus - Outsourcing nennt man das. Für viele Angestellte ein Horror, weil sie "überflüssig" und damit arbeitslos werden. Wie wär's, wenn Sie dem zuvorkommen? Sich selbständig machen, um genau damit Ihr eigenes Geld zu verdienen, was Sie von Ihrer Firma mitgekriegt haben: Wissen und Erfahrung.

Neun Jahre waren Christine Öttl und Gitte Härter in einer Münchener Bildagentur beschäftigt. Die Firma wuchs und wuchs, die beiden Frauen rutschten nach oben: Archivleiterin wurde die eine, Vertriebsleiterin die andere. Verantwortlich für 15 Mitarbeiter die eine, für 25 die andere. Christine Öttl, die Archivleiterin, dachte sich: "Wenn ich lieb und nett zu meinen Angestellten bin, dann läuft das schon." Aber so lief es nicht.

Führungsposition, lernte die heute 39-Jährige so nebenbei, heißt, "total individuell auf die Leute zugehen: Der eine braucht ein Machtwort, dem anderen muss man ganz sanft begegnen". Christine Öttl und ihre neun Jahre jüngere Kollegin Gitte Härter hörten über Freunde und Bekannte immer wieder von Frauen, die "eines Morgens aufwachten und Personalverantwortung hatten", aber nicht entsprechend darauf vorbereitet waren. Denn viele Chefs kümmern sich nicht darum, wie die frischen Führungskräfte mit der neuen Rolle zurechtkommen, sondern ob sie die erwartete Leistung bringen.

Christine Öttl und Gitte Härter hatten andere Vorstellungen von Mitarbeiterführung. Deshalb wollten sie ihre Erfahrungen nicht einfach nur für sich behalten, sondern weitergeben. Sie kündigten und gründeten "objektiv.", ein Beratungs- und Trainings- Unternehmen für kleine und mittlere Firmen.

Solche praxisnahen Ideen sind erfolgversprechend, sagt Hermann Steindl, Leiter des Büros für Existenzgründungen im Arbeitsamt München. Gerade wenn es um Dienstleistungen geht, die Unternehmen nicht permanent brauchen, sondern nur bei Bedarf oder in bestimmten Abständen. Wichtig aber sei es, mehrere Kunden zu haben. Denn beim Outsourcing lauere die Gefahr, dass man als sogenannte "Scheinselbständige" seinen Job nur nach außen verlagere, aber in wirtschaftlicher Abhängigkeit des alten Arbeitgebers bleibe. Nur ohne dessen soziale Absicherung. Die beiden "objektiv."-Frauen hatten kurz nach dem Start die ersten Aufträge, verzichteten aber vorerst auf ein Büro. Am heimischen Computer texteten sie Artikel zum Thema Führungsrolle, Bewerbung und Karriere und richteten eine eigene Website (www.selbstmarketing.de) ein. In München und Umland bieten sie inzwischen firmeninterne und offene Trainings und Seminare für Führungskräfte an, dazu eine Bewerbungsberatung - sowohl für Personalchefs als auch für diejenigen, die einen Job suchen.

Eine ganz andere Idee hatte Gabriele Holder: Geschenke verpacken. Jedes Jahr vor Weihnachten kam auf die Sekretärin aus Planegg bei München das Gleiche zu: Firmengeschenke für gute Kunden besorgen, sie hübsch einpacken und bitte die Karte mit einem freundlichen Text nicht vergessen. Typischer Sekretärinnen-Job. Würde ja Spaß machen, dachte sich die heute 45- Jährige, wenn nicht die eigentliche Arbeit unterdessen liegen bliebe: tippen, Telefonate erledigen, Termine machen.

Nach sechs Mal vorweihnachtlichem Päckchenschnüren kam Gabriele Holder die Idee: Ein Verpackungsservice - das wär`s. Gleichzeitig trug sie einen zweiten Einfall mit sich herum. Von ihrem Mann, einem selbständigen Handelsvertreter, wusste sie, dass Geschäftspartner und Kunden nur höchst ungern auf den Anrufbeantworter sprachen. Deshalb dachte sie daran, einen Büroservice einzurichten. Nur: "Bis man den ersten Schritt macht, dauert`s. Wenn Sie gut verdienen, geben Sie den Job nicht so einfach auf." Aber die Idee ließ sie nicht mehr los. Drei Jahre später kündigte sie doch. Konkreter Anlass: keiner.

