Modelabel manomama: "Hier ist man was wert"

Die Unternehmerin Sina Trinkwalder stellt in ihrer Textilfabrik am liebsten Frauen ein, die sonst keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Mit Erfolg.

Marianne Hoffmann hat früher im Akkord genäht

Das halbe Leben war sie eine Nummer. 35 Jahre lang hat Marianne Hoffmann, 55, in einer Textilfirma im Akkord gearbeitet, im Blusenband, Nummer 194. Die Einzigen, die sich für sie interessiert haben, sagt sie und hält die ratternde Overlock-Nähmaschine kurz an, waren die mit der Stoppuhr: Effektivierer, die Arbeitsprozesse stoppten. Wo kann man noch ein paar Sekunden rausschlagen? Marianne hat immer mitgemacht. Zwei Wochen vor ihrem 35-jährigen Firmenjubiläum schloss der Juniorchef den gesamten Standort. In Rumänien gehe das billiger. Marianne Hoffmann streckt ihre Finger wie zur Maniküre. "Die waren schon großteils in der Nähmaschine. Dafür?" Für einen Chef, der sie einfach so rausschmeißt? Hier, meint sie heute und nickt mit dem Kopf über ihre Nähmaschine in die Fabrikhalle mit den gut 80 Näherinnen, "hier werde ich gesehen". Mit jedem Problem könne sie kommen. Und wenn sie das Pensum mal nicht schafft, setzt sich sogar die Chefin dazu und näht. "Sina hat mir versprochen, dass ich hier bis zur Rente arbeiten darf."

"Wir wollen arbeiten. Wir können arbeiten"

Tochter Melanie arbeitet als Umdreherin

Melanie Schenk fängt immer am linken Rand an. Sie fährt mit den Daumen zwischen die Lagen, strafft den Stoff, dreht die Handgelenke nach außen und krempelt den Beutel über einen Stahlbügel. Dann wieder runter damit, auf den Stapel, fertig. Weniger als sechs Sekunden braucht sie dafür. Und wieder von vorn. Melanie Schenk, 31, blonde Locken, ist Umdreherin bei Manomama. Sie dreht Baumwoll-Einkaufstaschen von links auf rechts, 4000 Stück am Tag, acht Stunden lang, fünf Tage die Woche, für zehn Euro die Stunde. Sie sagt: "Ich will nicht tauschen." Neben ihr ihre Mutter, Monika Giersig, 53. Sie war dabei, beim ersten Arbeitstag in der Halle. Damals hatte sie Probleme, durch die schmalen Gänge zwischen den Paletten zu kommen, so dick war sie. Furchtbar, sagt sie, wenn sie Bilder von damals sieht. Seitdem hat sie 20 Kilo abgenommen. "Wir wollen arbeiten. Wir können arbeiten. Uns gibt nur sonst niemand eine Chance."

Zwei Reihen weiter sitzt Marianne Hoffmann, die frühere Akkordnäherin. Sie hatte über tausend Bewerbungen geschrieben, ist aus Oberfranken in die Textilstadt Augsburg gezogen, weil sie sich hier bessere Chancen erhoffte. Vom Amt kam kein einziger Vermittlungsvorschlag. Im Grunde wolle sie doch gar nicht, hatte man Marianne Hoffmann auf dem Arbeitsamt gesagt. Sonst hätte sie doch schon längst was gefunden. Depression, Reha, Psychopharmaka - fünf Jahre lang, "es war die härteste Zeit meines Lebens", sagt sie. "Nicht mehr gebraucht zu werden. Das hat mich fertig gemacht." Jetzt näht sie wieder. Ihre Hausärztin hatte ihr von der kleinen Augsburger Textilfirma erzählt. "Die beste Medizin" nennt es Marianne. Sie fühle sich in der Fabrikhalle daheim, sagt sie. "Man ist hier was wert - obwohl wir nicht mehr so können." Marianne trägt Hausschuhe.

Monika Giersig war vom ersten Tag dabei

Wenn das hier funktioniert, dann ist das das Ende der Ausreden. Hier, in einer Fabrikhalle zwischen Einkaufscenter und Fastfood-Restaurant, Blick auf den Parkplatz, mitten in Augsburg, im "Textilviertel", wie es noch auf den Schildern der Stadtautobahn steht, obwohl hier schon längst niemand mehr produziert. Erst Ungarn, dann Rumänien. Und jetzt alles nach Asien. Wie immer, wenn es um einfache Tätigkeiten geht, die in Billiglohnländer ausgelagert werden können. "Wenn das hier funktioniert", sagt Sina Trinkwalder und breitet ihre Arme aus, "wenn das mit der händisch intensiven Textilwirtschaft hier funktioniert, dann muss Bosch in Zukunft auch seine Bremsscheiben in Deutschland bauen und Rowenta die Bügeleisen und..." Es ist 9.40 Uhr, es ist die Stimme einer Löwin, Monika, die durch die Fabrikhalle donnert: "Pause!" Sie brüllt gegen den Lärm von 87 Industrie-Nähmaschinen an. Gegen die Overlocker, die die Stoffe mit fast zwei Meter Garn pro Sekunde zusammenrattern und dröhnen wie Laubbläser; gegen die Stepper für den Saum, zweimal umgeschlagen, die klappern wie Heckenscheren; und sogar gegen die Maschinengewehrsalven der Riegler, die das eingenähte Henkelband fixieren.

Die Löwin ist Monika. "Die würden sonst gar nicht aufhören", sagt sie. Für die ersten 20 000 Taschen hatten sie einen ganzen Monat gebraucht. Die Produktion war nicht eingespielt, einzelne Schritte chaotisch. Es war Sina Trinkwalders erster großer Auftrag, von dm. Die Drogeriekette wollte Einkaufstaschen aus Bio-Baumwolle, nachhaltig und sozial produziert. Inzwischen gehen 15.000 Taschen pro Tag raus. In der Pause vor der Fabrikhalle: BiertischGarnituren, überfüllte Aschenbecher, einen Happen essen. Melanie, die mit den Wangen lachen kann, ohne ihre Mundwinkel zu verziehen, erzählt von früher, von ihren Jobs vor Manomama. Vom Putzen im Hostel, wie sie ewig ihrem Geld hinterhergerannt ist; von dem Brotzeit-Service, bei dem sie - auch damals gemeinsam mit ihrer Mutter - die ganze Nacht lang Snacks vorbereitet hat, bis um 6.30 Uhr der Ausfahrer kam. Von ihrem Job als Spülerin, bei dem sie irgendwann zur Köchin befördert wurde, verantwortlich sein sollte.

Melanie schüttelt den Kopf: "Aufstiegschancen, das ist nicht so das, was ich mag." Monika, ihre Mutter, erzählt von Zeitarbeitsfirmen und von Amazon. Sie betont es hinten auf dem "o", wie Ozon. Das sei eine irre Rennerei dort im Lager in Graben, südlich von Augsburg. Kein Arbeiten da. Lila Staub hat sich in Monikas Haaren verfangen, auf ihrer Strickjacke, sogar auf ihren Wimpern. Lila Taschen machen sie zurzeit. Alle drei Monate kommt eine neue Farbe und damit neuer Staub. Anfang des Jahres war Monika krank, eine Lungenentzündung, sie raucht viel. Nicht, dass sie nach ein paar Tagen nicht wiedergekommen wäre, sagt sie. Nicht, dass sie nicht gearbeitet hätte. Aber brüllen konnte sie nicht. Zwei Wochen später, als sie das erste Mal wieder brüllte, brandete Applaus auf. Und es kamen viele und bedankten sich: Schön, dass du wieder richtig da bist.