Für den richtigen Kündigungs- Zeitpunkt gibt es laut Steindl nur ein einziges Kriterium: erst dann in die Selbständigkeit, wenn man sich entsprechend vorbereitet hat. "Der Reiz, sein eigener Chef zu sein, sollte nur Motivation, aber nicht Auslöser sein." Existenzgründer sollten ein tragfähiges Konzept haben und ein Finanzierungsmodell, das auch die Banken überzeugt.

Immer das Gleiche zu machen, keine neuen Herausforderungen mehr zu bekommen, das Gefühl, auf der Stelle zu treten, und die Ahnung, eine bestimmte Marktlücke zu sehen, all das war auch Anlass für die Gründung von "Kontor5". Gabriele Hoffmeister-Schönfelder, Ingenieurin, war Leiterin des Projekts "Frauen bei Philips" und seit 1992 zuständig für das Thema "Frauen in Führungsfunktio-nen". Im gleichen Jahr engagierte sie sich für die Gründung des "Forums Frauen in der Wirtschaft", einem Zusammenschluss von inzwischen 18 Großunternehmen, die sich aktiv für eine spezielle Frauenförderung einsetzen.

Irgendwann sah sich Frau Hoffmeister-Schönfelder als "Quelle des Wissens". Sie wurde als Referentin von anderen Unternehmen eingeladen, und schließlich häuften sich die Anfragen, so dass sie mehr Zeit in anderen Firmen hätte verbringen können als in der eigenen. Sie merkte, wie gefragt sie war, und kündigte 1997. Auf einmal hatte Gabriele Hoffmeister-Schönfelder kein "Back-office" mehr, Dinge wie Papierkaufen und Flügebuchen nahm ihr niemand mehr ab. Oft dachte sie sich da: "Warum hab ich mir das bloß angetan?" Sie merkte: "Ich kann nicht alles, ich bin keine Sekretärin." Und suchte sich eine Buchhalterin, die gleichzeitig das Sekretariat managte.

Genau das rät der Mann vom Existenzgründerbüro, Hermann Steindl. Wer meint, gleich mit viel Personal anfangen zu müssen, macht ebenso einen Fehler wie diejenigen, die glauben, alles allein machen zu können und zu müssen. "Eine Zeit lang geht es zwar allein, häufig ist es aber besser, jemand anderen mit den zeitaufwendigen administrativen Tätigkeiten zu beauftragen." Die gesparte Zeit lässt sich dann ganz zielgerichtet einsetzen: zum Beispiel, um Kunden zu akquirieren.

Nach zwei Jahren frauenspezifischer Personal- und Unternehmensberatung sagte Gabriele Hoffmeister-Schönfelder: "Ich schaff es nicht." Zumindest nicht allein. Um auf der "top 99" den Messe-Auftritt für das "Forum Frauen in der Wirtschaft" zu organisieren, fragte sie ihre ehemalige Kollegin Kirsten Ohl, ob sie sich um das technische Management kümmern könnte. Danach sagten sich die Frauen: Aus dem Thema Chancengleichheit machen wir mehr, der Bedarf ist da. Jetzt fehlte noch jemand, der Texte schrieb - professionell, engagiert. Gabriele Hoffmeister-Schönfelder fand Petra Brackert. Deren früherer Arbeitsbereich, die Erwachsenenbildung, war geoutsourct worden, und sie dachte schon länger darüber nach, sich selbständig zu machen. "Da hat die Kündigung geholfen." Seit dem 1. Januar dieses Jahres gibt es die GmbH "kontor5 - Beratung und Konzepte". Gemeinsam haben die Frauen ihre Stärken und Schwächen herausgearbeitet, dann die Verantwortungsbereiche aufgeteilt - und sind trotzdem ein Team geblieben. Das hat ihnen beim Schritt in die Selbständigkeit geholfen.

Auch wenn der Wunsch nach neuen Herausforderungen bei allen Frauen, die sich selbständig gemacht haben, wichtiger war als das sichere Einkommen - die Frage "Kann ich von meiner Arbeit leben?" hat bei allen anfangs für schlaflose Nächte gesorgt. Schließlich hatten sie sich an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt, und den will man natürlich beibehalten. Gabriele Hoffmeister-Schönfelder formuliert, was sie alle denken: "Das Ziel ist, mit unserer Arbeit Geld zu verdienen. Wir sind schließlich keine Samariter."

Angelika Dietrich
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