Jede kriegt zehn Euro die Stunde, egal, was sie tut

Marianne, die mit den Hausschuhen, erzählt von ihrem ersten Anruf bei Manomama. Sie solle doch gleich vorbeikommen, hieß es. "Nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit - gleich vorbeikommen?" Sie wurde mit einem Lachen empfangen, rumgeführt: Lass es uns probieren. Was willst du machen? "Ich habe sofort dazugehört." Jede Beschäftigte bekommt zehn Euro die Stunde, egal, was sie tut. "Wenn da niemand ist, der umdreht, wird die Tasche nie fertig. So einfach ist das", sagt die Chefin. Jeder hat ein Mindestsoll, wie viele Pakete mit Taschen er schaffen muss, abhängig vom Arbeitsbereich. Für mehr gibt es einen Bonus. Manomama will kein Nonprofit-Unternehmen sein. Die Firma schreibt eine schwarze Null. Alles, was die Firma abwirft, wird in neue Arbeitsplätze investiert.

Sina Trinkwalder

Sicher steckt auch eine Menge Trotz darin, den Sina Trinkwalder, die schon sehr früh von zu Hause ausgezogen ist ("weil man sich Familie nicht aussuchen kann"), nur kurz in ihrer Agenturzeit verbergen konnte. Kein Zufall, dass sie sich danach ausgerechnet den Textilbereich ausgesucht hat, die "Drecksaubranche", wie sie das nennt. "Die schicken das Hemd nach Rumänien, lassen es dort für 60 Cent das Stück nähen. Das kosten mich die Henkel für vier Taschen." Sina Trinkwalder rechnet ohne viel Marge, will Geld vor allem in Arbeit stecken, nicht in Gewinn. Sie redet schnell und viel und schwäbisch. Es geht um Anpacken, um Visionen für eine neue Gesellschaft und die Frage, warum wir am Sonntag lieber zwei Kilometer zum Tankstellen-Shop fahren, statt den Nachbarn um eine Tüte Milch zu bitten. Sie schwärmt von ihrer Jeanslinie, "Augschburgdenim", von Babyklamotten und Filzmänteln. Alles selbst designt, ein noch kleines Sortiment, übers Internet vertrieben, oft wird erst auf Bestellung produziert, "nachhaltiger".

Der Gewinn fließt fast komplett in neue Jobs

Vor allem erzählt sie aber von Einkaufstaschen. Hochwertig, regional, ökologisch. Schon allein das Material koste sie rund 1,30 Euro. Die Henkel kommen aus Schwarzach. Der Nähfaden aus Ansbach. Die Bio-Baumwolle wird hier gewoben, hier gefärbt. Die Reste sortenrein wiederverwertet. Bei jeder Tasche bleiben gerade mal 0,4 Cent Gewinn übrig. Andere Textilfirmen kalkulieren mit 20 Prozent Marge. "Ich definiere Gewinn einfach anders. Mir ist es etwas wert, wenn Menschen wieder arbeiten." Es gibt einen Gründungsmythos. Damals habe sie sich mit der Werbeagentur schon länger nicht mehr richtig wohlgefühlt: den Leuten Sachen aufschwätzen, Geld als Selbstzweck, ja, schon - aber zum Kippen gebracht habe es erst ein obdachloser Flaschensammler. Er habe vor ihrem Bürogebäude gesessen, erzählt sie, und einen Weihnachtsschmuck in seinen Fingern gedreht. Sie sah genauer hin. Er hatte ihn aus dem Papier einer Kampagne gefaltet, die sie verantwortet hatte. Das sei für sie der Schlüsselmoment gewesen. "Produzieren, mit den Händen arbeiten, da müssen wir hin. Wir müssen die Leute mitnehmen. Wir können doch nicht alle rumhirnen."

Natürlich hat auch sie schon Leute rausgeworfen. Drei junge Frauen, die sich partout die Fingernägel nicht kürzen wollten, obwohl sie damit ständig am Stoff hängen blieben. Zwei andere, die sie betrogen hatten. Natürlich gebe es Menschen, die nicht gesellschaftlich kompatibel seien, sagt Sina. "Aber es sind viel weniger, als wir denken. Viel weniger, als wir zur Zeit ausschließen." Die Frauen, die für Manomama arbeiten, haben oft eine lange Leidensgeschichte. Von einer Näherin hat Sina Trinkwalder im Nachhinein erfahren, dass sie zwei Wochen lang nichts anderes als vier Eierplätzchen gegessen hat. Schlicht, weil sie kein Geld hatte. "Aus Langzeitarbeitslosigkeit kommen nur ganz wenige ohne Schaden raus." Und dann die Eigenarten, die Spleens. Da gibt es die Frau, die früher Sargkissen genäht hat und jetzt täglich eine Stunde den Hubwagen durch die Gänge manövriert, vollkommen ohne Sinn. Die dann oft Kolleginnen anraunzt, deren Sachen im Weg liegen, sie müsse da jetzt durch. Eine andere meldet sich regelmäßig zwei Tage die Woche krank.

Die Firma Manomama, gegründet im April 2010, ist das einzige Social Business der Textilbranche in Deutschland. Die Arbeiterinnen werden über Tarif bezahlt, wer viel schafft, bekommt einen Bonus.

Sina Trinkwalder streicht sich die schwarzen Haare zurück. Sie weiß, dass sie selbst auch eigen ist - und stur sein kann. Sie mag das. Die Adlerfeder gilt als Symbol für Leichtigkeit und Stärke. Für ihr Firmenlogo hat sie zwei Federn genommen und sie wie Schwerter gekreuzt. Morgen um 4.15 Uhr wird bei Melanie wieder der Wecker klingeln. So wie immer. Um 4.45 Uhr wird sie ihren zehnjährigen Sohn wecken. "Er will das so", sagt Melanie: Familienzeit. Ab 5.40 Uhr wird sie mit ihrer Mutter in der Halle sitzen und Stofftaschen umkrempeln, über Stahlbügel, die wie Herzen aussehen. Rundrum brüllen die Maschinen. "Ich fang lieber früh an", sagt Melanie, "dann habe ich noch was vom Tag."

Jetzt sitzt Melanie auf dem großen Sofa in ihrem Wohnzimmer und macht Hausaufgaben mit Sean, ihrem Sohn. Er soll mal eine Ausbildung machen. "Deswegen muss er jetzt auch mehr Druck aushalten", sagt Melanie. Sean ist in der dritten Klasse, wächst ohne Vater auf, gute Noten belohnt seine Mutter mit Geld. Melanie selbst hat die Hauptschule ohne Abschluss verlassen. "Ich hab's nicht in die mündliche Prüfung geschafft." Sie presst die Lippen aufeinander, schaut auf die Wand, die große Vitrine mit 3-D-Puzzle-Arbeiten der Tower Bridge, des Eiffelturms, zentral dazwischen ein schreibtischgroßer Flachbildschirm. Dann entspannt sich Melanies Gesicht, und in ihre Wangen steigt wieder Lachen: "Bis jetzt habe ich sie noch nicht gebraucht, die Lehre."

Die Firma

Sozialunternehmerin Sina Trinkwalder will in ihrer Firma "Manomama" ökologisch einwandfreie Textilien unter transparenten und fairen Bedingungen dort produzieren, wo sie getragen werden. Das Ziel ist Nachhaltigkeit: Von der Jeans, die zum Erbstück werden kann (reißfester Zwirn, doppelte Kappnähte), bis zum Programm "Das letzte Hemd", in dem Restmeter zu Einzelstücken genäht werden. Verarbeitet werden ausschließlich ökologische Materialien, verkauft wird übers Internet: www.manomama.de. Da Banken an das Konzept nicht glauben und ihr keinen Kredit geben, jede neue Nähmaschine aber 1000 bis 6000 Euro kostet, hat Trinkwalder über Twitter und Facebook Maschinenpaten gesucht. In diesen Tagen wird die neue Produktionshalle eröffnet.

Text: Georg Cadeggianini Fotos: Toby Binder BRIGITTE

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